Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^N 293» Dienstag den 11» Dezember 18419.
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränume- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßberzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tariâfchen VerwaltungSgebieteS 8 fl. 1O kr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen« terg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
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Uebersicht.
Volksbldiung.
Deutschland. Aus Rhein Hessen (Die Demokraten). — Aus dem
G r o ß h e r z o g t h u m Hessen (Die Physiognomie der neuen Kammer).
— Würzburg (Jnsultirung eines Offiziers). — Berlin (Die beiden Kammern. Ohm und Genossen, v. Hinkeldey. Reibungen. Die öffentliche Meinung. Die Demokraten). — Königsberg (Freisprechung).
— Wi e n (Ministerkrifis).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Großbritannien. Land on (Schuldenbeitreibung im großen Style).
Amerika. Vereinigte Staaten (Unfall).
Sprechsaal für Stadt und Land.
Volksbildung.
Man sagt, das Geld habe sich die Herrschaft über die Welt errungen und die Armuth sey der Fluch, der aus den untern Klaffen laste. Wir sprechen anders: der Geist hat sich die Herrschaft errungen und auf den untern Klassen lastet der Mangel geistiger und sittlicher Bildung. Wer mit klarem Auge den großen Fortschritten der Zeit zu folgen im Stande ist, dem wird auch immer der Kopf oben stehen; wer diese Zeit nicht begreifen kann, wer geistig unfähig ist, mehr zu thun, als der alte Schlendrian ihn gelehrt hat, der wird von der Zeit überholt, zu Boden geworfen und zertreten. Und dahin gehören die untern Schichten des Volkes. — Betrachten wir den Handwerker. Er tritt aus der Schule, oft kaum mit den allernothwendigsten Kenntnissen versehen, in die Lehre ein, macht drei Jahre den Sündenbock in der Hauswirthschaft seines Meisters, wird im vierten nothdürftig für den Gesellen zugestutzt und losgesprochen. Jetzt ginge die eigentliche Lernezeit für ihn an; wer sagt aber dem Uncrfahrncn, was die Zeit einmal von ihm verlangt, wo ist ein Halt für ihn in der neuen, ungewohnten Selbständigkeit? „Genuß" heißt jetzt sein erstes und vorzüglichstes Lebensgebot, und die Arbeit ist nur die unangenehme Nothwendigkeit, sich die Mittel dazu zu verschaffen. Sorgen und Lernen für die Zukunft kennt fast Keiner. Sind drei oder vier Gesellenjahre verstrichen, so kann er kaum die Zeit erwarten, sich das Meisterrecht zu erwerben und zu heirathen. Er setzt sich als Meister und cs geht zur Roth bis zum ersten Kind. Da ist meist zugesetzt, was er und sein Weib gehabt. Verdienst ist nicht genug da, er hat weder die Mittel, noch die Befähigung, die Konkurrenz aus, zuhalten, die Ausgaben aber werden stärker. Entweder fällt er jetzt einem großen Meister in die Hände, für den er arbeitet und kaum das Brod dabei verdient, oder der Erekutor räumt ihm die Stube aus, und eö wird ihm nicht einmal mehr das Material zu einer Arbeit anvertraut. Er zieht in eine Dachkammer, und fristet sammt seinem Weibe das Leben durch Handarbeit, wenn er sich nicht schon früher dem Trunke ergeben und seinem Weibe die Sorge für den Unterhalt allein überläßt. — Oft aber tragen die Weiber recht ordentlich zum Verfall der Wirthschaft bei. Und das ist eine alte Wahrheit, wie eine tüchtige Frau eine Wirthschaft noch lange hält, wenn auch
der Boden schon untergraben ist, so richtetauch ein liederliches Weib im Umsehen einen Haushalt zu Grunde, der auf festen Füßen stand. Und wenn nun wankender Boden und Liederlichkeit zusammentreffen? Gehe man die Geschichten unserer kleinen heruntergekommenen Handwerker durch, ob die bezeichnete Schablone nicht fast zu Allen paßt. Betrachten wir den Taglöhner, den Fabrikarbeiter. Er weiß meist kaum etwas von Lesen und Schreiben. Als Kind hat er den Eltern verdienen helfen müssen, und die Schule kaum in den untersten Klaffen gesehen. In der Fabrik ist er schon im zarten Alter zu Grunde gegangen. Wo soll er die geistige Fähigkeit hernehmen, um den Anforderungen der Zeit zu genügen, um sich als selbstthätiges Mitglied in der Gesellschaft halten zu können? Er ist und bleibt nichts als die Maschine. Und wenn einmal die Arbeit für ihn fehlt? Er selbst vermag sich zu keinem neuen Erwerbszweige aufzuschwingen. Er geht entweder in dumpfer Gefühllosigkeit zu Grunde oder erzwingt sich, auf die rohe Kraft trotzend, die Mittel zu einer neuen Fristung seines elenden Daseyns. — Das Elend, das auf den unteren Klassen ruht, ist nicht die materielle Armuth allein; erst im Verein mit der geistigen und sittlichen Verwahrlosung, mit der ausgcarteten Rohheit wird sie zu dem Ungeheuer, daS sei, nen Träger zermalmt und Krieg allen bestehenden Verhältnissen erklärt. — Nehmen wir das Volk auf dem Lande. Die Aermeren müssen in vielen Gegenden in ihrer Jugend fast zwei Dritttheile des Schulunterrichts mit Viehhüten rc. versäumen. Im gereifteren Alter vermiethen sie sich entweder, heirathen dann und treten in den Stand anderer Taglöbner ein, oder sie haben ein Stückchen Land, das ihnen zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig gibt. Bei Keinem ist der Geist so weil geweckt, daß er auf eine weitere Verwerthung seiner Kräfte durch anderweitigen Verdienst spekuliren, daß er durch weitere Kultivirung seiner kleinen Wirthschaft sich heben könnte. Und wie ist selbst der Bildungszustand unter einem großen Theil der Reichen!, Noch jetzt arbeiten die landwirthschaftlichen Vereine oft genug vergebens, den Grundbesitzer für seinen eigenen Vortheil zu gewinnen. — Darum Bildung in'S Volk und noch einmal Bildung ! Macht den gemeinen Mann fähig, seiner Zeit zu folgen; gebt ihm einen festen sittlichen Halt und er wird sein Elend selbst vertreiben lernen.
Deutschland.
Aus Rheinhessen, 7. Dezbr. DaS Mainzer Journal berichtet: Wie wir von allen Seiten vernehmen, hat unsere der- malige, faktisch bestehende Regierung, die Demokratie nämlich, den Beschluß gefaßt, gegen die Regierung in Darmstadt sanft und milde aufzutreten und namentlich daS Ministerium Jaup nicht zu stürzen, sondern zu unterstützen.
Aus dem Großherzogthum Hessen, 6. Dezember. Ein Korrespondent der O.-P.-A.-Ztg. stellt die bisher gewählten Deputirten unserer zweiten Kammer in Parteigruppen, mit einer überwiegenden Linken, zusammen und fährt dann fort: Eine äußerste Rechte in dem gewöhnlichen Sinn, wird eS nicht