Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M LLL. Montag den IS Oktober 18419»
Dritte Ausgabe.
Uebersicht.
Deutschland. Wiesbaden (Assisenverhandlnnzen). — AuS dem Maingrunde (Die Echattenseiten des neuen Armengesetzes). — Rastatt (Das Standgericht). — Berlin (Der Bertrag zwischen Oesterreich und Preußen. Der „Publizist" und die Preßfreiheit).
Frankreich. Paris (Die Ehrenlegion. Der große politische Prozeß).
Sprechsaal für Stadt und Land.
D e u L f eh i a n d
*** Wiesbaden, 14. Oktbr. (Die Assisenverhand- lungen zu Wiesbaden.) Gestern standen Kaufmann Karl Döring von Wiesbaden und dessen zweite Ehefrau, -Apollonia geborne Al lend orf, vor den Assisen. Ersterer war angeklagt des Bruchs des Handgelöbnisses und des versuchten Betrugs bei der Inventarisation des Vermögens erster Ehe vor Eingehung der zweiten, und Letztere der Theilnahme an dem von ihrem Ehemanne versuchten Betrüge.
AlS Assisenpräsident fungirte Hofgerichtsrath Trepka. Richter waren die in unseren früheren Berichten bezeichneten Herren Hofgerichtsrâthe.
Die Staatsbehörde vertrat Substitut Flach. Die Angeklagten vertheidigte Prokurator Lang.
Den Verhandlungen am Vormittage, welche bis zum Schluffe des Zeugenverhörs gediehen waren, haben wir nicht beigewohnt.
Des Nachmittags um 3 Uhr wurden solche fortgesetzt. Der Staatsanwalt Flach führte in einem schönen, wohldurchdachten und schlagend überzeugenden Vortrage die Gründe zur . Unterstützung der Anklage aus.
Die Vertheidigung des Prokurators Lang verdient alle Anerkennung, ihr Eindruck wurde jedoch durch die durch ihre Kürze und logische Schärfe ausgezeichnete und lauter innere Wahrheit enthaltende Replik des Herrn Flach bezüglich deS Angeklagten Carl Döring sehr geschwächt.
Assisenpräsident Trepka führte sein Resuma, was den Inhalt desselben betrifft , recht gut aus und ließ sehr wenig zu wünschen übrig. Er sprach jedoch gestern zuweilen noch schneller und leiser, als bei dem vorhergehenden Fall. Wir wünschen und hoffen, daß Herr Trepka diese kleinen Fehler beseitigen werde und mit etwas mehr Feuer und Schwung bei dem Resume reden möge.
Die Geschwornen haben die Schuldfrage bezüglich des Karl Döring mit Ja, hiusichtlich der Ehefrau desselben mit Nein beantwortet, und der Assisenhof auf dem Wahrspruch der Jury den Karl Döring zu 9 Monaten KorrektionShauS vcr« urtheilt, dessen Ehefrau aber freigefprochen. Mit dem Verdikt der Geschwornen wird sich auch der Rechtskundige vollkommen einverstanden erklären müssen.
△ Aus dem Maingrunde, 8. Oktbr. In Nr. 235 dieser Blätter ist ein Artikel aus Herborn enthalten, welcher unser jetziges Armenwesen vom sittlichen Standpunkte auS sachgemäß beleuchtet, und schon in diesem Artikel ist der Beweis geliefert,
j daß das in die Gemeindeordnung eingeschaltete, resp, mit dieser I verbundene neue Armengesetz noch Vieles zu wünschen übrig läßt. Diese Behauptung wird am besten dadurch gerechtfertigt, wenn man die geeigneten Beobachtungen anstellt, wie und in welchem Maße den Armen die Unterstützungen gereicht, und welche Motive nicht selten dabei zu Grunde gelegt werden.
Nach dem neuen Armengesetz ist der Arme in jeglicher Gemeinde lediglich und allein von den Bestimmungen deS Gemeinderaths abhängig und hinsichtlich der Unterstützung entscheidet das Mehr der Stimmen. Bei den Debatten wild sehr oft daS ganze Sündenregister des Bedürftigen durchgegangen und dadurch demselben die ihm in dem Augenblicke nöthige Unterstützung entzogen. Daß durch ein.solches Verfahren indessen der Arme beinahe genöthigt wird, sich auf unerlaubtem Wege seine Eristenz zu sichern, dem Diebstahle Thür und Thor geöffnet und Religion und-LittUchkeit zu Grabe getragen wird, ist eine Wahrheit, welche früher oder später ihre verderblichen Früchte tragen muß. Ist der Arme nicht im Stande, sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben, so muß ihm Unterstützung werden, ohne darauf zu sehen, ob seine frühere Lebensweise lobens« oder tadelnswert!) war.
Arme und Gebrechliche werden jetzt an vielen Orten an den Wenigstnehmcnden in Kost und Pflege gegeben, und wer am Wenigsten fordert, wird der Nährer und Verpfleger des Verakkordirtcn, und Letzterer muß auf diese Weise schon das Feqfeucr im Voraus abverdienen. Beschwert sich der Arme, so wird der Gemeinderath zum Bericht gefordert, darnach entschieden — und die Lage des Armen bleibt wie sie eben ist.
DaS Alles war besser, als die Amtsarmeukommissionen noch bestanden, denn 1) waren diese auS Beamten, Geistlichen und Männern aus dem Bürgerstande zusammengesetzt, denen jegliche Parteisucht bei Bewilligung von Unterstützungen in der Regel fremd blieb, und welche nur fragten: Ist die Person arm, und in welchem Grade muß sie unterstützt werden? 2) die Mitglieder der Armenkommissionen aus dem Beamlen- stande hatten die Verbündlichkeit durch öftere Rundreisen auf die Ortschaften und durch Befragung der in Pflege gegebenen Personen sich an Ort und Stelle zu überzeugen, ob sich der Arme einer menschlichen Behandlung erfreue oder nicht, und im letzteren Falle wurde für ein anderes Unterkommen gesorgt. DaS ist jetzt auch AllcS anders, d. h. freier geworden, da eS gegenwärtig manchem der souveränen Dorfbeamten zu viel Mühe macht die Pflegherren unter die gehörige Kontrole zu stellen.
Schreiten deßhalb die Kreisämter hier nicht mit der gehörigen Energie ein, und nehmen sich der Armen ernstlich an, so wird sich die Kluft zwischen dem Besitzenden und Besitzlosen immer mehr erweitern, und unser Armengesrtz würde früher oder später einen Zustand heraufbeschwören, wie ihn die Sozialisten und Kommunisten nicht besser verlangen könnten.
0 Dillenburg, 13. Oktober, Nachmittags 2 Uhr. So eben ist ein Detachement preußischer Cavalerie auf der Rückkehr auS dem Bade n'schen eingerückt und wird bis zum Montag hier verweilen.