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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^ 271 Donnerstag den RS November

1849.

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume- rationSpreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstentums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. IO fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen» her g' schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die verlornen März-Errungenschaften.

Deutschland. Frankfurt (Erzherzog Albrecht). Darmstadt (Der Prozeß gegen die Zerstörer der Eisenbahn). Worms (Verhaftungen).

Karlsruhe (Neue Paßsorte). Rastatt (Die Behandlung der Gefangenen). Stuttgart (Das neue Ministerium). München (Militärverhältnisse in der Pfalz). Berlin (Die Anfechtungen in der deutschen Sache. Die Bibelgesellschaft). Wien (Haynau in Pesth gegen das Denunziationswesen. .Zollanschluß von Parma und Modena an den Kaiserstaat. H. v. Bruck. Die deutsche Industrie und die Erz­herzogin Sophie).

Türkei. Konstantinopel (Denkmünze).

* Die verlornen März-Errungenschaften.

Es gibt Leute, welche dem Volke, namentlich den Bauers­leuten, beständig einreden, daß nunmehr alle Errungenschaften der vorjährigen Märztage wieder verloren seyen, und die un­gebildete Menge glaubt das. Denn weil der Einzelne sieht, daß er nicht besser ißt, nicht besser trinkt, nicht besser verdaut und schläft als vorher, so kann er nicht begreifen, was denn eigentlich errungen worden seyn soll. Daß politische Errun­genschaften idealer Natur sind, daß man sie nicht in die Tasche oder in den Magen schieben kann, dies dem Ungebildeten be­greiflich machen zu wollen, ist ein thörichtes Unternehmen.. Viel leichter dringen Diejenigen durch, welche den Leuten täg­lich in's Ohr reden: Ihr habt gar nichts gewonnen, Ihr seyd um Alles betrogen, Ihr müßt wieder von vorn anfangen, aber diesmal besser dreinschlagen als das vorigemal. Wer nur einigermaßen auf dem Lande herumkommt, der wird sich überall von der Wahrheit dieser Schilderung überzeugen.

Diejenigen aber, welche den Ungebildeten vorlügen, daß gar nichts gewonnen sey, spekuliren damit, ob sie sich gleich Demokraten nennen und immer die Mündigkeit des Volkes im Munde führen, in der unwürdigsten Weise auf die Unmündig­keit des Volkes. Denn wäre das Volk mündig, dann würde es die Lüge durchschauen, es kann dies aber nicht, weil es den Werth der politischen Errungenschaften, die nicht grob mate­rieller Natur sind, nicht zu schätzen vermag, und solange es dies nicht kann, wird es auch nicht mündig genannt werden können.

Denn unleugbare Thatsache ist, daß wir Alles das ge- Wonnen haben, was die freisinnige Partei vor der Revolution anstrebte, und daß nur dasjenige wieder verloren worden ist, was während der Revolution von einer extremen Richtung kWeschwärzt werden sollte. Nur in Einem Punkte sind wir nicht sonderlich vorwärts gekommen, nur über ihn dürfen wir unzufrieden seyn: in dem Punkte der Gesammt-Organisalipn des deutschen Reiches. Hier sind wir in der That gegen die Hoffnungen und Aussichten deS vorigen JahreS weit zurück­gegangen. Aber, man wird doch nicht glauben wollen, daß gerade jene Unmündigen, welche die Demokratie so eifrig miß­

vergnügt zu machen sucht, auf die Reichsangelegenheiten, die gerade den idealsten Theil unseres politischen Lebens berühren, ein sonderliches Gewicht legen!

Daß wir Preßfreiheit, Schwurgerichte, eine konstitutionelle Verfassung besitzen, daß die Zentralisation der Bürokratie ge­brochen, daß die Justiz von der Verwaltung getrennt ist, daß wir uns einer freisinnigen Gemeindeordnung erfreuen, daß ärgerliche Monopolien und Privilegien aufgehoben sind, daß der Staatshaushalt jetzt unter schärfster Kontrolle geführt wird, das Alles und vieles Andere fchlâgt man für gar keinen Gewinn an. Man thut, als ob dies so von selbst hätte kom­men müssen, ja als ob es von Ewigkeit her so gewesen, und damit nichts gewonnen worden sey.

Dagegen haben wir allerdings ungeheuere Rückschritte ge, macht, denn die Herren Diebe und Vagabunden werden aufs unartigste des Nachts durch die herumstreifenden' Landjäger- Patrouillen inkommovirt, die Faullenzer werden nicht mehr, wie im vorigen Jahre,Arbeiter" genannt, und erhalten nicht mehr für eine Tagearbeit von sechs Konzern dreißig Kreuzer. Tagelohn, die Wilddiebe dürfen nicht mehr die Förster bestrafen/ sondern die Forster bestrafen wieder die Wilddiebe, den souve­ränen Herren Akzefsiften ist ihr landständischer Despotismus so ziemlich abhanden gekommen, und Herr Piepmayer kann nicht mehr auf Berühmtheit durch überraschende ReichstagS- JnierpeUationen spekuliren, die Bravo's in den Volksversamm, langen sind verklungen, und mit den demokratischen Eisenfres- screien ist es kein Spaß mehr, die Steuern sollen in unerhört reaktionärer Weise auf Tag und Stunde eingetrieben werden, und aus zwei Simpeln sind über Nacht vier geworden.

Das leuchtet den Leuten ein, besser als der unvollendete Bau des deutschen Reiches, und darum lassen sie sich so gern belügen und glauben, daß alle Märzerrungenschaften längst verloren seyen und führen so den Beweis, daß sie in der That politisch Unmündige sind.

Deutschland

Frankfurt, 13. Nov. (O.-P.-A.-Z.) Morgen Vormittag wird der neue Gouverneur von Mainz, Erzherzog Albrecht, Revue über sämmtliche hier in Garnison stehende Truppenkorps halten. Erzherzog Albrecht ist bekanntlich der Sohn des ver­storbenen Erzherzogs Karl, des Siegers von Aspern. Seines Vaters würdig, hat er sich in den italienischen Feldzügen so­wohl durch seinen persönlichen Muth, als durch sein Führer­talent, hervorgethan. Bei Novara stand er unter einem mör­derischen Feuer mit 12,000 Mann einer fast dreifach stârkern Macht sieben volle Stunden gegenüber, überall, wo die Gefahr am größten, selbst zugegen überall, Ausdauer cinflößend. Milten im stärksten Kugelregen bewahrte er die größte Kalt­blütigkeit, bis endlich Radetzky ihn unterstützen konnte, wonach sich der Sieg entschied.

Darmstadt, 11. Nov. (O.-P.-A.-Z.) (Assisenverhand- lungen wegen Zerstörung der Main-Neckar-Eisenbahn, 1318