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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

M 22V. . Montag den 17» September 1849.

Dritte Ausgabe.

Uebersicht.

DieExistenz" als Grundthema der sozialen Frage. Deutschland. Frankfurt (Die Vorschläge des Wiener Kabinets. Kriegsgericht). Rastatt (Urtheilsspruch). Wien (Der Kaiser.

Vermischtes. Steckbrief). Kiel (Material des Christian u. der Gefion).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Großbritannien. London (Die Schicksale der ungarischen Heerführer).

* DieExistenz" als Grundthema der sozialen Frage.

(Schluß.)

; Die innere Krankheit und Erschlaffung der Nation seit Jahrhunderten ist's, die uns arm gemacht hat; die innere Genesung und Erstarkung wird uns auch wieder reich machen. Arme Leute freilich wird's geben, so lange die Welt steht; Pauperismus und Proletariat, so Gott will, nicht immer.

Es gibt aber neben den Verkommenen auch noch andere Leute, durch welche die Existenzfrage zu einer fieberhaften Angstfrage, und die Verarmung zu einem Gespenst geworden ist: das sind dieAusgestoßenen." Diese Proletarier erzieht der Staat oft genug sich selber, sofern ihm noch mehr oder weniger vom alten Polizeistaate einwohnt. Ein begabter junger Mann, der etwas, Rechtes gelernt, der Selbstbewußtseyn hat, betritt die Laufbahn des Staatsdienstes, er hat Individua­lität, schroffe Individualität. Die paßt nicht in die Akten­stube. Man macht ihm, was er vielleicht für sein bestes Theil hält, seinen selbstständigen Sinn zum Verbrechen. Man ent­fernt ihn es wäre wohl ein Leichtes gewesen, seiner Schroff­heit eine Weile nachzusehen, bis er das rechte Maaß gefunden hätte: man bedenkt nicht, wie viel schlimmer eS sey, einen rachedurstigen Proletarier in die Welt zu senden, als einen trotzköpfigen Akzessisten am Schreibtische sitzen zu haben. So werden namentlich Hunderte von literarischen Proletariern auf Staatskosten erzogen, weil man die Individualitäten nicht respektiren zu dürfen.'glaubt.

Nachgehenvs finden sich diese AuSgestoßenen in der Schweiz, in Paris oder in Amerika zwsammew Dort lassen sie den Groll über die Gesellschaft; welche sie ausgestoßen, durch Ge­meinsamkeit groß werden. Sie befördern in doppeltem Sinne die Maffenverarmung, sie machen uns ärMr, als die wirk­lichen Bettler; denn sie helfen uns moralisch arm machen. Vielleicht kehrt der einzelne Ausgestoßene nicht wieder zurück in's Vaterland, aber sicher schicken sie ihre Gedanken heim. Da haben ganze Schaaren von Handwerkern sich selbst ruinirt, sie fingen unklug an, aber die unklugen Gewerbverfassungen begünstigten auch ihre Thorheit. Nun, da die Leute Lumpen geworden sind, zürnen sie nicht sich selber, auch nicht der unprak­tischen Organisation des GewerbwcsenS: sie zürnen denen, welchen gut geht, weil sie die Ahnung haben, daß doch nur die Hälfte der Schuld auf sie selbst zurückfällt.

Der Gegensatz zu all dieser Rathlosigeit in Betreff der Existenz, zu diesem Groll über den verlorenen Lebensberuf, bildet der alte Bürgersinn und Bürgerstolz, wo Jeder wußte, was er zu thun hatte, dafür aber auch sich wohl fühlte und des Glaubens lebte, daß gut für ihn gesorgt sey. Der Bürger­stolz ist sehr selten geworden: Wir finden ihn noch in ganz kleinen Staaten, wie z. B. in unserenfreien Städten", wo man in der That eine Ehre darein setzt, daß der Bürger sich wohl fühlen und seiner Existenz sich freuen könne. Deutsch­land müßte sich hier seinen Vortheil abmerken,, es müßte in diesem Sinne den Umstand benützen, daß es aus vielen kleineren Staaten zusammengesetzt ist. Es müßte verfahren im Geiste jener perikleischen Politik, welche die soziale Bewegung dadurch beschwört, daß sie dem einzelnen Bürger sein Behagen sichert. Dies ist die eigentliche Mission der kleinen Staaten, und die großen Reiche werden ihnen den Rang nicht ablausen können in dem schönen Beruf.

Die kleinmüthige Besorgniß für die Existenz bedroht unser Familienleben. Sie verführt den Einen, sich aus Verzweif­lung leichtsinnig zu verheirathen, während sie den Andern ab­hält, eine Familie zu gründen, obgleich er es gerade könnte und sollte. Früher sind die Proletarier ledig geblieben und die Besitzenden haben sich verheirathet; jetzt droht es mehr und mehr umgekehrt zu gehen. Die leichtsinnige Ehe aber ist in eben dem Grade eine Schule für soziale Verirrungen, wie ein wohlbegründetes Familienleben vor denselben llewahrt. Wenig­stens ist es undenkbar, wie z. B. Jemand, der die Schönheit und Heiligkeit des wahren Familienlebens kennt, etwa noch Sozialist seyn könnte. Die Ehe wirkt wie der Grundbesitz, sie bindet an Ort und Stelle, an einen dauernden Beruf, und die fessellose Existenz ist es ja überhaupt, was die Unsicherheit der Existenz hervorgerufen hat: sie ist ebenso gut eine Ursache wie eine Folge deS Proletariats. Allein daS selbstsüchtige Be­hagen, welches uns feige werden läßt und ohne Selbstver­trauen, verdirbt Vielen den Geschmack an dem unbequemen Familienleben, wo daS kleine Ich nicht selten entsagen und entbehren soll.

Deutschland.

Frankfurt, 14. Sept. (K. Z.) Die Vorschläge des Wiener "Kadtnets sind bereits nach Berlin gelangt. Oesterreich und Preußen sollen jedes zwei Mitglieder abordnen und Oesterreich soll den Vorsitz führen. Im Falle einer Meinungs­verschiedenheit im Schooße dieser Kommission würden die be­treffenden beiden Kabinete, und falls auch diese sich nicht einigen könnten, die Regierungen der übrigen deutschen König­reiche (außer Preußen) nach einem bestimmten Turnus schieds­richterlich zu entscheiden. Diese provisorische Zentralgcwalt würde im Einverständnisse mit dem ReichSverweser und den deutschen Regierungen (von welchen Bayern und Hannover bereits mit dem Vorschläge einverstanden seyn sollen) vorläufig bis zum 1. Mai 1850 inS Leben treten, falls bis dahin die definitive Verfassung für Deutschland deren Vereinbarung vor wie nach den Regierungen überlassen bleibe nicht zu