Nassauische
Allgemeine Zeitung.
J£ 2â7. Donnerstag den 18. Oktober 18LN
Zweite Ausgabe.
u e b e r s i ch t.
Verbindung der Schule und der Kirche.
Deutschland. Frankfurt (Durchmarsch eines nassauischen Bataillons).
— Darmstadt (Politischer Prozeß). — Worms (Der Prozeß gegen Blenker). — Gießen (Guter Rath des Prof. Vogt). — Aus Baden (Gespensterseherei). — Karlsruhe (Theater-Verbote). — Eßlingen (Die Anklage der Minister wegen Sprengung der Nationalversammlung). Stuttgart (Die deutsche Frage). — Kassel (Zusawmenberufung der Ständeversammlung). — Koblenz (Auflösung des Turnvereins). — Berlin (Radowip). — Wien (Das Wechselrecht. Die Privat-Be- nutzung des Telegraphen).
Frankreich. Paris (Herr v. Fallour). — Marseille (Manin und Lola Montez).
Amerika. Hayti (Verfügungen des nenen Kaisers).
Sprechsaal für Stadt und Land.
2) Verbindung der Schule und der Kirche.
In öffentlichen Lchrerversammlunqen und öffentlichen Blättern sind die Stimmen laut und vernehmbar für die Trennung der Schule und Kirche erhoben worden; wir wollen einmal hier das Gegentheil aufstellen und unsern unvergeßlichen Gruner reden lassen. Er sagt hierüber in seinem über Volksschulwesen und Volksveredlung erschienenen Werke also:
„Der Endzweck der Volksschule ist Veredlung deö gesamm, ten Volkes; sie, die christliche Volksschule, soll dem aufkom- menden Geschlechte den Weg zum Reiche Gottes anbahnen und muß mit der Kirche in der engsten Verbindung stehen, muß, von dieser ausgehend, als èin ' ergänzender Theil derselben, durch sie und zugleich mit ihr, also auch in gleicher Würdigung mit ihr, verbunden seyn mit der bürgerlichen Gesellschaft im Staate,
Die Kirche ist keine christliche Kirche ohne die Schule, die Schule ist keine christliche Schule ohne die Kirche; jene und diese ist nie, was sie seyn sollte, außer dieser Verbindung gewesen, kann es ohne sie niemals werden. Beide würden es werden, wenn sie nur erst in sich wahrhaft christlich seyn wollten, wenn sie endlich einmal von dem Wahne abließen, als könne man durch Formelwesen christlich werden; wenn sie beide erst erkennen möchten, daß es das unselige Ende alles Christus- Sinnes sey, wenn man nur christlich scheinen, aber nicht seyn will. Schier vergeblich klagte schon Lessing über dieses Unwesen. —
Ohne die rechte Schule gibt cs, am wenigsten zu unserer Zeit, eine christliche häusliche Erziehung, ohne diese gibt es nie eine dem Wesen nach christliche Kirche; ohne beide gibt es aber auch nie eine wahrhaft christliche Schule.
Die erste Aufgabe, welche wir hier stellen müssen, ist demnach die außer dem Bereiche der von uns in- Aussicht genom- menen Rede liegende: daö Christenthum da, wo es fehlt, zuerst
; in die Kirche zu bringen, um diese wahrhaft zum sichtbaren I Goitesreiche auf Erden zu machen.
Den rechten Lehrer für die Schule zu bilden, machen wir uns, wie schon bemerkt worden, anheischig, wenn man uns nur Gehör geben will. Eben so müßten, wenn man nur wollte, für alle einzelne Kirchen wahrhaft Geistliche, das heißt, dem Gottesreiche geweihete Männer, so würdige Lehrer zu erzielen seyn, wie bereits an vielen, oder wenigstens manchen stehen. Freilich würden dann unsere Gelehrtenschulen hie und da manchen Veränderungen unterzogen werden müssen; allein dieser hochwichtige Gegenstand dringend nöthiger Berathung sachkundiger und parteiloser Männer gehört auch nicht in den Bereich unserer jetzigen Aufgabe.
Wenn nun der Kirchenlehrer, bei allen Vorzügen der wahren Bildung, bei der wissenschaftlichen Erkenntniß der äußeren und inneren Natur, bei der edlen Gesinnung, welche wir von unserem Schullehrer verlangen, noch den Reichthum eigentlich gelehrter Kenntniß und mehr umfassender Erfahrung aus einem ausgebreiteteren Geschäftskreise voraus hat; so muß er, der für die Schule gleich begeisterte Freund, der vollendetere Mit, arbeiter ckeS Schullehrers, und also dem inneren Verhältnisse nach eben so berufen und geeignet, wie dem äußeren nach bestimmt seyn, als der nächste Vorgesetzte der Schule und deS Lehrers betrachtet zu werden.
Welch ein schönes und für das Wohl des gesammten Volkes aus dem Schulwerke fruchtbares Verhältniß!
Der mit dem Lehrer und seinem Streben einverstandene Geistliche ist gegenwärtig; er sieht daS Gute und daS Zerstörende, von welcher Seite eS komme, noch bevor jenes von diesem gefährdet werden kann. Er nährt und befördert jenes, er mindert dieses und wendet es ab; er hilft überall in naher Berührung bei liebevollen Verhältnissen mit Leichtigkeit, wo und wie außer ihm niemand helfen kann. Er kennt alles, worauf es beim Gedeihen des Schulwerkes ankommt, er kennt den Lehrer, er freut sich seiner Vorzüge, er vertraut ihm, er sieht seine Schwäche, er unterstützt ihn in Hinsicht auf Fortbildung und Veredlung, woran dem Lehrer so viel, woran ihm alles gelegen ist; er kennt die Gemeinde, Die Eltern der Schulkinder, die Ortsvorgesetzten, die öffentliche Meinung hinsichtlich der Schule, die Gesinnung vieler (gern sagten wir, aller), gegen den Lehrer; er berichtigt die Ansichten, wo sie irrig sind, er beruhigt jedes gereizte Gefühl, er nährt jedes anerkennende, er hebt durch herzliche Theilnahme und Einstimmung jedes freudige. — In welches angemessene , in welches schöne Verhältniß kommt er durch daS alles mit dem Lehrer.
Fürwahr, ein Mensch, der eines solchen nicht würdig wäre, der eö nicht in Bescheidenheit, Vertrauen, Dankbarkeit in Nachsicht mit menschlicher Schwäche entgegnete, könnte unS nicht Lehrer heißen.
Die Verschiedenheit der Ansicht und Stimmung, woraus, wie nun eben Menschen sind, allerdings Mißhelligkeiten zwischen dem Geistlichen und Lehrer entstehen können, müßte evangelisch verfahren werden. — „Wenn Jemand von einem Fehler übereilt würde, so helfet ihm wieder zu recht mit lanft- müthigem Geiste, ihr, die ihr geistig seyd. Wahrhaftig, hier oder nirgends unter den Menschen findet diese christliche Vor-