lesen und den Inhalt auS kriminalistischem Gefichtspunkt zu prüfen.'
Hamburg, 22. Nov. (W. Ztg.) Heute ward vor dem Nievergerichte der zweite Preßprozeß verhandelt. Es war eine ganze Reihe inkriminirter Artikel eines radikalen Blattes, „Opponent", — 5, wenn wir nicht irren — vom Staatsanwalt für die heutige Sitzung vorgebracht worden; die beiden ersten wurden mindestens in der Verhandlung nach etwa zwei Stunden erledigt. — Der dritte Artikel, welcher von einem Betrüge des Senats gegen die konstituirende Versammlung redet, gab zu den seltsamsten Szenen Anlaß, in unserer Gerichtswelt zu wirklich unerhörten.
Dr. Trittau hatte die Vertheidigung des inkriminirten Aufsatzes übernommen (man hält ihn auch für dessen Verfasser) ; zwei Tage vor der Prozeßverhandlung legte er in der Kanzlei deS Niedergerichtes eine Eingabe nieder, verlangend, daß an sämmtliche Mitglieder der konstituire nden Versammlung die Einladung ergehe, als Zeugen zn erscheinen, da die Vertheidigung in Betreff jener Behauptung des Betruges die Einrede der Wahrheit sich vorbehalte. Sie sehen also, eS sollte, was allerdings auch durch die Anklage erforderlich wurde, der Wo.rtbruch in der Verfas- sungSfrage vor den Schranken des Niedergerichtes erörtert werden.
Der Präses desselben aber verbot die Einrede der Wahrheit, weil schon in dem Vorschützen einer solchen eine schwere Kränkung und Beleidigung des Senates wie der höchsten Staatsgewalten liegen würde. Dem Vertheidiger machte der Präses, Dr. Berckhan, diese Eröffnung, hinzufügend, daß jedoch die Freiheit der Vertheidigung in ihren Beziehungen zum Gegenstand der Anklage nicht beschränkt werden solle. Dr. Trittau fühlte sich veranlaßt, hierauf zu erwiedern, daß er sich niemals mit solchem Verfahren des Gerichtes einver, standen erklären werde, daß der fragliche Artikel mit. dem Vorbedacht geschrieben sey, vor den Schranken dieses Gerichtes die konstitutionelle Frage Hamburgs zur Entscheidung zu bringen und das System der Rechtlosigkeit zu brandmarken. Der Vertheidiger wurde sogleich zur Ordnung gerufen, weil er die Achtung vor dem Gericht verletzt habe. Er behauptete, er sey noch gar nicht bei demselben angelangt, werde aber vielleicht auch noch dahin kommen. Die Zuhörer brachen in lebhafte Akklamation aus; der Präsident ermahnte zur Ruhe und drohte mit Räumung des Saales, welche, bei fortdauerndem Applaus, auch wirklich erfolgte.
Die peinlichsten Austritte aber sollten noch folgen. Trittau wies die „Präventiv-P o lizei " deS Niedergerichts zurück und sollte nun nicht mehr zum Reden kommen. Da sich aber der Angeklagte mit dem Prästdialbescheide nicht zufrieden erklären konnte, wurde ein gleichlautender Bescheid des Gerichtes, nachdem sich daffelbe auf einige Zeit zurückgezogen hatte, schriftlich abgefaßt und verlesen. — Der Angeklagte wurde vom Präses zur Selbstvertheidigung zwar angeregt, wollte sich aber hierauf, einem Juristen gegenüber, nicht einlassen; hingegen fragte dieser Redakteur inmitten der Audienz mehrere anwesende Juristen, unter Anderen Dr. von Bönnighausen, ob sie geneigt seyn würden, den inkriminirten Aufsatz zu vertheidigen. Bönninghausen (ein liberales Mitglied der erbgesessenen Bürgerschaft und Präsident des deutschen Klubs) erklärte sofort, daß er bei dem unerhörten Falle, der sich heute hier ereignet, die Vertheidigung vor diesem Gerichte nicht übernehmen könne!
Die Aussetzung der Verhandlung machte dieser fatalen Lage ein Ende , jedoch nicht ohne die Versicherung Trittau'S, er betrachte die Sache fortwährend als die seinige und werde überall, nöthigenfalls in Erfurt, sein Recht verfolgen. Hamburg nannte er schließlich, mit wegwerfenden Worten über den „Ab- luttSmuS", die „Preßknechtung" und die „Despotie" in unsern Mauern, den „Papageyen Europa's." — Die Publikation deS Erkenntnisses über die zuerst verhandelten Preßvergehen wurde bis zum Montag verschoben'
Rendsburg, 18. Nov. In der Duellgeschichte zwischen dem Lieutenant Kartscher und dem Oberarzt Struve (Letztere fiel bekanntlich durch den Schuß seines Gegners) ist nunmehr das Urtheil publizirt. Der Duellant Kartscher ist zu einjähriger Festungsstrafe zweiten Grades, die Sekundanten
find resp, zu einer halb- und vierteljährigen Festungsstrafe gleichen Grades verurtheilt worden. (J.'W.)
Wien, 20. Nov. Se. Maj. hat die Errichtung eines umfassenden, geologischen Instituts zur genauen Durchforschung der tellurischen Verhältnisse des gesammten Kaiserstaats in der Art genehmigt, daß die jetzt auf 6000 fl. sich belaufenden Jahreskosten des hier bestehenden montanistischen Museums um 25,000 fl. jährlich erhöht werden sollen.
Das gestern erwähnte Gerücht vom Tode Lenau's scheint sich nicht zu bestätigen.
Prag, 21. Nov. Bereits am frühen Morgen, von 7% bis 972 Uhr, gab heute Kaiser Franz Joseph verschiedene Audienzen. Er begab sich hierauf mit seiner Suite auf den Jnvalidenplatz, wo er die gesammte Artillerie, welche in mehreren Batterien ausgerückt war, die Revue passiren ließ. Nach der Revue besichtigte der Monarch die neue Kaserne in Karo, linenthal. Sodann verfügte er sich ins allgemeine Krankenhaus und besuchte daselbst alle einzelnen Abtheilungen; in der Armenabtheilung ging er von Bett zu Bett und sprach mit den Kranken. Ein Gleiches geschah im Garnisonsspital. Zum Schluß fuhr er auf den Laurenziberg und besichtigte die dortigen neuen Fortifikationsarbeiten. Abends besuchte der Kaiser das Theater, wo auf seinen Befehl böhmische Opernvorstellung war. —
Schweiz
Rorschach, 17. Nov. Gestern kam der aus Bruchsal entkommene Hr. Steck, bekanntlich während der badischen Bewegung Artillerieoffizier und deßhalb zu 10 Jahren Zuchthausstrafe verurtheilt, hier an. Seine Rettung 'verdankt er hauptsächlich der aufopfernden Liebe seiner treuen Schwester. Diese wohnte seit mehreren Monaten schon in Heidelberg, be, suchte von da aus fleißig Bruchsal und brachte es nach unsäglicher Blühe dahin, daß sie ihrem Bruder einen mit Knoten versehenen Strick heimlich zustecken lassen konnte. Diesen Strick befestigte Steck an sein Fenster und glitt 40 Fuß hoch daran herab. Auf der Hälfte des WegS aber brach das gebrechliche Werkzeug, und der arme Flüchtling stürzte 20 Fuß hoch herab. Die Quetschungen und Verletzungen nicht achtend, riß er mit seinen wunden Händen einen Zaun ein, fuhr dann in einem schon bereit stehenden Wagen in Bekleitung seiner Schwester davon und gelangte durch Würtemberg glücklich auf das Schweizergebiet. (St. B.)
Italien.
Rom, 13. Nov. (A. Z.) Die Jnderkongregation ist über Erwarten berufsthätig. Ihr dermaliger Präfekt , Kardinal Brignole, sandte unS ein vom 9. d. M. auS Portici vatirteS, und gestern hier veröffentlichtes neues ProscriptionS-Supple, ment zu dem corpus librorum prohibitorum. Unter den verdammten Büchern befinden sich: Die kirchlichen Zustände der Gegenwart, von F. B. Hirscher. DaS kirchliche Synodal von D. F. Haiz. Die BisthumS-Synode und die Erfordernisse und Bedingungen einer heilsamen Herstellung derselben. Vom Verfasser desselben Werkes. Der Generalvikar Kardinal Patrizzi hat vorgestern an alle Bischöfe deS Landes ein vom 3. d. M. datirteS bemerkenSwertheS Rundschreiben erlassen, in welchem zum erstenmal (?) offizielle Klagen über die Versuche einer Protesta n tischen Propaganda imKirchenstaat widerhallen.
Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riehl.
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Die Expedition der Nast. Allg. Zeitung.
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