Nassauische
Allgemeine Zeitung.
JS 2SL. Freitag den 2«. Oktober 18419.
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' Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags.— Der vierteljährige PrLnume- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 2 fl. IV fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit S fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen» berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Deutschland's Dualismus.
Deutschland. Wiesbaden (Die Männer deS Idsteiner Kongresses. Demokratisches Fest im Nerothal). — Mainz (Preßprozeß). — Aus Oberhessen (Die Geschwornen und die politischen Verbrecher). — Berlin (Die Entlassung des Herrn v. Patow nicht angenommen. Vorschläge Preußens im VerwaltungSrath). — Schwerin (Vermählung der Prinzessin Luise mit dem Fürsten Hugo v. Windischgrätz). — Hamburg I (Prozeß gegen die Soldaten der Garnison). — Wien (Der Eisenbahnkongreß. Radetzky. Vorschuß an die Sachsen in Siebenbürgen. Schlick an Haynaus Stelle in Ungarn. Graf Grünne. Die Prvvinziallandtage. Versöhnungsversuche zwischen den beiden Bourbonenlinien).
Großbritannien. London (Die Schiffe Franklin's und Roß's).
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Deutschland s Dualismus.
IV.
— Spes anxia mentem Extrahit et longo consumit gaudia voto.
Stat.
■f Vom nördlichen Taunus, 23. Okt. „Wer Oesterreich's Stellung in Deutschland angreift, der greift Oesterreich nach dem Leben." So sprach Schwarzenberg, und der bayerische Vermittler und Verwickler wiederholte cs an verschiedenen Orten. Der Satz ist allerdings wahr, selbst wenn man das Wort in verwandelt in zu; denn was wäre Oesterreich ohne Deutschland? Man verstehe uns recht. Nicht, als ob die österreichische Monarchie nicht selbst für sich mächtig genug wäre, sogar ungerechnet die eigentlichen deutschen Provinzen; nicht als ob Oesterreich des Waffenschutzes von Deutschland flt seinem äußern Bestehen bedürfte; sondern zu seinem „Leben," ju seiner höheren Existenz, zu seinem inneren Bestehen. Oesterreich hat dafür bis jetzt Nichts gehabt, als eben den Geist, den Sprach- und Volksgeist, Deutschland's. Will ihm denselben Jemand nehmen, will Jemand den österreichischen Staat 'prachlich und geistig von Deutschland losreißen, der „greift ihm nach dem Leben." Oesterreich wurzelt tief und völlig in Deutschland; und wenn eS diese Wurzel verliert, so muß Oesterreich slavisch werden: denn italisch kann es nicht werden, und magyarisch mag eS nicht.
Darum wollten die österreichischen Deputirten auf dem Frankfurter Reichstage „ein Oesterreich, eng verbunden mit Deutschland zu der großen nationalen Aufgabe," indem sie wohl fühlten, daß gerade Oesterreich zur Lösung dieser Aufgabe in neuerer Zeit Wenig oder Nichts gethan habe. Die scutsche Sprache, und mit ihr der deutsche Geist, hat alle Theile der österreichischen Monarchie seit langen Zeiten so weit and so tief durchdrungen, daß Oesterreich von Deutschland gar sicht lassen kann. Der Serbe Je llachi ch spricht und schreibt and dichtet sogar sehr gut deutsch. Die ungarischen Insurgenten , obwohl für ihre magyarische Nationalität kämpfend, führten doch bei ihren Heeren alle Geschäfte in deutscher Sprache. Mancher Koryphäe der Slawen und Czechen — wir könnten
Namen anführen — spricht und schreibt das Deutsche gewöhn- lich in Haus und Geschäft, und nur, wo eS gilt, läßt er die zweite Nationalität erscheinen. Als kürzlich eine Kommission von slavischen Gelehrten von der Regierung zusammengerusen wurde, um für die neuen Gesetzbücher über verschiedene Ausdrücke zu einer gemeinsamen juridischen Terminologie der böhmischen, mährischen und slovakischen Dialekte sich zu verständigen, beriethen sie unter sich in — deutscher Sprache.
Aber wer hat zuerst Deutschland für Oesterreich aufgegeben? Das österreichische Kabinet, welches die neue zentra- lisirte Verfassung der Monarchie brachte, und zugleich erklärte, daß darnach die deutschen Provinzen an dem engeren deutschen Bundesstaate nicht Theil nehmen könnten. Man konnte das Kabinet nicht zum Eintritte zwingen; man wollte es nicht einmal durch Ueberredung veranlassen. So blieb eben nur die Union des weiteren Bundes, wie sie Hr. v. Radowitz und H. v. Gagern auffaßte. Das österreichische Kabinet, dem zu verschiedenen Zeiten Verschiedenes vorschwebte, ohne bd& j6 je eine positive Aeußerung gethan hat, wußte wohl, daß Oesterreich eine Stellung zu Deutschland haben müßte, aber begehrte eben bald still, bald laut eine Stellung in Deutschland.
Nun ist uns das Interim gekommen, und Oesterreich ist dadurch unversehens wieder mitten in Deutschland. Trotz dem, daß der Tert des Interims jetzt vorliegt, müssen wir die weitere Entwickelung abwarlen. Zunächst soll die Zustimmung sämmtlicher Regierungen des deutschen Bundes dazu eingeholt werden, und nicht jetzt schon, wo Oesterreich und Preußen faktisch an die Spitze getreten sind, sondern dann erst, wenn diese formelle Zustimmung erfolgt seyn wird, will der Reichs, Verweser mit seinem Ministerium zurücktreten. Bayern stehet fast wie verblüfft außerhalb. So ist die Trias nicht realistrt worden, sondern nur die D y a S. In irgend einer unsichtbaren höheren Potenz müssen wir die Monas suchen, den Geist, der noch über den Wassern der Chaos schwebt.
Nachdem im Verwaltungsrathe (14) des deutschen Bun- deSstaateS zu Berlin Mehrheit (11) und Minderheit (3) durch, wenn auch nur vorläufige, Abstimmung sich gesondert hat, erscheint der Dualismus, den wir bisher nur klimatisch nach Süden und Norden sich zeigen sahen, wirklich auch ohne an alle Region sich zu binden, herüber und hinüber springend. Würtemberg stehet mit Römer (denn Düvcrnoy ist so eben abgetreten) allein in der Mitte des Marktes, und feilscht noch, „wer mehr biete," um darnach sich bestimmen zu können, wie die Parteigänger des 30jährigen Krieges. Hannover bringt jetzt erst den sogenannten Rechtspunkt nach dem BundeS- vertrage von 1815, den cs hätte erwägen sollen, längst bevor eS sich an das DreikönigSbündniß anschloß. Sachsen wünscht erst Einigkeit hergestellt, ehe die Einheit vorschreiten soll. Aber die Majorität gehet voran, und hat förmlichst eine Kommission bestellt, nach Antrag Baden's, um den Antrag Nassau'S zur Ausführung und Berufung des Reichstages' auf den 15. Januar 1850 sachgemäß vorzubereiten, mit Allem, waS dazu vorher weiter erforderlich scheinen kann.
Preußen hat sich in sofern für Deutschland geopfert, als eS seine nicht zum Deutschen Bunde gehörigen Provinzen demselben zueignete, und dadurch, freiwillig und ohne Gegen-