die Angeklagten so wenig Achtung vor ihren früheren Aussagen an den Tag legen, wie die Zeugen, so wird, wie es auch in dieser Woche fast zur Regel wurde, die langweilige Verlesung der früheren Protokolle an die Stelle der freien, lebendigens mündlichen Untersuchung treten. Ich kann diesen Bericht nicht schließen, ohne der Sicherheit und Umsicht zu gedenken, mit welcher der Präsident, O. A. u. K.G.-Rath Weiß sein überaus schwieriges Amt versieht; namentlich verdient die Sorgfalt Anerkennung, mit welcher er am Beginne einer jeden Sitzung das Resultat der vorhergehenden den Geschwornen wiederholt, um diesen die dornenvolle Bürb.e ihrer Bürgerpflicht möglichst zu erleichtern.
Wien, 31, Okt, Die Wiener Ztg. veröffentlicht heute den Erfolg der Mission des Generals Hauslab nach Widdin, sowie die von demselben erlassene Proklamation. Im Angesicht der heftigen Beschuldigungen der gejammten europäischen Presse über das Vorgehen in Ungarn ist es besondere Pflicht der öffentlichen Organe, auch der humanen Zurückbcrufung dieser Flüchtlinge Erwähnung zu thun. Ihr Blatt hat zuerst die besonders von der perfiden englischen Presse. vorgebrachten romantischen Schilderungen der türkischen Urbanität und Gastlichkeit auf die nackte Darstellung des Thatbestands reduzirt und, wie wir aus der Wiener Ztg. ersehen, ganz richtig dargestellt.
Wien, 30. Okt. (A. Z.) Das hohe Fest der silbernen Hochzeit Ihrer kaiserl. Hoheit der Frau Erzherzogin Sophie und des Erzherzogs Franz, welches den 4. Rovbr. begangen wird, wird eines der glänzendsten seyn. Groß sind die Anstalten, welche sowohl in Schönbrunn als auch im kaiserlichen Lustschlosse zu Hessendorf getroffen werden. Ihre Majestät die Kaiserin-Mutter ist bereits eingetroffen, und auch der Erzherzog Ludwig und die meisten Mitglieder deö Kaiserhauses sollen ankommen, um diesem schönen Feste beizuwohnen. Hohe Gäste werden vom bayerischen und sächsischen Hofe erwartet.
Wien, 31. Oktbr. Am 1. Novbr. wird das 1. Heft des Reichsg esetz- und Regierungsblattes in allen zehn im Kaiserthume landesüblichen Sprachen sammt der Einleitung zu diesem Gesetzblatte, ebenfalls in allen zehn Ausgaben und mit der 1. Abtheilung des Ergänzungsbandes, welche jedoch vorläufig nur in der deutschen Alleinausgabe die Gesetze und Verordnungen vom 2. Dez. 1848 bis Ende Januar 1849 enthält, in Wien ausgegeben und versendet werden.
Wien hat jetzt eine Garnison von 25,000 Mann , und zwar 4 Grenadier-, 10 Infanterie - und 3 Jägerbataillone, 3 Kavalerieregimenter nebst der erforderlichen Bespannung und Bemannung mit beiläufig 120 Geschützen verschiedenen Kalibers. (Ll.)
Die Totalsumme der an der Cholera in Wien im allgemeinen Krankenhause Aufgenommenen betrug 3469, der Genesenen 1946, der Gestorbenen 1466. In Behandlung blieben noch 57.
Die ministerielle Anordnung, daß die Militärärzte als Distinktionszeichen keine Sternchen, sondern wie die Unteroffiziere Bördchen tragen sollen, hat unter denselben einen allgemeinen Unwillen hervvrgerufen, da dieser Akt, namentlich von jenen der italienischen Armee, welche bereits Sternchen getragen haben, als eine unverdiente Demüthigung angesehen werden muß. Die Militärärzte sind durch diese Verfügung auch den Auditoren und Rechnungsführern nachgesetzt. Die in Wien befindlichen Militärärzte enthalten sich deshalb auch eines jeden Distinktionszeichens am Kragen ihrer Uniform. Somit ist denn die so oft beklagte und beinahe schon beseitigte Kluft zwischen Offizier und Arzt wiederhergestellt. Die nachtheiligen Folgen derselben wird man wieder zu spät erkennen. (K. Bl. a. B.)
Aus Tirol, 30. Okt. (A. Z.) Während man in Bayern daran war, den genialen Fallmerayer, den wir hier zu Lande noch mit Stolz den unsern nennen, mit Steckbriefen zu verfolgen, berief man ihn in Wien an die dortige Universität. Sie lächeln wohl darob und denken kopfschüttelnd an ferne gewappnete Vorrede in den Fragmenten und sein Ausharren bei der Frankfurter Versammlung bis zu ihrer Auflösung. Im konstitutionellen Oesterreich übersah man aber diese Meinungsverschiedenheit wenigstens diesmal, und brachte trotz dieser Lc- girung den Goldgehalt in Anschlag; unsere Lehr- und Lcrn- freiheil soll nicht zur Illusion werden. Leider stellte der Frag-- mentist solche Bedingungen für feinen Eintritt, die unsere
Hoffnungen mehr als schwankend machen. Wir bedauern dies wie einen großen Verlust, denn der Eintritt dieses freien und unabhängigen Geistes in den Lehrkörper des österreichischen Kaiserstaats, welch letzterm er durch seine Geburt als Tiroler angehört, feilte uns als ein glückverkündendes Vorzeichen für die Zukunft. (Irren wir nicht, so wurden die österreichischen Mitglieder der Nationalversammlung, die mit nach Stuttgart gingen, im Oesterreichischen durchaus keiner Verfolgung unterworfen.)
Frankreich
Paris. Aus Algerien wird uns heute von einem schrecklichen Unglück berichtet. Die Stadt Philippeville hatte sechs Monate lang an einer anhaltenden Dürre zu leiden, als am 14. d. Plötzlich ein ungewöhnlich heftiger Sirocco die Luft mit Staub und den Gluthen der Wüste erfüllte. Die älteren Einwohner machten gleich besorgte Gesichter; sie wußten, daß die Araber eine solche Gelegenheit immer benutzen, um ihre abgemähten Ebnen von Disteln und Unkraut zu reinigen und mit düngender Asche zu bedecken. Wirklich verschwand sehr bald die Sonne hinter dichtem Qualm, die fernen Hügel hüllten sich in röthlichen Schimmer, Wirbel von Rauch, Funken, brennendem Gestrüpp flogen mit dem brausenden Südsturm über die Ebene, die sich in kurzer Zeit in ein Feuermeer verwandelte. Eine Gluthmasse von drei Quadratstunden im Umfange näherte sich mit unwiderstehlicher Gewalt den Mühlen, den Gärten, den Häusern der Vorstadt; alle Meiereien und Gebäude, welche sich ihr entgegenstellten, loderten in Flammen auf, während die Besatzung und die Bevölkerung in der erstickenden Atmosphäre rastlos arbeiteten, um die Feuersbrunst von der Vorstadt fern zu halten. Aber an 24 Stellen zugleich schlugen die Flammen auf, ungeheure Massen heißen Sandes und glimmender Asche fielen auf die unglückliche Stadt nieder und bedeckten selbst das Meer mit unheimlicher Finsterniß. Frauen und Kinder flüchteten an die Küste, um an der See Schutz gegen die vorschrerteude Zerstörung zu suchen. Plötzlich sprang der Wind ab; das Feuer schlug einen anderen Weg ein und Mälzte sich, einer unermeßlichen Ueberschwemmung gleich, vorbei an dem massiven Pul- vertyurm der Kolonie, in die seitwärts liegenden Prairien, die es mit unglaublicher Schnelligkeit durchlief und in denen alles, Heu, Weingärten, Maulbeerbäume, Oelbâume, ein Raub des zerstörenden Elements wurde. Die ganze Nacht hindurch sah die zitternde Stadt rings um sich her Ebenen, Berge, Wiesen und Baumgruppen brennen, ein ungeheures Rauchgewölk verschleierte die Sterne, und als der Morgen anbrach, bot die ganze Umgegend nur noch das Bild einer Wüste dar.
Paris. Die schon so gut wie beigelegte Differenz mit Marokko 'hat unerwartet eine kriegerische Wendung genommen. Die marokkanische Regierung hatte sich bereit erklärt, Frankreich jede verlangte Genugthuung zu geben, und die Saluti- rung der französischen Flagge und andere Ehrenbezeigungen gingen in allen Häfen der Küste vor sich; als aber der französische Konsul in Tanger die Auslieferung eines nach Marokko geschickten Kouriers verlangte, wurde sie verweigert unter dem Vorwande, er sey in Marokko am Fieber gestorben, obgleich es gewiß ist, daß ihn der Sultan hat enthaupten lassen. Der französische Geschäftsträger hat hierauf allen diplomatischen Verkehr abgebrochen und sich am 21. Oktober auf der Dampffregatte Pomona eingcschifft. Man erwartet nach der Ankunft der französischen Mittelmeerflotte, die nach Tanger beordert isi, ein Bombardement der Hafenstädte Tanger, Larache und Mogador. In Gibraltar sind bereits aus Tanger alle unter französischem Schutz stehende Fremde, 50 an der Zahl, mit dem Konsul und dem Vizekonsul eingeiroffen.
Ungarn.
Preßburg, 29. Okt. Feldzeugmeister Frhr. v. Haynau kam gestern Vormittag hier an, und fetzte heute seine Reise nach Pcsth fort. Dem Vernehmen nach, soll derselbe für alle minder angcschuldiglen politischen Gefangenen in Ungarn Amnestie gebracht, und gleich hier in Preßburg den Anfang damit gemacht haben, 52 Zivilpersonen, die in den hiesigen Militär«