Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^Z 260» Freitag den 2. November L8LS
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränume^ rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt A fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes S fl. IO fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen« bergischen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Deutschlands Dualismus.
Die Palastrevolution in Madrid.
Deutschland. Wiesbaden (Die Offizierspensionen. Gleichberechtigung aller Staatsdiener). — Fra nkfurt (Rückkehr von Gagern und Mathy. Gagern und Stüve). — Paderborn (Schlägerei). — Oldenburg (Der Großherzog. Erzherzog Stephan). — Berlin (Verlobung der Prinzessin Charlotte mit dem Erbprinzen von Meiningen.
Die Offiziere des preußischen Heeres. Die beiden Kammern. Kinkel).
— Bremerhaven (Die deutsche Flotte).
Frankreich. Paris (Der Gerichtshof von Versailles).
Ungarn. Pesth (Die Hinrichtungen).
Sprechsaal für Stadt und Land.
Deutschlands Dualismus,
v.
Scilicet, ut fulvuin spectatur in ignibus aurum, Tempore sic dubio est inspicienda fides.
Ovid.
f Vom nördlichen Taunus, 27. Off. Für Oesterreich rieth der bayrische Minister v. d. Pfordlen, in den jetzt bekannt, gemachten Auszügen seiner mündlichen und schriftlichen Ver- Handlungen, folgendes: „Durch vaS Aufhören der lieberlegen« Heil deS deutschen Elementes werde und müsse sich der Prah, larismuS gewaltig rühren. — Die bisherige Stellung Oesterreichs sey Hegemonie in Deutschland und Italien gewesen; solche zu erhalten sey nur möglich, wenn die Provinzialverfassung vorherrsche; sobald es mit seinen Dcutsch-Oesterreichern an die Spitze Deutschland's trete, mit den italienischen Unterthanen an die Spitze Italiens, wenn eS endlich Ungarn rc. germanisire: dann könne ihm jene Hegemonie nie und nimmermehr ent, gehen."
Wir bezweifeln, daß für daS österreichische Kabinet hier, mit etwas Neues oder Nichtgcwolltes angedeutet worden sey ; vielmehr glauben wir, daß man in Wien alle diese Gegen stânde recht wohl und noch besser kannte und nach Umständen erwog, als Herr v. d. Pfordten. Aber eben die Umstände waren von der Art, daß man zögern mußte, um Zeit — und Kraft — zu gewinnen.
Bei dem unruhigen Drange der Nationalversammlung zu Frankfurt und bei dem Mißtrauen gegen den Herrn V. Rado« Witz, welches mehr außerhalb in der Presse durch allerlei Kombinationen genährt wurde, hat man den reichen und be« deutsamen Inhalt von dessen Schrift „Deutschland und Friedrich Wilhelm I V., mit einem Vorwort vom 13. April 1848" viel- fach übersehen. Die klarsten Darstellungen und die schärfsten Schlüsse seiner parlamentarischen Aeußerungen und vollen Reden fesselten wohl die Aufmerksamkeit der Denkenden für den Augenblick, aber nur wenige gingen anhaltend in feine Anschauung und Jdeenfolge ein. Der unglückselige schlimme Schein, welcher sich wie ein drückender Nebel auf Preußen
legte, Personen und Sachen in allerlei Zerrbildern rcflektirte, und von der rechten Seite her nicht schleunig und thatsächlich zerstreut wurde, hat auch namentlich diese achtbare Persönlichkeit nicht gehörig erkennen lassen, und selbst in Berlin schwankte zuweilen das Vertrauen zu derselben.
Die von dem Herrn v. Radowitz inzwischen auf mehreren Seiten entwickelte heilsame und feste Thätigkeit für den Bundesstaat und dadurch für die ersehnte Einheit Deutschland's hat das wankende Vertrauen auch in weiteren Kreisen ihm theils neu gestärkt, theils frisch erworben. Jetzt ist er sogar von Preußen zum Mitgliebe der Bundes-Kommission für das neue Interim ernannt worden. Nachdem, wenn auch nur provisorisch aus sechs Monate, Oesterreich und Preußen ausschließend, aber doch beide gemeinsam, die nâch- sten Gelchicke Deutschland's regeln werden, ist eS von besonderem Interesse, die erwähnte Schrift zur Hand zu nehmen, welche das Verhältniß Preußen's zu Oesterreich wahr und klar, sine ira et Studio, mit Wärme für das ganze und wahre Deutschland und mit überzeugungsvoller Kraft für Preußens loyale Absichten entwickelt.
Herr v. Radowitz ist bekanntlich Katholik, obwohl au« gemischter Ehe stammend, und nach den Ansichten Mancher logar sehr entschiedener Katholik. Da bei den weiter gehenden Verhandlungen zwischen dem Süden und dem Norden Deutschland's auch konfessionelle Berührungen, welche schon srüher unzeitig in den Weg geschoben wurden, nicht umgangen werden können, so ist es von Bedeutung, daß wenigsten« in dieser Hinsicht dem Süden keine persona ingrata gegenüber stehet, um Mißtrauen zu erwecken, wo Vertrauen so nöthig wird. Die ersorderliche Festigkeit für Deutschland und deutjche Interessen, wie der Norden das Wort deutsch rein auffaßt, wird der anderweite Charakter des Genannten bereiten.
Unsere Blätter haben kürzlich Ansichten, Erfahrungen und Zeugnisse für Hrn. v. Bodelschwingh gebracht und sind durch sein bisheriges Thun gerechtfertiget worden; möge eS auch bei Hrn. v. Radowitz so geschehen. Die Deutsche Zeitung in den Artikeln über daS Interim nennt wenigstens dessen oben bezeichnete Schrift „ein wahres Handbuch der ärztlichen Behandlung und der progressiven Umgestaltung des kranken Bundes, mit Angabe aller Heilmittel, von den kunstgerechtesten Rezepten bis zu den einfachsten Hausmitteln und der Sympathie, die doch auch für Preußen unentbehrlich ist."
Unter mehreren Stellen, die dort hervorgehobcn worden, wollen wir nur auf die letzte einiges Gewicht legen: „Wenn der Geist der Nation selbst als Bundesgenosse des König« (von Preußen) sich erhebt, dann ist der Moment gekommen, um durch Spezialvereine zu erreichen, was auf dem BundeSwege unmöglich war. Jede der oben angeführten Institutionen (auf dem Gebiete 1) der Wahrhaftigkeit, 2) de« Rechtsschutzes, 3) der materiellen Interessen) im Einzelnen, oder auch mehrere in Verbindung, können der Gegenstand von Vereinigungen werden, die bald genug den größeren Theil von Deutschland umfassen werden. Immer aber müßte cs dabei daS unverwandte Ziel der preußischen StaatSthätigkeit bleiben, dann, wann in Wien und Frankfurt ein besserer Geist empor-