Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 269» Dienstag den LL. November 1849.
Zweite Ausgabe.
Uebersicht.
Zeitungsschau.
Kamptz.
Deutschland. Frankfurt (Abschaffung der Todesstrafe). —Mann- h e i m (Erlöschen der Cholera). — Bonn (Ausweisung eines Studenten).
— Gießen (Urtheilsspruch der Jury). — Göppingen (Preissângerfest. Die Blumfeier). — München (Telegraph). — Berlin (Ein Buch von Ronge. Kinkel. Verhinderung der Blumfeier. Note des Hannoverschen Kabinettes). — Wien (Strenges Paßreglement. Hofrath Hurter. Rekrutirung für das lombardisch - venetianische Königreich. Budget der Stadt Wien. Bischof Rudnianzky. Gräfin Batthyany).
Ungarn. Pesth (Die ungarischen Kroninstgnien).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Italien. Rom (Attentat auf Priester. Abt Rosmini. Die Durchsuchung des Ghetto).
Großbritannien. London (Jahresfeier der Pulververschwörung).
Rußland. Aus den russischen Ostseeprovinzen (Die Proselytenmacher). — Von der russischen Gränze (Versorgung der Volksschullehrer).
Vereinigte Staaten. (Konsolidirung der Zustände von Kalifornien). Hayti. (Neue Historien von der Regierung Kaiser Faustin I.).
Z e i t u n g s sch a u
Die Kölner Zeitung schreibt: Der König von Preußen soll mit dem Kaiser von Oesterreich, welcher unsere Königin dorthin begleiten wird, in Breslau zusammen teeffen. Es ist auch diesmal an politische Zwecke der Begegnung nicht zu denken, dennoch aber regt sich unsere Aufmerksamkeit und Theilnahme an. Es gäbe zwischen Oesterreich und Preußen noch genug zu vereinbaren, u n d z w a r z u B e i d e r u n v z u Deutschlands wahrem Helle! Oesterreich hat Ungarn freilich für den Augenblick niedergeworfen, aber es hat dasselbe nicht auf die Dauer beruhigt; eS hat nicht nur die Magyaren, sondern auch die Vergeltung der geseufzten Südslawen zu fürchten. Oesterreichs gegenwärtige Regierung verfolgt jene Zentralisations-Plane, mit welchen Joseph II. scheiterte ; aber sie muß sich gestehen, daß sie ohne weitere Stütze das Werk nicht vollbringen kann, und daß, wenn sie zur Stütze nicht Deutschland, sondern Rußland nimmt, sie schließlich nur für letzteres und nicht für Oesterreich wird gearbeitet haben. Sie muß sich auf Deutschland stützen. Das heißt aber: sie muß sich mit Preußen für den Bundesstaat verständigen; denn abbringen von diesem Gedanken läßt sich Deutschland nicht mehr, und Feindseligkeiten wird es zuletzt mit Feindseligkeit beantworten. Ja, die Feinde unserer Feinde werden zuletzt unsere Freunde seyn! Das ist in der Politik die Natur der Sache, und Predigten helfen gegen diese aus die Dauer wenig l Im Interesse Oesterreichs liegt es nicht, Hannovers und Sachsens Abfall vom May-Bündnisse zu begünstigen! Wir aber haben alles . Interesse, Oesterreichs Erstarkung und seine Befreiung vom
russischen Vasallenthum zu wünschen; „indeß," wie die „Konst. Ztg." sehr richtig sagt, „jedes Ding hat in der Politik wie im Leben seinen Preis, und so hoch wir jenes Resultat immer anschlagen mögen, so können wir doch die politsche Entwickelung, die Freiheiten der Nation ihm nicht zum Opfer bringen." Leider aber, so einfach diese Wahrheiten sind, so hofft man doch von Begegnungen und Reisen unseres Königs wenig ihre Anerkennung durch Andere, als man ihre Schwächung bei ihm selbst fürchtet!
Der „Preuß. Staatsanzeiger" vom 7. Nov. enthält eine umständliche Beleuchtung des neulichen Artikels der „Wiener Ztg." über eine Zolleinigung zwischen Deutschland und Oesterreich. Man stößt darin auf ironische Seitenblicke auf daS „Selbstgefühl" der „Wiener Ztg.", auf den „hohen Flug", dem bis zu seinem Ende zu folgen, dem „StaatSanzeiger" vielleicht nicht möglich sey , obwohl eS ibn aufrichtig freue, von demsel, ben Punkt aus und wohl anch ein gutes Stück mitgehen zu können. Dann folgt die Erklärung, daß man sich der politischen Auffassung und dem national-ökonomischen Ausgangspunkt anschließe; habe man doch daS Vergnügen, hier auf alte Bekannte zu treffen. Sey man aber in Betreff der materiellen Grundprinzipien einverstanden, so scheiden sich die Wege in Betreff der formellen Behandlung. Der erste Schritt zur Annäherung sey es, worauf es jetzt für Deutschland wie für Oesterreich allein ankomme. Weiter zu gehen und das Gesetz zu bestimmen, nach welchem sich daS jetzt zn knüpfende Band im Verlauf der Jahre immer enger zusammenziehen soll, halte man weder für zulässig noch für nöthig. Wer, der daS Jahr 1848 erlebt habe, getraue stich zu sagen, welche Gestalt unser politischer und nationalökonomischer Zustand in fünf, zehn, fünfze hn Jahren (der vierten Periode der „Wiener Ztg.") haben werde? Man wünsche jene vierte Periode herbei, glaube aber, daß es dazu keinen sicheren Weg gebe, als wenn man sich jetzt über die Gegenwart in einem Sinn verständige, welcher in der Annäherung der gegenwärtigen Interessen den Keim zu einer noch engeren Verschmelzung der zukünftigen von selbst in sich trage.
Das Morning Chronicle spricht sich gegen den neuesten Staatsstreich Louis Bonapartes — denn einen Staatsstreich kann man füglich ihrer ganzen Bedeutung und Tendenz nach die Heimfchickung des Ministeriums Odilon Barrot wohl nennen — mit sehr strengen Worten aus. DaS Chronicle meint: Louis Bonaparte verdanke allerdings so gut wie Taylor seine Erhebung der Wahl des Volkes, aber er vergesse, daß seine Stellung insofern weit mehr Verwandtschaft mit der Stellung der erblichen Monarchen der alten Welt habe, als die Stimme des Volkes ihn auf die Spitze eines einzigen, im hohen Grade zentralisirten Staates, nicht aber auf den lockern Boden eines Förverativ-StaatS gestellt habe. Wenn Lonis Bonaparte daS gouvernür statt des bloßen regner Versuchen wolle, so werde er vielleicht noch vor Ablauf zweier Jahre abgenutzt seyn.