Nassauische
Allgemeine Zeitung
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Freitag den LS November
1819
9 Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prânume» rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und ^KurfürstenthumS Hessen, der Landgrafschaft e IN, Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S sl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- uns Tariâschen VerivaltungS^ebieteS 2 fL 1O kr. fr. —Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in WieSbadeü in der L. Schellen» y j berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Jften I Mut» an, T.
Uebersicht.
aui Eine traurige Errungenschaft.
iiw Deutschland. Mainz (Preßprozeß). — Frankfurt (Erzherzog Johann
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im Rheingau. Verbot). — Rastatt (Die Gouverneurstelle der Festung). — München (v. d. Pfordten). — Berlin (Der preußische Gesandte in Karlsruhe. Reduzirung der Stellen. Kinkel. Die Demarkation in Posen). — Königsberg (Russische Zollmaßregel). — Wien (Die Militärgerichte. Die Telegraphenleitung). — Briren (Tapferkeitsdenkmünze).
Großbritannien. London (Schiffbruch).
Ungarn. Preßburg (Der Schwindler Ladislaus Büky).
Westindien. Kaiserreich Hayti (Leben und Thaten Faustinus L).
und nach dem gefährlichen Geschenk der Revolution gegriffen, liegen am ärgsten zerschlagen und betäubt. Wann war Frankreich, das den Reigen eröffnete, politisch armseliger, als eben jetzt? Italien, das in einzelnen Reformen vor der Revolution leibst Deutschland voranging, liegt in tiefster Ohnmacht. DaS
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nationale Bewußtseyn Lombardiens, so gerechtfertigt, so lange es sich in Maaß und Schranken hielt, ist gebrochen und niedergehalten. Sardinien büßt schwer für seine stolzen Pläne. Selbst die Schweiz, die sich so pfiffig neutral zu stellen wußte, ohne neutral zu seyn, kriecht zu Kreuze und hat ihre radikale Heißblütigkeit ganz vergessen. Ist es hier doch, als ob nicht blos die Revolution, sondern gar nur die Koket- terie mit der Revolution den unabwendbaren Gegendruck heraufbeschwöre? Ungarn unterlag, als es seine nationale Sache den irrenden Rittern der Revolution aus aller Herren t Länder in die Hand gab. Wo die Herzen eines stolzen Volks am wildesten und kühnsten für den blutigen Umsturz geschlagen, da hat auch die eiserne Militärherrschaft ihr furchtbarstes Tribunal aufgeschlagen. Baden, das den deutschen Staaten in der Reform voranging, hinkt jetzt in der großen Prozession deS Die schlimmste aller revolutionären Errungenschaften ist ; Rückschritts und der Erschlaffung als der allerhinkerste und die ungeheure politische Erschlaffung, welche sich nicht nur einer i erschlaffteste unter den deutschen Staaten. Nicht un erächt Nation, sondern des ganzen Europa's bemächtigt hat. In den - 1°Dte es den geraden Pfad der Reform dreimal mit so burschi- letzten Jahren vor der Erhebung ging in der That ein frischer kosem Leichtsinn verlassen. Sachsen, das rationalistische, Lebensodem durch die Völker, der Drang nach Reform war ! lichtfreundliche Land, ist durch seine Krawalle in eine Stellung fast allgemein, selten durch Parteisucht vergällt, und die Aktien - geschoben worden, die eher der dicksten diplomatischen Dunkel- der Reform standen in Wirklichkeit höher im Kurs als je vor-- he" ähnlich sieht, als irgend einer politischen Lichtfrcunvschaft. her seit den Befreiungskriegen. Leise und allmählich, aber desto s Dies ist der trostlos Zwiespalt: vor der Revolution hatten sicherer entfaltete sich bereits ein konstitutionelles Leben, nicht ' wir politische Spannkraft, aber keinen nennenswerthen poli« blos in Deutschland, selbst in Italien und andern Ländern. ; tif^en Besitz, jetzt ifi uns der herrlichste politische Besitz, nach Und zwar wurde diesen Entwickelungen von oben her immer , dem sich die vergangenen Geschlechter vergeblich gesehnt haben, weniger in den Weg gelegt. Unsere Politiker von gestern frei- i zugefallen, und wir sind darüber eingeschlafen.
lich, die nichts sehen, als wogegen sie mit der Nase anrennen, i % ®$ ^eht nllermngä jetzt ein, dunkles Gefühl der Unzufriebemerkten cs nicht, daß es sich z. B. selbst im Schooße des ! denheit durch die Welt. Die Wühler sagen, diese Unzufriedeu- Bundestages regte, daß durch den Vereinigten Landtag Preu- > Heil komme daher, weil uns alles bereits Errungene allmâh- ßens vom Jahre 1847 ein außerordentlicher Fortschritt gethan i. lieb, wieder aus den Händen gewunden worden sey. Wir haben war, daß alle die politischen Erwerbungen, deren wir jetzt wie i unlängst nachgewiesen, welch ein jesuitischer Betrug angesichts im Traume theilhastig geworden sind, und die wir daher im ' der unleugbaren Thatsachen in dieser Behauptung liege. Nichb Wachen kaum zu benutzen verstehen, uns zwar etwas entfern- ; weil wir die politischen Freiheiten, sondern weil wir uns selbst ter, aber desto sicherer in Aussicht standen. Diesen guten Geist verloren haben, fielen wir uns unbehaglich. Das nagende der Reform verachtete man im ersten Taumel der revolutio-, Bewußtseyn, daß der gute Geist der Reform die Nation ver- nâren Begeisterung, die uns der Westwind über den Rhein ; hissen hat, daß, sie an sich selbst irre geworden, daß sie die her zutrug, man verachtete ihn als einen schläfrigen, zahmen, « revolutionären Errungenschaften gar,nicht zu handhaben wußte, langsamen Gesellen, und ist zur Strafe dafür nunmehr in eine i.dieses ist es , was das dunkle Gefühl der Unzufriedenheit er-
• • ■ - ’ zeugt. Durch neue Wühlereien wird dasselbe aber wahrlich nicht ausgelilgt werden.
* Eine traurige Errungenschaft
wirkliche Schläfrigkeit verfallen, die selbst in der Geschichte der letzten Restauration ihres Gleichen sucht.
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Wir haben viel gewonnen, nämlich auf der Straße gefunden, aber errungen, verarbeitet haben wir uns den politischen Gewinn nicht. Darum verstehen wir auch die großen neuen Freiheiten so schlecht zu gebrauchen. Der Eine hetzt sie in toller Uebertreibung zu todt, der Andere wirft sie als ein unbegriffenes Gut von sich und wünscht sich in die Zeiten zurück, wo er einen so beunruhigenden Besitz noch nicht sein eigen genannt.
Und gerade diejenigen Völker, welche am wildesten aufgebraust, welche am ungestümsten die Reform von sich geworfen
Deutschland.
Mainz, 20. Nov. Herr Bölsche, der verletzten Dienstchre des großh. Hess. Militärs angeklagt, wurde von den Assisen gestern freigesprochen. Während der Verhandlung erließ der Assisenhos zu Gunsten des Angeklagten bas prinzipiell hochwichtige Urtheil, daß auch bei Verletzung der Amts- und