habe ja schon in dieser Hinsicht Wunderliches genug erlebt, j Ungeachtet dieser Ueberrumpelung mit einem neuen Ministerium I sey zu hoffen und dringend zu wünschen, daß die Mehrheit, auf deren Einigkeit die Erhaltung der Ordnung beruhe, sich nicht spalten möge. Nur Narren würden sich in diesem Augenblicke in neue Abenteuer entlassen, und es gebe nur Eine Partei in Frankreich, welche von Staatsstreichen träume, das sey diejenige, aus deren Reihen die Kämpfer vom Juni 1848 und die Konventsmitglicder deS Konservatoriums hervorgegangen seyen.
Paris. 4. Nov. Man liest in der „Patrie": Heute angelangte Berichte aus Petersburg vom 24. Okt. melden, daß der Kaiser Nikolaus, als er vernahm, daß der englischen Flotte Befehl zum Absegeln nach den Dardanellen ertheilt worden sey, tiefe Unzufriedenheit gezeigt habe. Er hat, wie man versichert, durch den Grafen Nesselrode eine energische Note an die englische Regierung abfassen lassen. — „L'Ordre" behauptete, daß trotz der Erklärung im „Moniteur" das vorige Kabinet seine Demission nicht eingereicht habe, sondern entlassen worden sey.
Nach dem „Evenement" waren vorgestern Abends mehrere zur alten Majorität gehörige Repräsentanten beim Prinzen von der Moscawa versammelt, um über die Dringlichkeiten der Lage zu berathen. Man entschied sich für die Bildung'einer neuen parlamentarischen Partei, welche die Botschaft alS Symbol und die persönliche Politik L. Napoleons als Führer ihres eigenen Handelns annehmen würde. Was das Ministerium betrifft, so soll es auf die Unterstützung der Partei rechnen können, wenn cs dem Staatsoberhaupte treuen und augenfälligen Beistand leiht. Einigen der anwesenden Personen be- dünkte es, als ob dem ministeriellen Programme zum Theile jener Charakter ausdrücklicher und ergebener Zustimmung fehle, welche die Gewichtigkeit der Umstände und die muthige Haltung des Präsidenten von seinen Ministern erheischen zu müssen scheinen.
Paris, 4. Nov., Abends. (K. Z.) Der Präsident wird zahlreiche Veränderungen in der Verwaltung einführen. — Die perren Rebillet und sind in Ungnade gefallen. — Der Herzog von Bassano ist zum Polizei-Minister und Hr. Duclerc, vormaliger Finanz-Minister, zum Präsidial-General-Sekretär ernannt. — Zu Paris herrscht die tiefste Ruhe.
Großbritannien.
London, 1. Nov. Zwischen England und den Vereinigten Staaten droht eine neue Verwickelung auf dem Isthmus von Panama zu entstehen. Eine nordamerikanische Aktienkompagnie hat mit der Republik Nicaragua einen Kontrakt wegen der Erbauung eines Kanals nach dem Stillen Ozean abgeschlossen und zwar unter direkter Mitwirkung eines amerikanischen Regierungsagenten. Zur Ausführung dieses Kontrakts beansprucht jetzt Nicaragua Regierungsrechte über einen Theil des Gebiets von Mosquitia, dessen König unter britischem Schutz steht, und wird von dem amerikanischen Geschäftsträger unterstützt, der beständig die Nothwendigkeit einer ausschließlich amerikanischen Politik und deS Ausschusses jedes ausländischen Einflusses aus Amerika predigt. Der Depeschenwechsel zwischen dem englischen Konsul und der Regierung von Nicaragua hat bereits einen sehr gereizten Charakter angenommen, und die nordamerikanische Flotte beschäftigt sich schon sehr lebhaft mit den „Prätentionen" Englands; auch der nordamerikanischen Regierung sind schon Schritte zugeschrieben, ob mit Grund, ist noch nicht bekannt. Mittlerweile räth die Times, versöhnlicher gegen die Republik Nicaragua aufzutreten, ohne den Schutzrechten Englands über MoSquitia etwas zn vergeben, um die Republik nicht ganz in die Arme der Vereinigten Staaten zu drängen.
Italien.
Rom, 25. Okt. Seit mehreren Wochen zirkuliren unheimliche Gerüchte, daß im Ghetto viele während der Anarchie gestohlene und geraubte Gegenstände verborgen seyen. Mehrere
Fanatiker benützen diesen Umstand, um zu verlangen, daß die römischen Israeliten von neuem hinter Mauern und Thore eingeschlossen und diesen Unglücklichen abermals jene verdammenö- werthen, im Geiste der gehässigsten Unduldsamkeit ersonnenen Fesseln angelegt werden mögen, welche der milde und weise Sinn des Pabstes zu brechen begonnen. Heute Morgen war nun plötzlich das ganze Ghetto umringt und fast in Belagerungszustand gesetzt; den 4000 dort wohnenden Israeliten wurde der Aus- und Eingang verwehrt; alles Silbergeräthe, das nicht mit den Familienzeichen versehen war, wurde sogleich weggenommen; Gleiches geschah mit Wäsche, Kleidungsstücken und selbst mit jenen uralten Brokaten, welche in den Sina- gogen von jeher als heiliger Schmuck gebraucht worden waren. Auf solche Weise wurde ein ganzes römisches Stadtquartier, bewohnt von ehrenvollen und geachteten Kaufleuten, auf infa- mirende Weise beschuldigt und gleich einer Räuberhöhle behandelt. Im Ghetto sowie an andern Orten mögen sich vielleicht Gegenstände befinden, die nicht auf rechtliche Weise herbeigeschafft wurden; dort sowie im übrigen Rom können Verbrecher und Diebshehler sich vielleicht verborgen halten. Hierin ist jedoch noch kein Grund zu solchem Verfahren gelegen, und vor Allem fällt es auf, daß Frankreich sich zu Handlungen hergegeben, die in so schreiendem Widerspruche zur Zivilisation des Jahrhunderts stehen. Die Römer aber wünschen sich Glück, daß nicht römische Truppen aüf so unwürdige Weise verwendet wurden.
Sprechjaal
für Stadt und Land.
© Zur Medizinalorganisation.
Im Sprechsaale zu No. 261 dieser Zeitung sind die Motive angegeben, welche die zur Entwerfung einer Medizinalorganisation für das Herzogthum niedergesetzte Kommission bestimmt haben dürften, für die ärztlichen Verrichtungen eine der Entfernung des Kranken vom Wohnorte deS Arztes proportionale Vergütung zu bewilligen. Wir erkennen dieselben vollkommen an, möchten zur Ergänzung des dort Gesagten nur noch einen Grund anführen. Er liegt in dem der ganzen Gebührenordnung unterlegten Prinzip. Vergleichen wir die Ansätze für die verschiedenen ärztlichen Verrichtungen, so leuchtet klar ein, daß dem Grundsätze gehuldigt ist, den Arzt für die Größe seiner Bemühung zu belohnen. Warum wird sonst für einen Besuch mehr bewilligt, als für ein im Hause des Arztes geschriebenes Rezept, warum für eine geburtS- hülfliche oder chirurgische Operation mehr, als für eine einfache Ordination? Findet man es natürlich, den Arzt für seine größere Mühe hier besser zu bezahlen, warum ihm nicht auch eine Entschädigung geben für die Mühe, die ein Weg von mehreren Stunden macht? Oder glaubt man, daß die Applikation der Geburts-Zange in loco zehnmal mehr Arbeit mache, als ein Ritt von 5—6 Stunden bei schlechtem Wetter? Der entfernt wohnende Kranke ist allerdings im Nachtheil gegen den, der am Sitze deS Arztes sich befindet, wenn er mehr zahlen muß, er steht aber zu demselben ganz in gleichem Verhältniß, in welchem derjenige sich befindet, der nur durch eine Operation genesen kann, zu dem, der durch den Gebrauch eines Glases Arznei seine Gesundheit wieder erlangt. Jener empfindet den Nachtheil, den sein Wohnort mit sich bringt, dieser den Nachtheil , der durch die Art seiner Krankheit be, dingt ist. Der Staat hat gegen den einen keine größeren Verbindlichkeiten, wie gegen den andern.
Verantwortlicher Redakteur; W. H. Riehl.
Die erste Ausgabe des politischen Blattes wird an jedem Werktage, Nachmittags um 3 Uhr, ausgegeben oder kann im Expeditionslokale abgeholt werden.
Die Expedition der Nass. Allg. Zeitung.
Druck und Verlag der L. Scheüenberg'schrn Hof,Buchhandlung in Wiesbaden.