Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^L 239» Dienstag den N Oktober
1849.
Zweite Ausgabe.
Uebersicht.
Der neue deutsche Reichstag.
Staatshaushalt.
Deutschland. Darmstadt (Freisprechung). — Karlsruhe (Die ge
raubten Staatsgelder). — Freiburg (Die Verurtheiltcu Dort und
Schroot).— Dresden (Vermählung der Prinzessin Elisabeth mit dem
Herzoge von.Genua). — München (Cholera-Untersuchungâkommission).
Berlin (Der Buchdruckerkongreß). — Wien (Ausrüstung zweier Kriegs
schiffe. Die zu den Ungarn übergegangenen kaiserlichen Offiziere. Radetzky.
Die Innsbrucker Zeitung).
Schweiz. Basel (Auslieferung der badischen Geschütze). — Bern
(Luisa Tschech).
Der neue deutsche Reichstag.
XI.
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H o r a t.
•fr Vom nördlichen Taunus, 4. Oktober. Bei unserer ersten Betrachtung über den rubrizirten Gegenstand, welche noch vor dem Zusammentritte der Männer von Gotha erschien, hätten wir nicht gedacht, daß es so vieler Ausläufe bedürfen würde, als wir mit der Zeit inzwischen nehmen mußten, um nur auf das Allernothwenvigstc uns zu beschränken, was hierbei zur Erwägung kommt. Aber keine Erscheinung stehet in der Welt isolirt, und die deutsche Einheit ist von jeher den Einen ein Gegenstand des Aergernisses, den Andern eine Thorheit gewesen, daß man sich nicht wundern darf, wenn die Schwierigkeiten sich häufen und wenn in dem Augenblicke, wo die Lösung näher rückt, um so mehr Steine ihr in den Weg geworfen werden, von der Seite sogar, welche vorzugsweise den Namen deutsch für sich in Anspruch nehmen will.
Wenn es aber unleugbar wahr ist, daß Geschäfte von den Persönlichkeiten abhângen, denen sie zur Behandlung anvertraut werden, so ist eben jetzt die deutsche Frage in eine neue Phase getreten, und hoffentlich in eine förderliche. Zu dem Verwaltungsrathe des Dreikönigsbundes in Berlin ist Herr V. B od e l schw i ngh berufen worden. Diese Ernennung des Königs hat Aufsehen erregt in allen diplomatischen Lagern. Sogar daS Wiener Kabinet ist dadurch vielleicht — zur Besinnung gebracht worden. Wenigstens hat das Wiener Blatt, die „Presse" sofort einen besondern Artikel darüber gegeben, welcher höhere Inspirationen und Intentionen verräth. Die ,,Deutsche Zeitung" bringt auS Berlin gleichzeitig Urtheile über diese Persönlichkeit und ihren muthmaßlichen Einfluß für me baldige Berufung des Reichstages. Unser nassauischer Geschäftsträger zu Berlin hat ebenfalls jetzt dringend den Antrag zur baldigen Berufung gestellt. Daraus ergeben sich uns Veranlassungen genug zu einer Betrachtung über den öffentlichen Charakter des Neuberufenen und seine muthmaß, liche Thätigkeit, als Basis -neuer Hoffnung auf Gedeihen.
Dabei wird uns die ehemalige Stellung des Genannten, als Oberpräsident der Rhcinprovinz zu Koblenz, wo es manche Berührungen mit Nassau gab, einige Erinnerungen als Haupt, punkte liefern.
Der erwähnte Berliner Artikel sagt: „Herr v. Bodel- schw ingh, welcher den Bundesstaat als eine Nothwendigkeit erkannt hat, bietet durch seine unbezweifelte Anhänglichkeit an Preußen und an den König derjenigen Partei eine Bürgschaft, die noch immer befürchtet, es sey bei der Verwirklichung der deutschen Einheit auf eine Vernichtung Preußens abgesehen. So scheint Herr v. B od el sch w in g h, ungeachtet seiner ab, solutistischen Vorgeschichte, der rechte Mann für die Leitung der deutschen Sache. Offen und gerade, wie er ist, würde er diese Stellung wohl nicht angenommen haben, wenn er nicht die Ueberzeugung gewonnen hätte, daß Preußen auf seiner deutschen Politik unerschütterlich beharren werde. — Das Bestreben des Nachfolgers von Herrn von Canitz gehet dahin, den Bundesstaat, sey es auch auf dem langsameren Wege, welchen die Bildung des Zollvereins genommen hat, und im Anfänge ohne die Staaten, welche der von der Nation verlangten Einigung so hartnäckigen Widerstand entgegensetzen, unter allen Umständen aufzurichten. Nach meiner Ueberzeugung wird jedoch der Anfang schon mehr in's Gewicht fallen, als Viele glauben; denn der Reichstag, für dessen möglichst schnelle Einberufung auch Bodelschwingh ist, wird auf die meisten Staaten, deren Regierungen noch widerstreben, von unwiderstehlicher Wirkung seyn."
AuS dem Artikel der „Presse" heben wir Folgendes her, vor. „Die Berufung des ehemaligen Ministers von Bodelschwingh zur Leitung des deutschen VerwaltungsratheS in Berlin hat an der politischen Tagesbörse einiges Aufsehen erregt. Man konnte darin zunächst den Eindruck empfangen, daß dem Dreikönigsbündniß in der That Rückgang in das spe- zifische Preußenthum bevorstehe, weil ein Staatsmann, welchen man seine Antecedentien nach dem neuen nationalen Fortschritte der deutschen Dinge entschieden abgeneigt hält, plötzlich an die Spitze dieser Geschäfte gehoben wird. Die Spekulationen aller großdeutschen und undeutschen Parteigänger auf diese Persön- lichkeit dürften aber leicht in die Irre gehen, wie dies in allen Phasen dieser Frage nun schon so oft der Fall gewesen ist. Man wird sich, glauben wir, endlich entschließen müssen, der Aufrichtigkeit und dem festen Gange des preußischen Staats, Ministeriums in den Angelegenheiten Deutschlands und des Dreikönigsbündnisses aus allen Seiten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen."
Man siehet hieraus, wie stark die neue Persönlichkeit daS Nachdenken reizt. Aber auch sonst sind endlich so gesunde An- sichten über die deutsche Frage in jenem Artikel enthalten, daß wir unS verpflichtet fühlen, Einiges daraus mitzutheilen, in- wiefern wir auch früher entgegengesetzte Urtheile der österreichischen Presse, alö Ausdrücke der dort vorherrschenden Unklarheit, unsern Lesern geben. Man fängt in Wien nachgerade an eipzusehen, daß die Bayrischen Vermittler nur Verwickler find, und daß man besser thue, mit Preußen in unmittelbaren Ver, Handlungen zu beharren. Darf man annehmen, daß daS österreichische Kabinet allmâhlig die im Artikel der „Presse" jetzt