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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

JVi 276 Mittwoch den 2L. November 18LS

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Prünume- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS uns KurfürstenthumS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadl Frankfurt Ä fl ., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen VerwaltungSgebieteS 2 fl. IO fr* Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen» terg'scheu Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Der neue deutsche Reichstag.

Deutschland. Wiesbaden (Das landwirthschastliche Institut auf dem Hofe Geisberg). Darmstadt (Der sogenannte Gottesdienst. Die Wühler. Unglückliches Vertheidigungserperiment vor dem Schwurgericht).

Karlsruhe (Preßprozeß). Weimar (Eine Entscheidung de« Landtags). Dresden (Ein interessanter Rechtsfall). München (Der Großherzog von Hessen). Braunschweig (Die Zivilliste). Schleswig-Holstein (Beiträge zur Charakteristik der Landesverwal­tung). Wien (Der kroatisch-slavonische Landtagsabschied. Die Ver­fügung gegen die magyarischen Inschriften).

Großbritannien. London (Rohheit des vornehmen u. geringen Pöbels). 3füllen. Neapel (Der Papst. Die Maßregeln gegen den Benediktiner- Orden).

Türkei. Widdin (Die ungarischen Flüchtlinge nach Schumla trans- portirt).

Der neue deutsche Reichstag.

XVUI.

D i ce ndi recte sapere est et principium et fons, Verbaque provisam rem non invita sequentur.

HoraL

f Vom nördlichen Taunus , 17. Novbr. Der Deutsche war von jeher gründlich bis zur Ueberschwänglichkeit, und während er, auch in der Politik, über Worten klaubte, zogen ihm seine Nachbarn die Sachen gewöhnlich aus den Händen und unter den Füßen weg. Auch jetzt drohet unS das alte Nebel deutscher Nation, das zentrifugale Unwesen, in neue Schande uns neues Unheil zu stürzen, zum Hohne der allsei­tigen europäischen Nachbarschaft, vor der wir in häßlichster Blöße erscheinen.

Nachdem seit 1815 in vielfachen Schriften erörtert wurde, ob Staatenbund, ob Bundesstaat der deutsche Bund sey, schlug Hansemann neulichst den Ausdruck Bereinigte Staaten von Deutschland" vor, und der Minister v. d. Pfordten adoptirt und empfiehlt denselben noch Oester­reich zur Annahme,um die Erregung der Leidenschaften zu vermeiden, die sich an den Wortstreit knüpfen."

So soll uns die Einheit, wornach wir seufzend seit 33 Jahren vergeblich rangen, eskamotirt werden, ohne daß wir i auch nur eine Einigung erlangen, sondern hübsch bei der« alten losenVereinigung" beharren, und aus tiefer Erniedri­gung emporblicken müssen zu den Staaten Europas, welche die Geschichte aus dieWellbühne" hob, während Deutschland mit Namen und Sachen allmählig ganz davon verschwand.

Nach Nordamerika zu weisen, ist für die Verhältnisse Deutschlands so allseitig ungeeignet, daß selbst, wenn wir mit den Nochen bei unS tabula rasa machen könnten, eine solche Hinweisung in dem alten Europa unpassend bleiben würde. 4)ie|e oft gepredigte Warnung muß immer von neuem wieder- 5011 werden. WaS übrigensBereinigung" in Nordamerika jagen will, das zeigt das inhaltsschwere WortAnneration", welches dort denAnschluß" bezeichnet. Diemateriellen In­teressen werden selbst Canada den Vereinigten Staaten zu-'

führen, und Alt-England entschließ! sich vielleicht zu einer friedlichen Abtretung dieser seiner Kolonie, deren Einwohner mit schwerem Herzen, aber von den eigenen Interessen über­wältiget, dem Mutterlande entsagen. Träten diesemateriellen" Interessen, welche zugleich vieleideelle" cinfchließen, in Deutschland in den Vordergrund, und berücksichtigten die schlecht verhüllten und meist vom AuSlande her genährten dy­nastischen Interessen ihr wahres und dauerndes Wohl mit einigen Aufopferungen: so würden die nimmer ruhenden Wühlereien der rothen Demokratie für die einige und unge- theilte Republik, statt Bodenbei Gleichgültigen oder Verzwei­felnden zu gewinnen, in Nichts augenblicklich versinken und die Einheit, wornach Deutschland so allseitig sich sehnet, sofort thatsächlich erscheinen.

Als Preußen die deutsche Kaiserkrone ablehnte, weil es wußte, daß dieser Reichsapfel ein EriSapfel bleiben würde, wenn die fürstlichen Dynastien nicht ihre Zustimmung geben, glaubte es ein Werk der Einigung und friedlichen Ver­ständigung für Fürsten und Völker Deutschland's, gleich­sam als Antwort und Ersatz für die Ablehnung, dadurch stiften zu müssen," daß es den F r a n k f u r t e r Verfassungs- Entwurf modifizirte, punfizirte, akkommodirte und^ so den Berliner Entwurf beiden Theilen zur Annahme darbot. Die Genügsamen und Verständigen der Völker und der Fürsten nahmen das darqebotene, als Kern der Einheit, zu. jeder weiteren Entwickelung fähig, dankbar an, und hofften auf allmählige allgemeine Zustimmung.

Unter solchen Umständen war der Berliner Entwurf wohl berechtige:, von einem Reiche und einer Reichsver­fassung zu sprechen, für den Reichsfrieden zu sorgen und den Reichstag auszuschrcibcn, die dem neuen Bundes­staate beitretenden Länder schlechthin als deutsche zu bezeich­nen, und ihren Vorstand einen Reichsvorstand zu nennen. Nachdem aber von dem Dreikönigsbunde zwei Könige zurücktraten und zwei andere nicht beitraten, so daß also nur ein Fürstenbunb, mit einem Könige an der Spitze übrig bleibt; so ist es wohl erforderlich geworden, wie wir früher andeuteten und der Verwaltungsrath nunmehr gethan hat, jede umfassendere Bezeichnung zu unterlassen und beschränktere zu wählen. Daß dies mit Trauer in Deutschland vernommen wird, bedarf keiner Erwähnung. Wir haben nun die koppelte, und eben deßhalb um so schmerzlichere Gewißheit, daß den Frankfurter Verfassungs Entwurf die deutschen Völker allenfalls, wenn auch Einzelne Einzelnes anders wünschten, annehmen, um nur zur Einheit zu gelangen, daß aber die deutschen Fürsten und vorzugsweise die Könige den in Berlin für sie allein gereinigten Entwurf nicht annehmen wollen, auS Gründen, welche nur allzusehr am Tage liegen.

Fortan ist also von einem neuen deutschen Reichs­tage nicht mehr die Rede; doch ändern wir deßhalb unsere bisherige (Überschrift nicht, sondern lassen sie vielmehr, in Hoff- nung auf bessere Wendung, dauernd bestehen, zum unzweifel­haften Zeichen unserer 2enden;. Denn Deutsches Parla­ment dafür zu setzen, wie der Verwaltungsrath vorgeschlagen hat, können wir unS nicht entschließen, schon weil der Ausdruck nicht deutsch ist. Waö würde England oder Frankreich dazu