Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^N 265» Donnerstag den 8. November 1849.
Zweite Ausgabe.
Uebersicht.
Zeitungsschau.
Ein englischer Kriiniualfall und die englische Polizei.
Deutschland. Mainz (Besuch des Prinzen von Preußen). — Köln (Klapka in Düsseldorf verhaftet) — Trier (Die Folgen des Prümer Zeugssaussturmes). — Darmstadt (Die Behandlung der Gefangenen in Rastatt). — Mannheim (Die Resultate der Standgerichte). — Stuttgart (Schoder). — Aus Würtemberg (Motivirung des richterlichen Urtheilsspruches über die Sprengung des Rumpfparlaments).— Dresden (Der Ausfall der Wahlen). — München (Kammerverhandlungen über t* deutsche Frage). — Berlin (Die Zivilehe. Vermischtes. Kundgebungen aus Wien). — Hamburg Besatzung für die Gefion).
Frankreich. Paris (Republikanische Haltung des Präsidenten). Großbritannien. London (Klapka. Die beiden Mörder Manning. Todesfälle.
Ungarn. P esth (Viktualien-Vorräthe. Die Deutschen im Bacser Komitat). Ostindien. (Elementarische Verheerungen).
Zeitungsschau
Die englischen Zeitungen besprechen die städtische Festlichkeit bei Eröffnung der neuen Kohlenbörse in höchst ausführlichen Schilvereien. In welchem Geschmack sie theilweise gehalten sind, erhellt aus folgender Stelle im Globe (der sie jedoch selbst zu stark gewürzt findet): „Der ehrwürdige Strom floß ruhig wie immer, unbewußt, daß er königliche Personen auf seinem Rücken trug." Das Fest und der dabei für daS Königthum kundgegebene Enthusiasmus müssen übrigens wieder als Beweise dienen, wie sehr England den Kontinentalländern an loyaler Gesinnung voraus sey; behauptet doch der Standard: Königin Victoria und Kaiser Nikolaus seyen dermalen die einzigen Monarchen, die sich ohne militärische Bedeckung unter ihrem Volke zeigen könnten — eine Bravade, die offenbar nur lächerlich ist.
Ein englischer Kriminalfall und die englische Polizei.
Die Deutsche Zeitung schreibt: Bei dem psychologischen Interesse, das den Kriminalfall des von den Eheleuten Manning verübten Mordes gewährt, und bei der überaus lebhaften Theilnahme, welche er unter allen Klassen in England hervorgerufen hat, glauben wir, da wir früher den Thatbestand deS Verbrechens nur kurz angegeben haben, den Lesern einen Gefallen zu thun, wenn wir etwas ausführlicher darauf zurück- kommen, und dabei eine Korrespondenz in der „Wes. Ztg." benutzen, die zugleich auch interessante Angaben über die in solchen Fällen von der Londoner Polizei entwickelte- großartige Thätigkeit enthält.
Mr. Manning, früher Kammerdiener bei einem Lord, und Mrs. Manning, geb. Rour, auS der Schweiz, frühere Kammerzofe der Herzogin von Sutherland, hatten, gleich nach ihrer Verheirathung, von ihrem Ersparten in der Bermondseystraße zu London eine Art Hotel garni errichtet. Die Frau beginnt einen Liebeshandel mit einem jovialen, gutmüthigen Junggesellen, Namens O'Connor (wir wissen nicht, ob ein Verwandter des bekannten Chartisten O'Connor), der ein hübsches Vermögen und eine gute Stelle beim Zollwesen hat. Freigebig und arglos wird er von dem abgefeimten Ehepaar weidlich ausgebeutet, bis dem Letztem der verruchte Gedanke kommt, durch einen Mord sich in den Besitz des ganzen Vermögens des verliebten Zollbeamten zu setzen.
Eines Tages ist O'Connor verschwunden; 48 Stunden vergehen, ehe seine Kollegen nach ihm forschen. Seine Haus- wrrthin sagt aus, daß Mrs. Manning, wie es häufig der Fall war, aus O'Connors Zimmer gewesen sey , und sein Schreibpult untersucht habe. Die Polizei wird benachrichtigt; Mannings Wohnung wird ausgesucht, das Ehepaar ist nicht mehr da. Man durchsucht das Haus, aber man entdeckt keine Spuren von dem Vermißten.
Da entdeckt ein Polizeidiener, daß ein Fließ im Fußboden der Küche nicht kunstgerecht eingemörtelt ist; man hebt daS Fließ auf, man gräbt nach und findet zwei Fuß tief unter der Erde die nackte Leiche des Vermißten, die sogleich an einem falschen Gebiß erkannt wird. Der Schädel zeigt eine Schuß, wunde und Spuren von Hammerschlägen; daß ein furchtbares Verbrechen verübt ist, leidet keinen Zweifel mehr. Durch ein zärtliches Billet verlockt, hat das unglückliche Schlacht- opfer sich den verrätherische» Gastfreunden in die Hände geliefert, welche, als er sich mit ihnen zu Tische setzte, schon entschlossen waren, daß er nicht mehr ihr Haus verlassen solle.
Gleich nach dieser Entdeckung entwickelte die Londoner Polizei mit seltener Großartigkeit alle Mittel, welche diesem unerreichten Institute zur Verfügung stehen, um die muthmaß- lichen Mörder zu ergreifen, Die Telegraphen spielten, Kriegs- dampfböte setzten den letztabgesegelten amerikanischen Packet« boten nach, Polizeiagenten gingen nach Wales, nach Irland, nach Schottland, nach Frankreich. Einem Polizei-Inspektor gelang eS, mit einem Aufwande unglaublichen Scharfsinns den Fiacker zu entdecken, welcher Mrs. Manning am Morgen nach der Mordthat gefahren hatte; er hatte sie nach der Nordbahn gebracht.
Der Faden war gefunden; am Bahnhöfe erfuhr man, daß eine Mrs. Manning werthvolles Gepäck theilweise nach Edinburgh hatte einschreiben lassen, theilweise an Ort und Stelle deponirt hatte. DaS' Letztere ward untersucht und siehe da, eS enthielt einen bedeutenden Theil deS O'Connorschen Vermögens. Nun flog der VerhaftSbefehl auf den Schwingen deS elektri, sehen FunkenS nach Edinburgh und ehe zwei Stunden ver, gingen, war in London die Antwort: „Mrs. Manning ist verhaftet!"
Die abgefeimte Spitzbübin hatte einem Edinburgher Banquier Staatspapiere zum Verkauf angeboten, sie hatte diesem ihr Hotel aufgegeben, und der Banquier war zufällig gerade auf dem Polizeiamte, als die Londoner Depesche anlangte.