Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 2 Stt Montag den 22. Oktober L8LS
Dritte Ausgabe.
Uebersicht.
Deutschland. M ai nz (Die Cholera). — Frankfurt (Telegraph).— Rudolstadt (Unruhige Szenen). — Berlin (Der Verwaltungsrath und die neue Verfassung für Schwerin. Telegraphische Depesche). — Altona (Aufforderung des Bürgervereins). — Hamburg (Die ungarischen Flüchtlinge). — Wien Vorrâthe aus Komor». Uebergroße Loyalität. Die Uebereinkunst zwischen Oesterreich und Preußen).
Dänemark. Kopenhagen (Standeserhöhung).
Frankreich. Paris. (Skandalszene bei dem Prozeß zu Versailles). Nordamerika. (Die diplomatischen Differenzen).
Deutschland
Mainz, 2O. Oktbr. Stand der Brechruhrepidemie. In Nainz wurden angezeigt: 1 neuer Erkrankungsfall und 4 Venesungsfälle. Ein Todesfall kam nicht vor. ' (M. Z.)
Frankfurt, 19. Oktbr. (O.-P.-A.-Z.) Aus zuverlässiger Quelle vernehmen wir, daß die Telegraphculinie zwischen Serkin und Frankfurt vom 24. d. M. ab dem Publikum — mter ähnlichen Bedingungen, als die bereits eröffneten Linien lach Aachen, Stettin und Hamburg, zur Benutzung überleben wird!
Rudolstadt, 7. Okt. Gestern ging es hier sehr unruhig i«. Gegen den Regierungsrath Hönniger (ehemals Mitglied er Linken im Parlament) sollte eine Kriminaluntersuchung ingeleitet werden wegen des bekannten Aufrufs, welcher von em „Donnersberg" ausgegangen und welchen Hönniger mit nterschrieben und auch in Rudolstadt mit verbreitet haben sll. Die fürstliche Regierung hatte deßhalb ein Rechtsgutach- ni in Leipzig eingeholt, und da dieses sich dafür aussprach, ) begab sich gestern Morgen ein Negierungskommissär in die Behausung Hönniger's, um dort dessen Papiere mit Beschlag a belegen und ihn darüber zu vernehmen. Die Kommission cschien mit sechs Mann Militär, und da das Publikum den ähern Zusammenhang nicht kannte, so ließen Einzelne sich erleiten, auf das Militär einzustürmen, sogar den Kommis- iren mit Waffen zu drohen. Doch ging daö Ganze noch mit n wenig Blut und Verhaftung eines Erzeventen ab, wäh- nd später Militär und Bürgerwehr gemeinschaftlich eine Sache vor dem Hause aufstellten. Hiesige Blätter theilen auch ne unterm 3. Oktober an die Lanvstände gerichtete Petition 's Schwarzburger Bataillons mit, worin dasselbe, Recht und ienugthuung fordernd, sich beschwert, daß der Regierungsrath inniger am 30. September auf dem Wege nach Schaale " bhrere Soldaten: „Ihr Hunde, an den rothen Kragen er, ’M man euch Knechte!" und in Schaale selbst, wo eben lrchweih war, einen andern Soldaten mit den Worten: „Fort, l rothkraglger Hund!" aus dem Gasthof auf die Straße ge- 'ßen habe. (Kahlaer Nachr.-Bl.)
Nürnberg, 18. Okt. (Nürnb. Korr.) Gestern fand auf r Strecke der Ludwig-Süd-Nordbahn zwischen Mainleus und ^amroth ein beklagenöwerther Unfall gegen 9 Uhr Mor
genS statt. Es brach nämlich eine der beiden vorderen Fe- dern, auf welchen der Dampfkessel ruht; dieser senkte sich gegen die Achse und drückte das sogenannte Pflugmesser, das über den Schienen steyt, gegen diese herab. Dadurch gerieth die Lokomotive aus dem Schienengeleise und stürzte von der Dammböschung. Fünf Wagen wurden von den Schienen gerissen, mehrere umgestürzt und alle mehr oder minder beschädigt. Leider ist dabei der Verlust von 3 Menschneleben zu beklagen; außerdem ist ein Kind schwer und 4 andere Personen leicht verwundet. Der Lokomotivführer und Heizer lagen unversehrt unter der umgestürzten Lokomotive; die oben auf den Wagen sitzenden Kondukteure wurden an 30 Schritte weit ins Feld geschleudert, ohne Schaden zu nehmen.
Berlin, 17. Okt. (C. C.) Der in Rostock erscheinende „Norddeutsche Korrespondent" brachte in einer seiner letzten Nummern die Nachricht, daß der Verwaltungsrath die Wirksamkeit der in Schwerin publizirten Verfassung inhibirt habe. Die „Const. Zlg." hat mit Recht heute schon aus innern Gründen diese völlig falsche Angabe zu widerlegen versucht. Der Verlauf der Sache ist einfach folgender: Vor einiger Zeit stellte der Bevollmächtigte von Mecklenburg-Strelitz beim Ver- waltungsralhe den Antrag, daß für die beim Schiedsgerichte anhängig zu machende Streitfrage ein möglichst beschleunigtes Verfahren veranlaßt werden möge. Der Verwaltungsrath erklärte jedoch aus diesen Antrag nicht eingehen zu können, weil diese Angelegenheit ihre gewiesenen Weg^ vor dem Schiedsgerichte habe, die Geschäftsordnung des Schiedsgerichts selbst dort den Geschäftsgang bereits geregelt habe, und für einen einzelnen Fall auf Beschleunigung einwirken zu wollen, der Stellung des Verwaltungsrathes in keiner Weise entspräche. Gleichzeitig wurde jedoch an die Regierung in Schwerin, auf Antrag deS Strelitzer Bevollmächtigten, eine Mittheilung gerichtet in der ihr im Interesse der unter den Bundesgenossen zu erhaltenden Einigkeit anheimgestellt wurde, für die beim Schiedsgerichte einmal anhängige Streitsache, so weit es sonst die Verhältnisse gestatten sollten, möglichst den Statusquo zu erhalten. Dieses Anschreiben scheint erst nach der Publikation der Verfassung in Schwerin eingegangen zu seyn. Nachdem die Verfassung einmal publizirt war, versteht es sich von selbst, daß der VerwaltungSrath mit dieser Angelegenheit, die ausschließlich zum Ressort des Schiedsgerichts gehört, nicht mehr befaßt seyn konnte.
Berlin, 19. Oktober. (Nach einer durch den elektrischen Telegraphen der Köln. Ztg. zugegangenen Depesche.) Die erste Kammer hat so eben die Aufrechterhaltung des ersten Satzes von Art. 108 der Verfassungsurkunde — die Forterhebung der Steuern bis zur Aufhebung auf dem Wege der gewöhnlichen Gesetzgebung — mit vierundachtzig gegen sieben- undfünfzig Stimmen genehmigt. Sie hat also das konstitutionelle Steuerverweigerungsrecht verworfen.
Ferner hat sie den Art. 99 in der Fassung des Kommissions-Antrages angenommen. Derselbe lautet hiernach:
„Steuern und Abgaben für die Staatskasse dürfen nur erhoben werden, soweit" sie in den StaatShaushaltö-Etat ausgenommen oder nach erfolgter Festsetzung desselben durch be-