Einzelbild herunterladen
 

Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^ 22«

Sonntag den 16» September

1849.

Zweite Ausgabe.

Uebersicht.

DieExistenz" als Grundthema der sozialen Frage. Deutschland. Frankfurt (Neue Schandthat). Altona (Neber- griffe der Dänen). Prag (Empfang des Kaisers).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Italien. Venedig (Proklamation Radetzky'S). Neapel (Der Papst in Portici). Turin (Garibaldi).

* DieExistenz" als Grundthema der sozialen Frage.

Die Frage derEristenz" ist die Urfrage des sozialen Lebens der Gegenwart. Sie hat sich mit einer Macht in den Vordergrund gedrängt, wie noch nie und den zahllosen sozia­len Problemen, die in ihrem Gefolge sind, eine unnatürlich gesteigerte Bedeutung verschafft. Es gibt kaum einen Begriff, der in gleichem Maße die Gemüther beunruhigte und die Sinne verwirrte, als den der Eristenz. Das ist das moderne Seiten­stück zu der Herzensangst, mit welcher sich unsere frommen Vorväter abquälten über ihrer Seelen Seligkeit. Die zärt­liche Besorgniß, ob man ja auch die rechte Existenz, ob man seinenBeruf" gefunden habe, und die peinliche Frage, ob die gefundene Eristenz auch Bestand haben, oder ob man überhaupt einmal eine Eristenz finden werde, macht uns krank, sie ge, winnt den sozialistischen und kommunistischen Theorieen mehr Jünger, als alle Propaganda, die man in Paris oder der Schweiz oder sonstwo macht.

Im Grunde glaubt Jeder, er habe seinen Beruf verfehlt, sobald ihn die Widerwärtigkeiten desselben unsanft berühren. Wer aber eine recht weich gebackene Seele ist, der läßt diese augenblickliche böse Laune zur stehenden Stimmung werden. Ein Mann weiß auch im verfehlten Beruf den rechten zu fin­den. Das ist der Unterschied zwischen sonst und jetzt. Seit die Welt steht, haben mehr Leute den rechten Beruf verfehlt als gefunden: sie waren nur nicht so zärtlich gegen sich selbst, wie wir; sie haben aus der Noth eine Tugend gemacht.

Die Alten nannten das Leben eine Schule, die Jungen aber meinen, eS müsse eine Schule, wie weiland die des Herrn Basedow seyn, der den Kindern die Buchstaben behufs der Erlernung in Butterteig backen und zum Frühstück geben ließ. ES ist spaßhaft, wenn man Leute, die gar noch nicht einmal ordentlich versucht haben, zu eristiren, bereits über ein Dutzend verfehlte Eristenzen" klagen hört. Nachgehends ziehen sie auS, um die Gesellschaft zu reformiren. Ich meine, tn den Tagen unserer Väter, wo Krieg und schlechte Zeiten an der Ordnung waren, sey doch die Eristenz etwas schwieriger und gewagter gewesen, als feilte. Allein diese Männer waren nicht so ge, scheit als wir und hatten mehr Selbstvertrauen. Die Ein­nahme war vielleicht gering, die Familie desto größer, und die Kinder wurden dessenungeachtet in Ehren groß gebracht und erhielten vielleicht ein größeres Erbe, als die unsrigen erhalten werden: man plagte sich und hatte Selbstvertrauen; dies ist das ganze Geheimniß. Unsre Großväter trugen einen Zopf, ge­

x

kräuseltes Haar, das Kinn glatt, und sind doch in dengroßen sozialen Fragen" männlicher bestanden als wir, die wir'mäch­tige Bärte tragen. Sie machten sich nicht viel Kopfbrechens über die Eristenz, sondern eristirten nur einstweilen frischweg unter Gottes Hülfe.

Unheimliche Dinge stellt unsre Publizistik unter das Kapi­tel von der Eristenz: Proletariat, Pauperismus.

Mit jeder neuen Zeit wird eine Reihe neuerFragen" geboren, an deren Lösung die Gescheitesten vergeblich die Köpfe zerbrechen. Ist dann eine Weile herumgegangen; so finden sich diese Fragen von selber gelöst oder wenigstens in neue ver­wandelt. Worauf die Zeitschriststeller keine Antwort wissen, darauf weiß die Geschichte zuletzt das rechte Wort zu sagen. "Zu solchen Fragen gehören die über Massenverarmung, Ueber- völkerung, über daS Gespenst eines Krieges der Armen gegen die Besitzenden.

Wäre der Pauperismus blos ein Erzeugniß der mangeln­den Arbeit, der allzugeringen Löhne, der Uebervölkerung, und der den Mittelstand aussaugenden Kapitalienanhäufungen, dann würde die Hülfe nicht schwer zu finden seyn. Allein das eigentlich Unheimliche, Gespenstige des modernen Pauperismus besteht darin, daß sich mit der Verarmung eine gänzliche Ab­spannung der sittlichen Thatkraft, die Epidemie der inneren Zerfallenheit verknüpft hat.

Vor Alters hat es vielleicht mehr arme Leute gegeben, als jetzt, und im Mittelalter sind gewiß in Deutschland in einem Jahre so viele Hungers gestorben, als jetzt in einem Jahrzehnb. Allein eS ist ein großer Unterschied zwischen armen und verkommenen Leuten, zwischen Menschen, die aus Noth und die Halbwegs aus Stolz hungern. Die Volkssprache bezeichnet einen solchen verkommenen Mann am besten, indem sie sagt: er istverdorben" und diesen materiellen und mora­lischen Tod gerne rcm physischener ist gestorben oder ver­dorben" zur Seite stellt. DieVerdorbenen" undVer­kommenen" geben dem modernen Pauperismus seine eigen­thümliche düstere Färbung. Ein Verkommener geht nach Amerika, er wird dort tüchtig herumgeworfen in allen Lebens­lagen, er lernt überall zugreifen, wo es nur eine Arbeit gibt, und wenn er aus dieser Zucht deS praktischen Lebens wieder heimkehrt, dann wird er vielleicht so arm wie vorher, und doch kein Proletarier mehr seyn.

Wir sind zu weichlich geworben, darum helfen wir alle sammt dem PauperiSmuS, dem Proletariat, den sozialen Ver­irrungen auf die Beine, .und gerade die Reicheren befördern in diesem Sinne recht eifrig, waS sie zu bekämpfen am meisten Ursache Hättzn. (Schluß folgt.)

Deutschland.

Frankfurt, 14. Septbr. Von den am letzten Sonntag Abend auf der Bornheimer Heide meuchlerisch überfallenen und mit ihren eigenen Waffen übel zugerichteten beiden preußischen Soldaten ist heute einer verschieden. Von den Thälern sollen bereits mehrere zur Haft gebracht seyn. Gestern wurde aber­mals auf der Bornheimer Heide ein schändliches Verbrechen