Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 233
Donnerstag den 23. Oktober
184».
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prânume- ationSpreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgraffchaft jeffen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes S fL tO fr. -Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen» ^erg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die Wurzeln des Verbrechens.
Heinrich von Gagern in Bremen.
Deutschland. Wiesbaden (Diebstähle). — Gratz (Haynau). —
Wien (Radetzky. Die Hinrichtungen. Die Leiche des Grafen Leiningen.
Die Koffuthnoten).
Frankreich. Straßburg (Die Zentralrheinschifffahrtskommisston). —
Paris (Die römische und sizilische Frage).
Zalizicn. Krakau (Dembinsky's Schwester und Schwager).
Nachschrift.
* Die Wurzeln des Verbrechens.
Am 10. Okt. d. I. wurde in Durlach eine Versammlung k innere Mission abgehalten, in welcher namentlich das luftreten Wicherns vom „rauhen Hause" bei Hamburg men außerordentlichen Eindruck gemacht zu haben scheint. Es irfte unsern Lesern wohl erwünscht seyn , über die groß- ctige Persönlichkeit dieses Mannes einige Andeutungen zu galten. Das Mannheimer Journal schreibt darüber:
Wichern ist der Vorsteher des Rauhen Hauses, einer 'ettungsanstalt bei Hamburg. Er ist der Begründer der in# ern Mission in Deutschland, und wirkt seit Jahren schon mit nermüdetem Eifer, daß die innere Mission überall die Aner- nnung finde, die sie verdient. Mit dem Zustande des Volkes llrch eigne Erfahrungen auf vielfachen Reisen und durch die asgedehntesten Verbindungen aufs Genaueste bekannt gemacht, ungerüstet mit glänzenden Gaben und einer Persönlichkeit, die lf Alle, welche ihm nahe kommen, einen mächtigen Eindruck zugleich beseelt von einem lebendigen Glauben und von ner Liebe, die durch keine Schwierigkeiten sich abhalten läßt, ir die Abhülfe der sittlichen und materiellen Noth des Volks ü der umfassendsten Weise thätig zu seyn, ist er ganz für ejen Beruf gemacht, den er sich als Lebensaufgabe gestellt ü- Die von ihm herausgegebenen „fliegenden Blätter aus m Rauhen Hause", eine Zeitschrift für die innere Mission, id seine vor Kurzem erschienene „Denkschrift über die innere cilfton der deutschen evangelischen Kirche" sind ganz besonders Signet , über die innere Mission selbst und das, was bisher ll uns und anderswo für sie geschehen ist, die besten Aus- -luge zu geben. Wichern war zu diesem Tage in Durlach 'n Hamburg herbeigekommen, um durch seine Anwesenheit r Forderung der innern Mission bei uns mitzuwirken, und lt durch seine Rede in Durlach auf alle Anwesenden einen indruck gemacht, der ihnen unvergeßlich seyn wird.
Aus dem anderthalbstündigen Vortrage Wichern's können erbrechen*" ^ ^"^6 Bruchstück mittheilen. Es handelt vom
„Ich will," sprach Wichern, „ein einzelnes Gebiet herauS- ven, über welches wir uns bisher in der größten Täuschung fanden. Wir haben geglaubt, eS sey für die Jugend durch e Schulen hinlänglich gesorgt. Ich verkenne nicht, waS man
für die Schulen gethan hat, und was im Allgemeinen durch dieselben geleistet worden ist. Aber hüte man sich, alles DieS zu überschätzen.
Ich kenne in vielen Gegenden Deutschlands größere und kleinere Städte und ländliche Kirchspiele, wo noch immer Hunderte von Kindern, ohne alle Schule, Zucht und christliche Unterweisung ausgewachsen. Aus ihnen bildeten sich die Schaa- ren Derer, die das Verderben persönlich herausgeführt haben. Unzählige Glieder sind so abgefallen vom lebendigen Gott, haben den Heiland nicht erkannt und erkennen ihn noch nicht. Was hat die christliche Liebe, die im Glauben an Christum wiedergeboren, dagegen gethan? Das badische Land trägt zwar viele reitende Liebe in seinem Schooß. Zuerst in Beug« gen sind die Strahlen der Liebe für die Jugend aufgegangen. Noch unter den Schrecken der vorigen Kriege haben die Männer, welche die Heidenmission ins Leben riefen, gesagt, es dürfe keine Hewenmission seyn ohne eine innere Mission in der Hei- math. Aber diese Werke haben in Baden, wo sie zuerst verwirklicht wurden, den höchsten Aufschwung nicht genommen; andere Länder, Würtemberg besonders, haben die Arbeit lebendiger ausgenommen, und jetzt bestehen über 100 Rettungshäuser in Deutschland.
Wenn aber von den darin ausgenommenen verwahrlosten Kindern die Rede ist, — dieser Name der Verwahrlosten sollte übrigens gänzlich verschwinden, damit den Kindern kein Makel angehängt werde, — so denkt man dabei gewöhnlich nur an die Kinder des Proletariats, nicht aber zugleich an die vielen Andern, welche unter guter Pflege einhergehen und nicht gerathen.
Ich wohne selbst in einem Hause, wo Kinder gerettet werden sollen, und bin darin Hausvater. Als solcher kannn ich versichern, daß jährlich über 100 Eltern zu mir kommen, um Rath zu holen und den letzten äußersten Schritt zur Rettung ihrer Kinder zu thun. Darunter nicht wenige aus Familien der höheren Stände. Ich führe ein Beispiel an. Aus einer guten wohlhabenden Familie ist ein Sohn viermal entflohen, weil er keine Zucht annehmen wollte, er kommt zu Verwandten und begeht dort bedeutende Diebstähle, dann zu einem trefflichen Seelsorger auf das Land, bekommt dort Streit mit einer Magd, verwundet sie, und als man ihm nachsetzt, will er sich selbst entleiben.
Daran verhindert, flieht er auf ein Dach, uno stürzt sich herunter vor den Augen der in Schrecken erstarrten Familie. Er kommt aber mit dem Leben davon, und ich habe ihn in das Haus ausgenommen; er erklärte mir: Thun Sie, waS Sie wollen, ich werde kein Christ, ich will kein Christ seyn! Aehnliche Beispiele kenne ich mehrere, es gibt Kinder, die 40, die 93 Diebstähle begangen haben, ja ganze Banden von Kindern, die stehlen.
Solche Beispiele zeigen die unsägliche Noth der Jugendwelt, und deren Geheimnisse sind jetzt offenbar geworden. Tritt nun die Verführung zu solcher Jugend, so darf man sich nicht wundern, daß der spätere Wandel die Fortsetzung von dem ist, waS in der Kinderwelt geschah.
Die Zahl der jugendlichen Verbrecher wächst in erschreckend steigendem Verhältniß; noch vor einigen Jahrzehnten hatte