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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^N 264L Mittwoch den 7. November L8LS

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume» rationSpreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und KurfürstenthumS Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes S fl. IO kr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

AmtlicherTheil.

Dienstnachricht.

Nichtamtlicher Theil.

Die Zeichen der Zeit.

Deutschland. Darmstadt (Gerücht von einem Miiiisterwechsel). Ka ssel (Kriegsgericht), Münch en (Die Kammer der Abgeordneten über die deutsche Frage). Paderborn (Bestrafung der Tumultuanten).

Brau nschweig (Bürgerbrief für Gagern). Berlin (§. 105 der Verfassung. Der Sitz des Reichstags. Die Behandlung "Kinkels).

Wien (Motifirung des über den Grafen Batthyany verhängten Todesurtheils. Stimmung. Die türkische Differenz).

Großbritannien. Lo ndou (Die Friedensgesellschaft. Die Einweihung der Kohlenbörse. Sieg eines englischen Geschwaders über ostindische Piraten).

Griechenland. (Die Flüchtlinge).

Amtlicher Theil.

Dem Medizinal - Akzesststen Dr, v. Ibell ist die nachge­suchte Dienstentlassung unter fernerer Gestattung der ärztlichen Praxis zu Bad-Ems, ertheilt worden.

Nichtamtlicher Theil.

* Die Zeichen der Zeit.

Man sagt, daß der Vogel Strauß seine eignen Eier zer­trete. Ebenso hat es die Demokratie gemacht.

Mancher wundert sich', über die ungeheuer reaktionäre Stimmung, welche so tief, als eS seit Jahrzehnten nicht ge- vesen, in alle Schichten der Gesellschaft eingedrungen ist, und »egreift wohl gar sich selber nicht, und wie er heute Das ganz gelassen mit ansieht, worüber er selbst vor der Revolution in oildem Zorn aufgebraust wäre, wie er heute Dasselbe preist nd ersehnt, was er noch vor zwei Jahren zu allen Teufeln ewünscht hat. Diese Zeichen der Zeit hat die Demokratie eraufgeführt, und blos weil wir mit eigenen Augen gesehen, sie so ein fuchswilder Demokrat beim Lichte eigentlich sich an5# imml, sind Viele so zahm und loyal geworden.

Wir schwärmten Alle für die Volkssouveränität und ver- cutschten uns das Wort , wie es allein einen vernünftigen Sinn hat, als die Souveränität der Nation, die Demokratie ber machte daraus eine Souveränität der Gasse, und daS chöne Wort steht jetzt da wie eine verrufene Münze, die Keiner nnehmen mag.

Wir alle begehrten laut nach einer repräsentativen Theil­ahme des Volkes an der Gesetzgebung, nach einer landstän- schen Kontrolle der Verwaltung, die Demokratie aber machte

flugs daraus souveräne Kammerkonvente, die allein regieren, allein die Gesetze machen sollen, und nun sind Würtemberg's Bauern schon so weit gekommen, daß sie den lieben Gott und den König von Würtemberg zu Landtagsabgeordncten wählen wollen, und Bauern aus dem Odenwalde wollen gar nicht mehr wählen und zusehcn, ob's der Großherzog von Hessen allein nicht besser fertig bringt, als ein halbes hundert Volks­vertreter.

Die Demokratie läßi sich auch gar nicht irre machen, sie arbeitet unverdrossen fort nach jenem Vorbilde des Vogel Strauß, und sorgt dafür, daß die Berliner Kreuzzeitung schließlich allein in Deutschland Recht behält.

Als sie ihre Krawalle an die Reichsverfassung knüpfte, verleidete sie uns dieselbe gründlichst, und machte es unö recht leicht, diese Verfassung aufzugeben.

.Die Demokratie hat das Ministerium Brandenburg, Manteuffel zu einem Grundpfeiler deutscher Freiheit und Einigung gemacht, sie hat es dahin gebracht, daß es uns jetzt ebenso bang würde, wenn dasselbe abträte, als es und bange war, da dasselbe auf der politischen Bühne erschien.

Die Demokratie hat den Regierungen alle Mitwirkung zum Aufbau der nationalen Einheit rundweg abschneiden wollen und hat dadurch bewirkt, daß die Regierungen jetzt dieses Werk ganz allein in die Hand genommen.

Nachdem die Demokratie so durch das Unmaß ihres Be­gehrens und Trachtens überall ihr eigenes Gewebe selbst wieder aufgezogen, hat sie neuerdings selbst bei den Schwur, gerichten die entschiedensten Freunde dieses Institutes stutzig gemacht. Sie hat uns gründlich belehrt, daß was wir übrigens vorher schon wußten fdas Wahlgesetz für die Ge­schwornen gar nichts taugt, daß nur durch ihre materielle Un­abhängigkeit und ihre Intelligenz hervorragende Leute auf der Bank der Geschwornen sitzen sollen.sSie hat uns in Baden ge­zeigt , wohin die Einschüchterung der Geschwornen führt, und in fast allen anderen Ländern, wozu es frommt, wenn man dieses Gericht für einen politischen Areopag ausgibl, der nur da sitzt, um alle politischen Verbrecher freizusprcchcn. Sie hat den Geschwornen hier und da wohl gar aufgebunden, daß es ihr Recht sey, Gesetze zu verbessern, zu deuteln, wohl gar Am, nestie zu ertheilen! Und man mußte es hören, daß selbst Rechtsgelehrte zu der letzteren, jedweder juristischen Theorie schnurstracks in's Angesicht schlagenden Ucberschreitung der Be- fugniß der Geschwornen direkt aufforderten! So ist eS gekom­men, daß auf einmal den Leuten auch hier die Augen über­gehen, und wenn über kurz oder lang die Kompetenz der Ge­schwornen beschränkt, der WahlmoduS abgeändert wird wer hat es herbeigeführt, wer es möglich gemacht? Die Demo­kratie, welche va predigte, man müsse nur solche Männer zu Geschwornen wählen, von denen man im Voraus wisse, daß sie über keinen politischen Verbrecher das Schuldig aussprächen.

Wer den Organismus des Einzelnen bis zum tollsten Opiumsrauschc überreizt, will der sich wundern, wenn nachher ein unendlicher Katzenjammer folgt? Was aber von dem Ein­zelnen gilt, das gilt auch von ganzen Völkern.