Zuschrift des F.-Z.-M. Weiden zur Insertion einschickte. Es heißt in dem erstgenannten Schreiben:
Herr Redakteur! Laut anliegender Zuschrift des hohen Zivil, und Militärgouverneurs von Wien ist daö Erscheinen meines Journals, die „Presse" während der Dauer des Belagerungszustandes suspendirt. Sie werden daraus entnehmen, daß keine direkte Warnung diesem Verbote vorausgegangen ist, noch irgend ein bestimmter Artikel bezeichnet ist, welcher die Bedingungen der mir ertheilten Konzession verletzt hätte. Ich werde mich beeilen, meinen verehrten Abonnenten unverzüglich mitzutheilen, in welcher Art ich meinen Verpflichtungen gegen sie am geeignetsten nachzukommen glaube. August Zang.
Der eindruck, den das Verbot der „Presse" auf die beiden andern Oppositionsblätter, den „Wanderer" und die „Ostdeutsche Post", ausgeübt hat, ist ein ganz eigenthümlicher. Noch in der Nacht wurden von beiden Redaktionen die Leitartikel, welche für die heutige Morgenausgabe bestimmt waren, zurückgezogen. Die Nothwendigkeit eines solchen Schrittes leuchtet übrigens nicht ein, da der Ton dieser Blätter gegenüber dem von dem Zang'schen Institut angeschlagenen nichts weniger als aufregend genannt werden kann.
Wien, 9. Dez. Der Konstitutionellen Zeitung wird geschrieben: Die Thätigkeit, welche die Regierung in allen Zweigen entwickelt, ist ungemein groß, man sieht die Anstrengung, sich zu behaupten und die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen. Aber ob dieser Zweck erreicht wird, steht noch in Zweifel; denn das Mißtrauen in allen Klassen der Bevölkerung ist immer noch groß, und es wird durch zufällige Umstände noch genährt. So hat eS mit der von der Presse gebrachten Notiz, daß der Adjutant des Kaisers, Graf Grünne, der dem Volk, ich weiß nicht mit welchem Recht, als reaktionär gilt, bei allen Ministerkonseils gegenwärtig sey, seine Richtigkeit, aber zugleich muß dabei auch bemerkt werden, daß er durchaus keinen Einfluß zu nehmen berechtigt ist, nicht einmal mit- sprechen darf, sondern einzig und allein zu dem Zwecke gegenwärtig ist, um dem Kaiser sogleich auch den Beschluß der Berathung mitzutheilen und von dem Vorgefallenen Rapport zu erstatten. Gewiß wäre eS zweckmäßiger, es geschähe dies durch . einen der Minister selbst, man würde so zu dem Gerüchte keinen Anlaß geben. Sehr ungern sieht man ferner, daß die ganze Umgebung des Kaisers nur aus Militärpersonen besteht, und die 14 Adjutanturen machen immer mehr böses Blut. Auch das gefällt nicht sehr, daß sich der junge Monarch nie anders als in der Uniform eineS Generals zeigt: das österreichische Volk, besonders der Wiener, ist es gewohnt, seinen Monarchen in populaircr Gestalt und Haltung zu sehen; daS hat nicht wenig beigetragen, das Volk selbst gegen das alte System geduldig zu stimmen, und eS ist wenigstens nicht klug, eine solche Rücksicht, die sich so leicht beobachten läßt, ganz außer Acht zu lassen. Wie ich höre, geht daS Bestreben deS Ministers des Innern dahin, den Monarchen dazu bestimmen, und eö wäre der Erfolg, so gering er an sich erscheinen mag, sehr zu wünschen.
Wien, 8. Dezbr. In letzterer Zeit war in den hiesigen Journalen über den Nachlaß des Kaisers Franz sehr viel zu lesen; doch waren es bloße Muthmaßungen ohne reellen Werth. Die Kommission, welche zur Ordnung der Verlassenschaft niedergesetzt worden, ist vor kurzem mit ihren Arbeiten fertig geworden. Der ganze Nachlaß, insofern er den Kaiser Ferdinand betrifft, beläuft sich, wie ich auS ziemlich verläßlicher Quelle erfahre, auf zwei Millionen Gulden K. M. in Silbermünze, und nebstdem auf eine sehr hohe doch nicht bekannt gewordene Summe in Schmucksachen, deren sehr viele zurückgeblieben sind. Der Peivatsekretâr Ferdinands befand sich vor zwei Tagen in unsern Mauern, um das gesammte Vermögen zu erheben, und nach dem dermaligen Aufenthalte des hohen Erben zu bringen. Es scheint demnach, daß Kaiser Ferdinand längere Zeit in der Hauptstadt des zum Kronland gewordenen Königreichs Böhmen zu verweilen beabsichtige.
Der Brand der Guß - und Schlageisenwaarenfabrik deS Schweizers Speker hat einen Schaden von 350,000 fl. K. M. verursacht. Man sagt, daS Feuer sey durch die Unvorsichtigkeit deS Wächters des Eisengußkessels entstanden, indem derselbe eingeschlafen , und die glühende Masse überströmt sey. Der Fabrikinhaber befindet sich eben auf einer Geschäftsreise, , und wird nicht wenig erschrecken, wenn er in den Tagblättern '
liest, daß, mit Ausnahme seines Wohngebäudes, alles, was zur Fabrik gehörte, von den Flammen verzehrt wurde.
Die „Ostdeutsche Post" läßt sich von Prag, 5. Dezember schreiben: Krieg oder Frieden? das ist die Frage, welche seit einigen Tagen von Munde zu Munde geht. Ein Gerücht jagt das andere. Bald sollen unsere Truppen in die deutschen Nachbarstaaten eingerückt seyn, bald sollen die Soldaten Marschordre bekommen, bald sollen Kanonen abgegangen seyn. Die meisten dieser Gerüchte haben sich jedoch bisher als unwahr bewiesen. Nichts desto weniger ist eS gewiß, daß die Garnisonen in Böhmen Befehl erhalten haben, sich zum Marsche bereit zu halten. Die Offiziere kaufen seit einigen Tagen alles was sich an Karten von Deutschland vorfindet, zusammen. Es fehlt unserer Armee nicht an Heißsporns, und paukt man auch bei unS nicht stets wie unsere preußischen Nachbarn: wir seyen ein kriegerisches Volk, so fehlt uns doch der Muth nie, wenn eö zum Dreinschlagen kömmt, und dem Soldaten sagt daS Leben im Felde, wo Ehre und Beförderung winken, mehr als das Kasernenleben zu. Ganz anders wird eS im Kreise des Nâhrstandes betrachtet, wo man mit Entsetzen daran denkt, es könne ein Krieg werden. ES ist noch nicht gar lange her, daß Gewerbe und Handel wieder in Aufnahme sind; mehrere Fabriken arbeiten wieder, die Geschäfte gehen passable, und wer arbeiten will, der kann sich Brod erwerben. Trotzdem sind die Wunden, welche die verflossenen anderthalb Jahre geschlagen, noch sehr wenig vernarbt. Viele Kapitalisten, Manu, faktur- und Fabrikbesitzer, viele Kaufleute sind durch die lange Stockung sehr herabgekommen, viele sind insolvent geworden; und doch hat der Krieg nur in weiter Ferne von hier gewüthet. Bei einem Krieg mit den deutschen Nachbarstaaten würde d'er kaum wieder begonnene Fabriksbetrieb von Neuem in Stocken gerathen, unser Land, das so ziemlich unversehrt davon gekommen ist, würde aufs Neue und erst so recht zum Schauplatze der Verwüstung werden. Ungarn ist noch nicht in dem Zustande, um einen Ausfall an Cerealien, der durch Nichtbestellung des Landbaus zur Kriegszeit entstände, zu decken. Die Elemente des Aufruhrs sind daselbst noch nicht gebannt, unsere Geldmittel sind so ziemlich erschöpft, ein Krieg mit Preußen, das wohl gerüstet ist, wäre jedenfalls von längerer Dauer und die Kalamität um so größer. Der Krieg wäre außerdem unpopulär; das österreichische Staatsgebäude ist auch bei weitem noch nicht so konsoiidirt, um eö einem Stoße von Außen auösetzcn zu können.
G r o ß b r i t a n n i e u.
London, 10. Dez. Dem Weekly Chronicle zufolge würde die nächste Session deS Parlaments am 29. Januar eröffnet werden. Man versichert, daß das Kabinet für das nächste Jahr eine neue Verminderung der Streitkräfte zu Land und Meer beabsichtige. Die Gerüchte von einer bevorstehenden Ku< binetsänderung werden jetzt selbst vom Standard, der so unglücklich war, ihnen zur Fleischwerdung durch die Presse zu verhelfen, stark in Zweifel gezogen.
G r i e ch enl and
Athen, 27. Nov. Ein Gericht ist in Umlauf von einer englischen Note, welche nichts weniger bezwecken soll, als die Reklamation einiger kleinen Inseln, welche seit der Gründung des Königsreichs in den Bereich desselben gehörten, uns die so sehr mit dem griechischen Festland in inniger Beziehung stehen, baß der Besitz derselben in den Händen einer fremden Macht eine wahre Ironie und ein Hohn für Griechenland wäre. England soll sich dabei auf den Londoner Vertrag berufen (was läßt sich nicht Alles auS einem Vertrag erklären!) und so bescheiden seyn, alle Eilande zwischen den Ionischen Inseln und Griechenland in Anspruch nehmen. (A. Z.)
Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riehl.
Die erste Ausgabe des politischen Blattes wird an jedem Werktage, Nachmittags um 3 Uhr, ausgegeben oder kann im Expeditionölokale abgeholt werden.
Die Expedition der Nass. Allg. Zeitung.
Druck und Verlag der L. Schelleuberg'schen Hof, Buchhandlung in Wiesbaden,
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