Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 2LL.
Donnerstag den 11 DEtober
1849.
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme deâ Sonntags. — Der vierteljährige Pränume. rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl ., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 1O fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen« berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die Assisenverhandlungen zu Wiesbaden.
Die Thonindustrie in Nassau.
Deutschland. Wiesbaden (Brand in Dotzheim und Mosbach). — Aus dem Kirchspiele Bre it enau (Güterkonsolidation. Wegbau).
— Mainz (Die Rheinschiffahrtskommission. Die Cholera). — Darmstadt (Die Unsicherheit in der Gegend von Oberingelheim). — Mannheim (Die Cholera). — Rastatt (Die Flucht der Gefangenen). — München (Das Oktoberfest). — Flensburg nnd Appenrade (Die nationale Bewegung). — Wien (Das neue Anlehen).
Amerika. (Die Darmstädter sozialistische Gesellschaft in Teras).
*** Die Asfisenverhandlungen zu Wiesbaden.
Veritas odium parit!
Wiesbaden, 9. Oktober.
Die heutigen Verhandlungen hatten die Anklage gegen Jakob B i bo, Balthasar Kohl, Joseph Müller und Jakob Ringel, sämmtlich aus Rauen th al, Amts Eltville, wegen Mordversuchs an dem Frühmesser Bernhard Schraub von da zum Gegenstände. Der Assisenhof war aus den in unserem gestrigen Berichte bezeichneten Personen gebildet. Der Assisen- präsident Flach eröffnete die Verhandlungen mit den Worten: ah, es ist hier kalt! (Mit beherzter und sehr lauter Stimme) Gerichtsdiener, warum haben sie kein Feuer angemacht? Gleich machen Sie hier vorn wenigstens Feuer an! Allgemeines Kopfschütteln und vielfaches lautes Mißbilligen von Seilen deö Publikums erfolgte auf diese Ordonnanz. Schon gestern hatte der Herr Assisenpräsident mehrere ähnliche laute Ordonnanzen an die Gerichtsboten erlassen. Wir hatten sie un,gerügt gelassen, weil wir glaubten, solche würden sich nicht mehr wiederholen.
Da wir uns jedoch getäuscht haben ; so können wir eS aus Interesse für die Sache nicht unterlassen, unsere Mißbilligung öffentlich darüber um so mehr auszusprechen, als wir wünschen, daß unsere Assisenverhandlungen mit Ernst und antiker Würbe einherschreiten. Herr Dr. Flach wird daher wohl thun, künftighin solche Befehle an die Gerichlöboten hübsch leise zu ertheilen.
Aus der Urne der heute fungirenden Geschwornen kamen unter Anderen AmlSaffessor Usenet aus Eltville und Bürgermeister F lek aus Zeilsheim hervor. Wir heben nur diese beiden Personen besonders heraus, weil wir von den Geschwornen nur sie allein kennen und nach unserer innigsten Ueberzeugung unserer heutigen Jury Glück wünschen können, daß sie in ihnen zwei durchaus intelligente und tüchtige Mitglieder erhalten hat.
Staatsprokurator 9i e i $ m a n n vertrat die Staatsbehörde und die Prokuratoren v. Arnoldi, Dr. Geiger, Reefer und Lang die Angeklagten.
Nach Verlesung des gediegenen VerweisungserkenntnisscS des Anklagesenats wurde der von dem Staatsprokurator Reich
mann mit musterhafter Gründlichkeit urw großer Sachkennkniß auf den Grund der in der Voruntersuchung aufgenommenen Verhandlungen abgesaßle Anklageakt, den wir den Lesern dieser Blätter miltheilen werden, verlesen.
Slaalsprokurator Reichmann machte nun mit unbestreitbarer Gewandtheit die Geschwornen auf die schwierigsten und erheblichsten Punkte des vorliegenden Falles aufmerksam. Einen Punkt hätte er unseres Erachtens noch hervorheben sollen, nämlich die Bedrohung mit Niederschießen gegen die zur Hilfe des Frühmessers Schraub herbei geeilten Bürger seitens zweier der Angeklagten.
Mit Aussetzung der Verhandlungen auf die Dauer einer Stunde zur Einnahme des Mittagstisches haben dieselben von Morgens 8 bis Abends 7 Uhr gedauert. Das Zeugenverhör wurde um diese Stunde beendet.
Was die heute auf der Bühne aufgetretenen gerichtlichen Personen betrifft; so hat Staatsprokurator Reichmann feine Stellung vollkommen begriffen. Er schritt mit einer Sachkenntniß, einer praktischen Gewandtheit und einer Würde einher, die ihm und dem Lande Ehre macht.
Mit großem Bedauern müssen wir jedoch berichten und wir können es nicht, um der Wahrheit die Ehre zu geben, verschweigen, daß der Assisenpräsident Dr. FlachdaS heutigelnyuisitorium wieder so ärmlich, unvollständig und verworren geführt hat, daß wir wenigstens ihn für nicht geeignet halten, die Stelle eines Asstsenprästbenten zu bekleiden. Dies ist jedoch nicht nur unsere Meinung allein, sondern die übereinstimmende Ansicht aller der vielen Juristen, die den gestrigen und heutigen Verhandlungen beigewohnt arnd die zu sprechen wir Gelegenheit hatten.
Wir werden nicht verfehlen, unsere Ansicht in einem der nächsten Blätter auch zu begründen, und die Verhandlungen über die hier vorliegende Anklage weiter verfolgen.
** Die Thonindustrie in Nassau.
Um bei dem Mangel aller speziellen Nachweisungen über die nassauische Industrie, namentlich aber deS Haupttheils derselben, der Bergwerks-Industrie und den damit zusammenhängenden Gewerben, dem öffentlichen Urtheil ba^ nöthige Material zu liefern, wollen wir in getrennten Aufsätzen die einzelnen wichtigsten Zweige derselben in diesen Blättern zur Sprache bringen. Wir glauben dadurch einen nicht unwichtigen Beitrag zur richtigen Beurtheilung unserer materiellen Bedürfnisse, die noch fortwährend von einflußreicher Seite verkannt werden, zu liefern. Den Anfang soll die, hauptsächlich in der Nähe des Rheins, in den Aemtern SeltcrS und Montabauer ausgebildete Thonindustrie, welche unter dem Namen der Kannenbäckerei vorzüglich bekannt ist, machen.
Diese Industrie knüpft sich an das Vorkommen deS sogenannten plastischen Thones, welcher alS das unterste Glied der Braunkohlen- oder Tertiär-Formation deö Westerwalbcs an den Wänden dieser Formation an vielen Punkten ringsum dieses Gebirgöplatean bekannt ist. In den Aemtern Monta-