Nassauische
Allgemeine Zeitung.
«M 288. Montag den 3. Dezember L84S
Dritte Ausgabe.
Uebersicht.
Deutschland's Dualismus.
Deutschland. Wiesbaden (DieGeschwornen-Kandidaten). — Mainz
Wahl). — Darmstadt (Abgeordnetenwahl). — Brandenburg (Ver- urtheilung). — Berlin (Die Veröffentlichung des Wahlgesetzes). — Wien (Der Name Perczel. Der Kaiser. Der Mörder des Grafen
Lamberg).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Deutschland's Dualismus.
VIII.
0 novis, referent in mare te novi Fluctus? 0 quid agis? fortiter occupa Portum! Nonne vides, ut
Nudum remigio latus? Ho rat.
f Vom nördlichen Taunus, 29. Nov. Die Tendenz der neuesten Denkschrift des Fürsten Karl von Leiningen vom 12. Nov. über daS „deutsche Interim" haben wir in Nr. 7 mit den eigenen Hauptworten des Verfassers so bündig dargelegt, daß darüber kein Zweifel seyn kann. Auch die deutsche Zeitung ist mit dem Verfasser darüber einverstanden, (und Wer wäre es nicht?) daß Oesterreich und Deutschland sich einigen sollen, sowohl über die Neugestaltung beider StaatSkörper, als über ihr gegenseitiges einiges Verhältniß, daß eine Lösung der Fragen durch Waffengewalt unnatürlich und beiden Theilen, besonders dem angreifenden, verderblich und nur den Feinden Deutschland's erwünscht seyn werden.
Dabei erscheinen aber einige Bedenken, zunächst von dem Standpunkte der sogenannten Golhaischen Partei, welche die Verwirklichung des deutschen Bundesstaates nicht aufgeben zu dürfen meint, in der Hoffnung, daß Preußen's Vorgang doch noch weitere Nachfolge finden und Deutschland dadurch die gesuchte Einheit und Freiheit, Ehre und Macht, geistige und leibliche Beglückung erreichen werde. Der Fürst hat seinen eigenen deutschen Patriotismus nicht verläugnet, er fügt sich nur in das Unvermeidliche, indem er Deutschland, wahrscheinlich doch nur für die nächste Zukunft, aufgibt und Alles der beliebigen Verfügung Oesterreich'S und Preußen's überläßt. Der Schmerz der Entsagung, welcher aus jeder Zeile seiner Denkschrift spreche, wird vollständig anerkannt.
Wie Oesterreich sich biö jetzt mehr negativ als positiv gestellt hat, scheint eS wohl, daß des Kaisers Friedrich III. (oder VI.) räthselhafte Devise: A. E. I. O. U. zu neuer Geltung kommen solle.
Er selbst erklärte sie Austriae Est Imperare Orbi Universo ; Andere meinten, mit Rücksicht auf das Zögern und Abwarten der Chancen : Austria Erit In Orbe Ultima. Man konnte allerdings unter Metternichs Walten, und für die Einheit Deutschlands auch entziffern: Austria Est Impedire Omnia Ubique. Die Deutsche Zeitung hofft von Oesterreich Nichts, sondern fürchtet eher Alles.
Die Deutsche Zeitung gibt Folgendes, als wesentliche
Entgegnung auf die verzweiflungsvollen und resignirten Befürchtungen des Fürsten: „Das System der k. k. Haus-, Hof- und Staatskanzlei beherrschte Deutschland; es that Nichts für die Einheit, Viel gegen die Freiheit, und zerstörte allen Glauben an deutsche Treue und Fürstenwort. Die Lüge von oben bahnte der Lüge von unten den Weg. Der plötzliche Sprung aus den Banden der Zensur und Polizei in eine thatsächliche, maßlose Freiheit konnte nicht ohne einigen Taumel abgehen. Dessen ohngeachtet hat sich die Nation im Ganzen mit großer Mäßigung benommen. Sie wählte eine Vertretung, welche ein ganzes Jahr lang durch ihre moralische Macht die Regierungen erhielt, und ihnen Zeit gab, wieder zu Kräften zu kommen."
„Das Unglück kam von der Theilnahme der Oesierreicher an der Verhandlung über WelkerS Antrag und an der zweiten Lesung, und von ihrem Handel mit der Linken. Hat etwa die Nation die Reichsverfassung verworfen?
Es ist billig, daß man ihr Zeit lasse, sich von der Erschütterung zu erholen, welche die Ablehnung der Reichsver- fassung verursachte; welche die Sondergelüste zu ihren Zwecken auSbeuten. Wo ist denn eine andere Nation, welche, gespalten wie die deutsche, eine Verfassung binnen Jahresfrist geschaffen, in den Kammern der Einzelstaaten angenommen hätte? Wo ist die andere Nation, die, so nahe am Ziele, in ihren Hoffnungen getäuscht, die bittersten Gefühle überwindet, in täglich wachsender Mehrheit dem von drei königlichen Regierungen eröffneten Weg zur Einigung sich zuwendet, und ohne die Abtrünnigkeit zweier und daS Widerstreben zweier andern königlichen Regierungen sich bereits wieder zusammengefunden haben würde."
„Es war eine Zeit vor 1848, wo Preußen durch den naturgemäßen Glanz seiner Entwickelung dem konstitutionellen Systeme zugeführt wurde, wo es auch für eine Umgestaltung deS Bundes im Sinne nationaler Einigung sich bemühte. Damals mahnte Oesterreich ab von solchem revolutionären Unterfangen. Die preußischen Vorschläge zur Bundesreform blieben unbeachtet, seine behutsamen Vorschritte zu einer konstitutionellen Verfassung geschahen gegen den Rath des Fürsten Metternich. Dieser befürchtete den Sturz des Kaiserstaates, wenn in Preußen eine repräsentative Verfassung und eine freie Presse bestünden. Jetzt hat der Kaiser von Oesterreich selbst eine konstitutionelle Verfassung verkündigt, und einstweilen werden die Beamten auf dieselbe beeidigt. Preußen ist eben beschäftigt, die letzte Hand an seine Verfassung zu legen; der Tag ist wohl nicht mehr ferne, wo dieselbe als Grundgesetz des Staates verkündigt werden wird. Wenn Oesterreich seine Verfassung zurückzöge, würde etwa Preußen dem Beispiele folgen müssen ? Zu Deutschlands Neugestaltung hat Oesterreich die Hand geboten. Es hat die Nationalversammlung beschickt, den Bundestag aufge, löst, den Reichsverweser gegeben, seine Abgeordneten haben zu den Beschlüssen über die Reichsverfassung mitgewirkt. Wenn cs inzwischen erkannt hat, daß cs in einen deutschen Bundesstaat nicht eintreten kann, weil sein Schwerpunkt außerhalb liegt, soll deßhalb Preußen den Bundesstaat aufgeben, der ihm und Deutschland ein Bedürfniß ist?" (Schluß folgt.)