Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^N 304» Montag den 2â. Dezember 1849»
Dritte Ausgabe.
Uebersicht.
Partikularismus und Domokratie.
Deutschland. Frankfurt (Ordensverleihungen). — Darmstadt
(Der Landtag). — Karlsruhe (Ficklers Freilassung).— Berlin (Die politische Tagespreffe. Der Kaiser von Rußland).
Frankreich. Paris (Die Getränksteuer). — Straßburg (Die Getränksteuer angenommen).
Großbritannien. London (Das französische Paßsystem. Unglücksfall)-
Partikularismus und Demokratie.
Wir haben mehr Zuversicht als die Demokraten auf den endlichen Sieg unserer Sache. Wir verlangen blos den möglichen Bundesstaat mit nationaler Zentralregierung , geleitet und kontrolirt in ihrer Thätigkeit durch ein deutsches Volks- hauS, und wir sind überzeugt unter diesen Formen wird der deutsche Geist schon mit dem klebrigen zurecht kommen und wird der verständige Volkswille für unabweisbare Bedürfnisse schon Befriedigung finden können. Wir halten eS aber für eine aller Ehre' und Moral baare Gesinnungslosigkeit, jetzt alles Schlechte zu fördern, damit die Verzweiflung der Massen am Ende alles Bestehende Umstürze, damit vielleicht eine überall nur in der Theorie eristirende Demokratie Gesellschaft und Staat neu aufbauen, und das Widerstrebende Volk, und den nicht ihr gemäß geschaffenen Menschen nach Belieben zusam- menzwângen und auseinanderstrecken könne.
Wir wollen daS Mögliche, und haben daS Vertrauen, daß ohne Gewaltthat, gedeihlich und dauerhaft, und doch noch jetzt daS Volk und die Nation die unserer Kulturstufe in Wahrheit entsprechenden politischen Zustände sich schaffen kann und wird. Wir haben keinen Zweifel, die ehrlichen Demokraten wie die ehrlichen Aristokraten werden, wenn sie praktischer geworden, noch Hand in Hand gehen mit unS, und wann die Illusionen an der Wirklichkeit sich noch vollends zerrieben haben, werden alle deutschen Patrioten, waS ausführbar und allein befriedigend ist, mit uns fordern und unS erringen helfen. Denn was ist's doch eigentlich mit dem PartifulariSmuS in Deutschland, der heute so viel zu reden gibt, den man überall hätschelt und aufbläht, damit er der Popanz sey, , der vor einer vernünftigen Neugestaltung deö Vaterlandes fürchten mache? Die früher und seit Menschengedenken so vielfach im deutschen Reich vertheilten und verschenkten und vererbten Unterthanen und Landestheile sind längst entwöhnt, altehrwürdige Stammes- Eigenheiten und Ordnungen und Interessen als ihnen allein gehörig,, und als an ihren Landesregierungen perfonifizirl zu betrachten. Vernunft und Erfahrung kann einen Jeden doch genügend belehren, daß eine starke nationale Regierung in Deutschland auch jedem einzelnen Volkstheile ersprießlicher sey, als die Kleinstaaterei, — und ein Jeder kann wissen, daß nur eine solche Zentralregierung der staatlichen Anarchie in Deutsch- land, den Eifersüchteleien, dem Hader, dem Zerwürfniß der Fürsten unter einander, all den dynastischen Intriguen, welche immer nur daö Volk, und zuletzt allein und so theuer zu büßen
hat und welche nur den Fremden zu Gute kommen, ein er- sehntes Ende machen kann.
Und dann diese falsche Demokratie, welche ihre Theorien zuletzt gewaltsam dem Volke aufzwingen müßte, mit dem sie sich für identisch ausgibt, hat sie nicht eitles Spiel getrieben mit den heiligsten Interessen deS Vaterlandes! Wie ein eigensinniges Kind ein Stück bargebotenen Kuchens, von dem eS jo gern hätte, zurückweist und lieber gar keinen will, weil es daS Stück für ein wenig kleiner hält, als ein danebcnliegenbeS, so sahen wir im ganzen Verlauf der Revolution diese Demokratie alles Erreichbare nicht wollen, weil eS ihren Ansichten nicht völlig entsprach. So sehen wir heute wieder die demokratische Partei den angebotenen Erfurter Reichstag zurückweisen. Hauptsächlich wohl nur, weil er von Fürsten ange- boten ist, und wir sehen -sie damit in denselben Fehler fallen, welcher der preußischen Regierung so übel vermerkt worden, da .diese die Frankfurter Reichsverfassung nicht auS den Händen der souveränen Nationalversammlung hatte anndhmen wollen, sondern selbst souverän eine andere, wenn auch wesentlich dieselbe , der Ration zur Annahme vorlegte. — Und da man nun einmal dem Grund der Vereinbarung über eine deutsche Verfassung mit den Regierungen, durch die Umstände gezwungen, sich fügen muß,— können die nationalen Bevürfnisse Deutschlands auf dem Erfurter Reichstag sich nicht ebensogut geltend machen, alS auf dem Frankfurter oder irgend einem andern, und kann die im Leben befindliche deutsche Volksvertretung nicht daS Nöthige noch Alles nachholen, und ist eS deS Mannes würdig, sich selbst zu Leid und den Feinden zu Lieb daS Nichtniögliche zu verlangen und das Mögliche zu verschmähen ? Jeder Deutsche jedes Landes muß sehnlichst wünschen auf dem Reichstage zu Erfurt vertreten zu seyn, welcher berufen ist, eine mögliche Verfassung für den deutschen Bundesstaat mit den Regierungen zu vereinbaren, und keine Spur von politischem Verstand und Patriotismus , von Mannscha- rakter und deutschem politischem Bieverstnn zeigt daS Benehmen Derjenigen, welche den Dynastien fortwährend helfen, ihre vollen Partikularhoheiten in Anlehnung an Oesterreich wieder aufzubauen und als Schranken gegen die deutsche Einheit hinzustellen.
Deutschland.
Frankfurt, 22. Dez. (O.-P.-A.-Z.) Se. Majestät der Kaiser von Oesterreich hat dem Präsidenten deS vormaligen Reichsministeriums, Fürsten August von Sayn-Wittgenstein-Berleburg daS Großkreuz des Leopoldordens, dem vormaligen Reichsminister der auswärtigen Angelegenheiten und der Marine, General JochmuS, dem vormaligen Reichs- minister der Justiz, deS Innern und beS Handels Detmold, unv dem vormaligen Reichsminister der Finanzen Merk, daS Kommandeurkreuz dieses Ordens verliehen.
Darmstadt, 22. Dez. (O.-P.-A.-Z.) Heute ist der Abg, Dr. Helv mann (früher Mitgliev der ReichSverfainmlung) verhaftet worden, während er am MittagStische im Gasthaus