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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

M 2N8.

Montag den L7. Dezember

18âN

Dritte Ausgabe.

Uebersicht.

Carl Biedermann's Ansichten über das Veto, das Wahl­gesetz, die Volkssouveränetät und die moderne Demokratie.

Deutschland. Erfurt (Preßprozeß). München (Die Verhandlungen über die Judenemanzipatiou. Kammerbeschluß). B erlitt (Die an­gebliche Allianz der vier Könige). Wien (Hofauffahrt. Statistik der Diebstähle. Die Festung Olmütz. Stockprügelstrafen in Siebenbürgen. Die Koffuth-Noten. Kübeck und Schonhals. Eisenbahnunfall).

Großbritannien. Lo N d o n (Letztwillige Verfügung der Königin Adelheid).

%* Carl Biedermann s Ansichten über das Veto, das Wahlgesetz, die Volkssonveräne- tät und die moderne Demokratie.

(Schluß.)

Ungleich größer und praktisch eingreifender war der Gegen­satz, welcher die Anhänger der Volkssouveränetät in ihrer wah­ren und edlen Gestalt abschied von den Götzendienern jener fälschlich sogenannten Volkssouveränetät, deren eigentliches Ziel und Wesen weit richtiger die von Welcker erfundene Bezeichnung derKrawallsouveränetät" ausdrückt. Jene Partei meine ich, welche keinen Begriff davon hat, wie der ächte, vernünftige Volkswille nur daS Resultat sein könne eines organischen Zu­sammenwirkens aller Theile des Volkes in wohlgegliederten po­litischen Institutionen, nicht der ungeläuterte Ausdruck angeb­licher Stimmungen einer zusammengelaufenen, leidenschaftlich erregten Menge, welche daher jeden politischen Klub und jede Volksversammlung für einen berechtigten Repräsentanten der Volkövernunft ansieht, als die aus allgemeinen Wahlen her, vorgegangene Nationalversammlung (versteht sich, wenn jene in ihrem Sinne, diese sich gegen sie ausspricht, denn im ent­gegengesetzten Falle ist die Sache natürlich sofort eine andere); welche die Volkssouveränetät, die Wahrheit und die Freiheit jederzeit da und nur da erblickt, wo ihren Ansichten, ihren Wünschen, ihren Planen stattgcgeben wird jene Partei, welche zuerst die Nationalversammlung als daS allein berech­tigte Organ des souveränen Volkswillens prieS, so lange sie hoffte, hier ihre Ideen durchzusetzen, dann, als dieS mißlang, von ihr an die einzelnen LandeSversammlungen appellirte, fer­ner da, wo diese gleichfalls nicht in ihrem Sinne handelten, sie durch Volksversammlungen undsouveräne KlubS" tyran, nisirte, endlich bei den Volksversammlungen und in den KlubS auch wiederum nur ihre und ihrer Parteiführer souveräne Mei­nung zu Worte kommen ließ.-- .

Daß diese Partei die Republik wollte, die demokratisch­konstitutionelle Monarchie aber nur so lange ertrug, als sie sich nicht stark genug fühlt, um ihre Plane durchzusetzen, daS unterschied sie zwar wesentlich von der gemäßigten Linken und dem linken Zentrum, welche, wenn auch zum Theil der Re, publik in der Idee den Vorzug gebend, doch die konstitutionelle Monarchie aufrichtig und auS Ueberzeugung festhielten, als

die zur Zeit für Deutschland heilsamste Negierungsform allein daraus würde ich derselben noch keinen Vorwurf machen, wenn nur das, was ftr unter der Form der Republik an- strebte, eine wirklich, lebensfähige, organische, vor der Vernunft und Geschichte bestehende Gestaltung wäre. Aber das ist'S ja eben, daß mit den Grundsätzen, welche diese Herren in der Praxis zur Anwendung bringen, mit der Mißachtung der par­lamentarischen Majoritäten, mit den Appellationen an die un­mittelbaren Aussprüche des Volkswillens, ja selbst an die rohe Gewalt der Massen, andererseits mit der Tprannisirung der Minorität wo sie selbst in der Majorität sind daß mit solchen Grundsätzen überhaupt kein vernünftiges Staatswesen, am aller­wenigsten aber ein republikanisches bestehen kann. Wenn Herr Simon von Trier die Anarchie und die Revolution für den nor­malen Zustand der Gesellschaft erklärt, weil da Jeder frei sich selbst bestimme, wenn Herr Ruge, ausgehend von der Idee, daß jeder kleinste Theil eineSStaatsganzen sich souverän politisch und na­tional entwickeln müsse, gegen die Unterdrückung panslavi« stischer Bestrebungen auf deutschem Gebiet eifert, wenn Herr Schlöffel eine sofortige unentgeltliche Aufhebung aller mög­lichen Eigenthumsrechte' predigt so hört hier freilich alle politische Gestaltung auf und wir besinden unS an jenem schauerlichen Abgrunde der Auflösung jeder staatlichen und ge­sellschaftlichen Ordnung, in welchen zwar diese Partei mit frevelhaftem Uebermuthe nicht sich selbst, wie der große Römer Curtius nein, das Glück, den Wohlstand, das Leben von Tausenden und aber Tausenden ihrer Mitmenschen hinein­zuwerfen sich nicht bedenkt, über welchen hinweg aber noch keiner dieser Weltverbesserer die sichere Brücke zu schlagen ver­standen hat zu dem geträumten Eldorado dersozialen Repu­blik", von dem sie doch so viel zu reden wissen.

Die rohe, plumpe oder leichtfertige Art der Auffassung politischer Verhältnisse, der Mangel jedes tieferen Einblicks in die Natur des Staates und der Gesellschaft, überhaupt jedes Organs für positive Gestaltung, daS kecke, anmaßliche Negi- ren und Opponiren gegen jede politische That , und dabei die gänzliche Ohnmacht des Bessermachens, die Unfähigkeit, den eigenen Willen und die eigene Einsicht dem objektiven Gesetz der Thatsachen oder der Autorität vernünftiger Gründe unter­zuordnen, endlich der Ungestüm, welcher die einmal vorgefaßte Meinung als die alleinseligmachende Allen aufdringen und über­all zur Geltung bringen möchte, .und dazu die geringe Ge­wissenhaftigkeit in der Wahl der Mittel, diese Eigenschaften waren so ziemlich allen Mitgliedern der Linken etwas mehr oder weniger, was trägt'S aus? gemeinsam und brachten unter ihnen eine Solidarität der'Ansichten und der Hand­lungsweise hervor,--

Deutschland.

Erfurt, 11. Dez. (O.-P.-A.-Z.) Der Redakteur der hier erscheinendenNeuen Erfurter Zeitung", Mitglied der früheren Nationalversammlung in Berlin, GoSwin Krakrügge, be­kannt .auS dem früheren Prozesse gegen den RegierungSrath