Nassauische
Allgemeine Zeitung.
«M 237. Samstag den 6. Oktober L8LK.
Die Raff. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fL, in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fl. IO kr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit » fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Amtlicher Theil.
Dienstnachrichten.
Nichtamtlicher Theil.
Der Gewerbe-Verein in Nassau.
Deutschland. Wiesbaden (Besuch der in Mainz tagenden Forst- und Landwirthe). — AuS dem Amte Usingen (Die Altlutheraner). — Mainz (Die Cholera, Die Versammlung der Forst- und Landwirthe).
— Homburg v. d. H. (Der König von Preußen). — Heidelberg (Beabsichtigte Befreiung von Gefangenen in Bruchsal). — München (Entdeckte Mordthat). — Wien (Die Uebergabe von Komorn. Das
Gerücht über Görgeh. Erzherzog Ferdinand).
Schweiz. Von der Aar (Die ungarischen Ueberläiifer).
Frankreich. P a r iS (Die Eröffnung der Nationalversammlung. Doppelsinnige Politik Frankreichs).
Italien. Rom (Uebersiedelung des Papstes nach Castel Gandolfo).
Amtlicher Theil.
Der Berggeschworne Vietor zu Marienberg ist zum Verwalter der Bergmeisterei Dillenburg ernannt worden.
Die Kandidaten der Medizin Dr. Fohr von Ransbach und Dr. Widerstein von Dillenburg sind zu Medizinalak- zesststen ersterer zu Ransbach letzterer zu Dillenburg ernannt und der Wohnsitz des Mevizinalakzessisten Dr. Otto von Herborn nach Bicken verlegt worden.
Der Konrektor Stoll zu Wiesbaden ist an das Gymnasium zu Hadamar, der Kollaborator Seyberth zu Weilburg an daS Gelehrtengymnafium zu Wiesbaden und der Kollabo- rator Gallo zu Dillenburg an das Gymnasium zu Weilburg versetzt worden.
Nichtamtlicher Theil.
** Der Gewerbe - Verein in Nassau.
Der Gewerbeverein für Nassau ist durch Abänderung seiner Statuten, welche in diesem Jahre statigefunden hat, in ein nemS Stadium der Thätigkeit getreten. Die vorzüglichsten Modifikationen sind nähere Bestimmungen über die Bildung von Lokal-Vereinen, die Verminderung des jährlichen Beitrags von 3 auf 2 Gulden und die Bestimmung, daß jährlich eine Generalversammlung im Lande d. h. außerhalb Wiesbaden gehalten werden soll. Die Zwecke deS Vereins sind dagegen, wie dieses auch ßanj jn Ordnung war, unverändert geblieben.
Ueber diese Zwecke, welche der Verein verfolgen soll, sind
sich indessen wahrscheinlich noch Wenige klar geworden, und eS dürfte daher wohl für das größere Publikum nicht uninteressant seyn, in eine kleine Erörterung hierüber einzugehen. Wir müssen auch die jetzige Zeit besonders hierzu passens finden, da am 22. d. M. die erste auswärtige General-Versammlung in Diez stattfinden soll und unser Gewerbewesen an einem Wendepunkt steht, dem die Anweisung einer festeren Richtung vor Allem noth thut. Wir wollen hiermit aber nicht den Entscheidungen vorgreifen, die Der Verein in seinem Interesse zu fassen für nöthig finden wird; sondern einfach unsere Meinung in einer Sache abgeben, die wir schon so oft zu vertreten Gelegenheit nahmen und Die die öffentliche Aufmerksamkeit und aktive Würdigung der Staatsverwaltung in einem Höhen: Grabe in Anspruch zu nehmen berechigt ist, als dieses bisher der Fall war. Unsere juristischen StaatSlenker haben noch wenig für das Ge- wcrbewesen übrig gehabt, und da dieses Verhältniß sich noch nicht ändern zu wollen scheint, so muß sich der Gewerbestand auf eigne Füße zu stellen suchen.
Hierzu ist Dem Gewerbe-Verein, wenn er gehörig verstanden und benutzt wird, ein vortreffliches Organ, dessen Fortbildung und Ausdehnung als solchem aller Fleiß und alle Aufmerksamkeit gewidmet werden muß. In ihm liegen, ganz abgesehen von anderen bestimmten Zwecken, als dem der Vereinigung der verschiedenen gewerblichen Faktoren unseres kleinen Staats- lebenS, die reichsten Keime zur Erweckung einer gesunden Anschauung unserer nächsten inneren und weiteren Verhältnisse, auS der sich dann von selbst die Bedürfnisse klar stellen werden, die zur naturgemäßen Entfaltung unserer gewerblichen Kräfte, Befriedigung finden müssen. Suchen wir Die Sache auf die einfachste Weise aufzufassen I —
Es ist allen unseren Gewerbtreibenden bekannt, daß seit Einführung der absoluten Gewerbefreiheit jegliches engere Band unter den Gewerbtreibenden gelöst worden ist. Sowohl die einzelnen Gewerbszweige als auch die Mitglieder eines Zweiges wurden sich fast vollständig entfremdet und Jeder angewiesen, aus eigne Faust sich einen Weg zu bahnen. Eine Jso- lirung ohne Gleichen und eine feindliche Trennung der oft unberufenen Gewerbsgenossen mußte die Folge hiervon seyn, in der der Einzelne weder vermögend war, auf die Gesetzgebung und innere Verwaltung deö Staates in Ansehung deS Gewerbe, wesenS einzuwirken, noch einen Anhaltspunkt zur Vervollkommnung des Gewerbes in technischer Rücksicht oder zur Belebung feiner sozialen Beziehungen zu gewinnen.
Wir sehen deßhalb auch gegenwärtig, nachdem wir die Früchte der Gewerbefreiheit über dreißig Jahre genossen haben, namentlich die kleineren Gewerbe in der heillosesten Verwirrung und eine Rathlosigkeit in Aufsuchung der Mittel, um der täglich mehr einreißenden Zerrüttung zu wehren, die zu den traurigsten Betrachtungen führen könnte.
Zu dem Gewerbeverein haben nur Wenige ein rechtes Herz, da er als eine Anstalt angesehen wird, die bisher nur zum Nutzen für Wiesbaden erhalten wurde — und das Ver- einöwesen überhaupt durch die jüngsten politischen Bewegungen sehr im Kredit gesunken ist.
Und doch ist der Gewerbeverein unseres Dafürhaltens daS einzige Organ aus dem sich die Mittel formen lassen, welche