Nassauische
Allgemeine Zeitung.
«M 2LS Dienstag den 18. Oktober L8LS
Die Naff. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränume- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogtlmmS uns KurfürstenthuniS Hessen, der Landgraffchast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 9 fl. IO fr, — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen» terg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Der Westerwald und der Braunkohlenbergbau.
Deutschland. Wiesbaden (Assisenverhandlungen). — Dillenburg
(Die Fälle, welche vor daS dermalige Schwurgericht kommen).— Karlsruhe (Die Bürgerwehr).— F r e ib u r g (Strafurtheil). — H a nn o v c r Einberufung der Kammern). — Berl i n (Der Prinz von Preußen. Die Thätigkeit des Verwaltungsraths. Die Winterrestdenz des Königs). — Schwerin (Die neue Verfassung veröffentlicht), — Wien (Der Tod des Grafen Bathyani).
Frankreich. Paris (Nationalversammlung). Großbritannien. London (Bestrafung vranginischer Beamten in Irland).
Italien. R o m (Die Franzosen. Truppen-DiSlozirungen. Die Jesuiten).
** Der Westerwald und der Braunkohlenbergbau.
Wir fahren damit fort, einen andern Industriezweig unseres gesegneten Landes, welcher an die Tertiär-Formation des WesterwaldeS, wie auch die Thonindustrie geknüpft ist, der öffentlichen Aufmerksamkeit vorzuführen. DaS Vorkommen der Braunkohlen oder des bituminösen Holzes auf dem Westerwalde ist ein sehr umfangreiches, die Braunkohlen treten daselbst in der Regel in zwei Hauptflötzen auf, welche zwischen thonige und basaltische Schichten in größerer oder geringerer Regelmäßigkeit horizontal gelagert sind. Die Mächtigkeit dieser Flötze wechselt von 1 bis zu 10 Fuß. Auf dem hohen Westerwalde befinden sich die mächtigsten Ablagerungen, und daS Braunkohlengebiet umfaßt ganz oder nur zum Theil die Aemter Dillenburg, Herborn, Weilburg, Rennerod, Marienberg, Wallmerod, Hachenburg, Montabaur und Selters.
Betrachtet man diesen Landstrich etwa vom Salzburger Kopfe aus, so steht man ringsum ein hügellicheS Hochland, in das zahlreiche flache Becken gelagert sind, die mit den Haupt- Wasserabzügen durch die tiefen eingeschnittenen Thäler der Nister, Elb, Aubach^rc. in Verbindung stehen. Dieses jHoch- land hat nur an den Rändern und in den Thälern größere Waldparthieen aufzuweisen und ist in Bezug seiner Fruchtbarkeit und seines Klimas bei den Umwohnern in keinem günstigen Rufe.
Der eigentliche Typus des WesterwaldeS ist vorzüglich nur in den Aemtern Rennerod, Wallmerod und Marienberg ausgesprochen, die wir auch in Ansehung ihrer Produktivkraft mit Bezug auf den Braunkohlenbergbau (der in normalen Jahren incl. der Frachten gegen 250,000 fl. für 1 Million Zentner im Ganzen geförderter Braunkohlen einbringt und über 7000 Menschen ernährt) in diesem Aufsatze besonders betrachten wollen.
Um unseren ferneren Betrachtungen eine bessere Grundlage zu verschaffen, schalten wir hier einige vergleichende statistische Angaben, welche dem ProduktionS-Vermögen dieser drei Aemter, (außer dem kultivirten Acker- und Wiesenlande) zur Unterlage dienen, ein. Nach einer DurchschnittS-Rechnung
kommen auf ein Amt an Flächengehalt 65,000 Morgen und dabei 3800 Morgen Trieschland und 26,400 Morgen Wald. Nimmt man nun den Flächengehalt der Aemter Rennerod, Marienberg und Wallmerod zu 57,600, 44,100 und 59,500 wer im Verhältniß vom Durchschnitt wie 1:0, 88:0,68:0,90 i so müßten diese Aemter an Trieschland enthalten 3300; 2600 und 3400 Morgen. In der Wirklichkeit enthalten sie aber 7700; 5200 und 4400 Morgen. Rennerod hat demnach über den Durchschnitt 4400; Marienberg 2600 und Wallmerods000, zusammen 8000 Morgen. An Wald dagegen haben diese drei Aemter 10,700, 7100 und 15,700 Morgen. Im Durchschnitte müßten sie aber haben 23,200; 18000 und 24,100. Sie haben demnach weniger 12,500; 10,900 und 8400, zusammen 31,800 Morgen.
Durch das plus an Trieschland, welches zur Weide benutzt wird, erklärt sich zum Theil der größere Viehstand in diesen drei Aemtern. Denn sie müßten nach dem Durchschnitte an Rindvieh besitzen 6000; 4600 und 6200 Stück, der Bestand ist aber 9400; 7100 und 9800. Also mehr 3400 ; 2500 und 3600, zusammen 9500 Stück.
Man muß sich übrigens nicht vorstellen, daß das im Staats- und Adreß-Handbuche für diese und auch zum Theil noch für die Aemter Herborn, Hachenburg und SelterS angegebene Acker- und Wiesenland vollständig so angesehen werden kann, wie in anderen Theilen unseres Landes, die in der Agrikultur schon weiter fortgeschritten sind. Es sind nämlich auf dem Westerwalde große s. g. Wiesenflächen vorhanden, welche wegen Mangel an Kultur nur eine sehr spärliche Ernte geben und eher als Trieschland anzusehen sind, und dann gibt eS gar vieles Ackerland, welches nur periodisch als solches mittelst der UeberwucherungS-Düngung in Bau genommen werden kann.
Ueberhaupt fehlt auf dem Westerwalde wegen der Waide- fütlerung und dem Mangel an paffender Streu der Dünger für einen umfangreichen und wohlgeordneten Ackerbau; wogegen der Boden fast im ganzen Tertiärgebiet sich vortrefflich hierzu eignet und die klimatischen Verhältnisse kein wesentliches Hinderniß abgeben, da sie viel besser sind, als ihr Ruf.
Unter diesen Umständen hat die Tertiärformation für diesen Landstrich einen doppelten, unberechenbaren Werth. Denn sie ersetzt einerseits durch die Braunkohlen den Mangel an Wald und anderntheils könnten die häufig und fast überall vorkommenden und auch beim Braunkohlenbergbau sich ergebenden zeolitischen Tuffe und Feldspathgesteine, welche durch Brennen mit Braunkohlenklein, zumal wegen ihrem Kaligehalt, leicht zu einem trefflichen mineralogischen Dünger umgewandelt wer, den können, zur Beförderung des Ackerbaues wesentliche Dienste leisten. Die chemische Untersuchung dieser Gesteinsartcn auf ihre Brauchbarkeit für Dünger wäre ein für den Westerwald äußerst verdienstvolles Unternehmen , das der Aufmerksamkeit der betreffenden Behörden und Anstalten nicht genug empfohlen werden kann.
AuS dem Gesagten ist ersichtlich, welche belangreichen Elemente auf dem Westerwalde, durch die Braunkohlen bedingt, noch nutzbar zu machen sind und wie diese Nutzbarmachung wieder auf den Braunkohlenbergbau vortheilhaft zurückwirken würde.