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Nassauische

Allgcmcmc Zeitung.

â 232

Mittwoch den 2L. Oktober

1849.

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Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume- ^ rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und KurfürstenthumS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- unv Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. IV fr. btInsera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen» eb ber g' schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

eg Amtlicher Theil.

Dienstnachrichten.

Ski Nichtamtlicher Theil.

Eine Stunde im Dillenburger Assisensaai.

Deutschland. Darmstadt (Asstsenvcrhandlungen). Karlsruhe (Gedächtnißmedaille). Rastatt (Hinrichtungen. Flucht eines Ge­fangenen). Hohenzollern (Politische Untersuchungen). Stettin Kinkel). Stralsund (Kriegâhafen). Hamburg (H. v. Gagern erwartet. Direkte Schifffahrtsverbindung mit Neu-Vork). Schleswig- Holstein (Venedey). Wien (Zustände in der Backa und in Sieben­bürgen. Die Redujirung der Armee. Duell).

Schweiz. Neuenburg (Der Geburtstag des Königs von Preußen).

Frankreich. Paris (Die Diplomatie).

Großbritannien. L o nd o n (Raubzug irländischer Pächter. Rüstungen in Konstantinopel).

Sprechsaal für Stadt und Land.

Amtlicher Theil.

Dem Domänen-Assessor v. H o l b a ch ist die Verwaltung der Direktion des Korrektionshauses zu Eberbach provisorisch übertragen worden.

Der Medizinal-Akzessist Dr. Menges zu Wiesbaden ist in gleicher Eigenschaft nach Weilburg versetzt worden.

Nichtamtlicher Theil.

O Eine Stunde im Dillenburger Afftsenfaal

Nanzenbach bei Dillenburg, 12. Oktbr. Die Konskrip» tion führte mich heute zur Stadt. Eine große Volksmenge L. drängte nach dem Archivgebäude, in dem, wie ich hörte, die " Assisen ihre Sitzungen hielten. Ich folgte dem Menschenstrom und stand bald vor dem Ihnen bekannten schönen Gebäude. , Nassauische Infanteristen, kräftige, blühende Leute, in den neu I eingeführten Waffenröcken, hielten die Wache. Auf der breiten, sehr hellen steinernen Treppe gelangte ich in den mittleren Stock, in dem rechts die Thüre zum Assisensaal ist. Von dem -vor derselben Wache haltenden Posten freundlich zurecht ge# t wiesen, stieg ich noch einige Stufen hinan und hatte dann daS les Recht, mich auf eigene Verantwortung in die von Leuten aller Stände überfüllte Gallerie zu drängen. Man sagt, dem Men­schen, wenn er will, ist nichts unmöglich. Diese Erfahrung konnte ich machen. Ich eroberte mir, wenn auch nicht ohne Mühe, ein Plätzchen, auf dem ich Gelegenheit hatte, Alles zu _ sehen und zu hören.

Der Saal ist freundlich, aber für trübe Herbsttage, wie gerade einer war, etwaö düster, und die schöne, wie mir mein

Nachbar sagte, theure Tapete vermag ihn nicht heller zu machen. Ich blickte hinunter in den Saal.

An einem grünen Tische auf roth gepolsterten Stühlen gewahrte ich das Gericht.*) Rechts des Präsidenten hatte der Staatsanwalt, links desselben der Schriftführer (greffier), jeder an einem besondern Tische Platz. Auf einem Tische vor ihnen lagen Beweisstücke. Die zwölf Geschwornen saßen (nach der Reihe, wie ihre Namen auS der Urne hervorgegangen waren) auf der Seite des Staatsanwalts, vor ihnen die beiden Ersatzgeschwornen, ihnen gegenüber die Angeklagten, jeder einen Gardisten zur Seite; die Anwälte vor ihren Klienten, die ver­hörten Zeugen auf einer Bank, den Richtern gegenüber. Zwei Infanteristen hatten die Wache im Saale.

Die Verhandlungen wurden ruhig und mit Würde geführt: nichts desto weniger machten sie auf mich nicht den, ich möchte sagen, ergreifenden Eindruck, den die französischen Assisen ge­währen. Bei den Assisen in Frankreich erscheinen die Richter im schwarzen Talar, mit schwarzem Barret und weißem HalS- tuche, und, man sage waS man will grau, Freund, ist alle Theorie! diese feierliche Amtötrachl gibt ihrem ganzen Er­scheinen eine gewisse Würde, die nicht ohne Nachwirkung bleibt. Die jungen Männer, die gerade vor den Assisen standen, wie man mir sagte, einer Tödtung wegen angeklagt, schienen auch wenig ergriffen; sie unterhielten sich mit ihrem Anwalt, alS ob sie unbetheiligte Zuschauer wären.

Das Publikum, obwohl in großer Masse vertreten, bewies die gemessenste Haltung. Ruhig, mit gespannter Aufmerksam­keit folgte es dem Gange der Verhandlung und erhob sich jedes Mal bei der Eidesabnahme von seinen Sitzen.

Seine Theilnahme ist erklärlich. Das Neue an und für sich reizt, um so mehr, wenn es Institutionen betrifft, die, wie die Schwurgerichte, so tief in das Leben eingreifen, und so hohe Interessen vertreten. Jever bildet sich selbst eine An­sicht, und ist begierig, sie bestätigt oder verworfen zu finden. Er sieht vor seinen Augen den Geistcskampf kämpfen, daS Wahre zu ermitteln, er sieht Staatsanwalt und Vertheidiger in der That nur ein Ziel verfolgend, mit Gründen gegenein­ander stehen, er sieht sich selbst zuletzt in den Stand' gesetzt, als unparteiischer Richter in seinem Inneren das Urtheil zu fällen.

Freilich hängt im einzelnen Falle das Ergebniß des Ur, theils in hohem Grade von der Tüchtigkeit der die Partheien Vertretenden ab (die Achillesferse unserer Schwurgerichte !); aber auch Das gewähret Interesse, abgesehen davon, daß sich an Vertreter und Vertretene mannigfache Theilnahme knüpft.

Will man gegen das Oeffentliche des Verfahrens urgiren, daß Kenntniß vonSchlechtigkeit und Diebes kniffen" sich in weiten Kreisen verbreitet, so ist das allerdings wahr, aber mag man auch nicht beachten, daß dem Präsidenten in einzelnen die Sittlichkeit unmittelbar gefährdenden Fällen daS Recht zusteht, die Verhandlung der Öffentlichkeit zu entzie­hen, so ist doch der Segen der Oeffentlichkeit in viel­facher Rücksicht zu bedeutend, als daß unser Urtheil beirrt

*) Man gestatte den Ausdruck. Ich müßte eigentlich sagen: Das Gericht im engeren Sinne, die eigentlichen (stndirtcn) Richter, denn ne und die Geschwornen bilden das Gericht (Schwurgericht). Der Vers.