Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 209.
Dienstag den 4. September
18L».
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränume- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, .des GroßherzogthumS und KurfürstenthumS Hessen, der Landgrafschaft Heyen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 3 fl. IO fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeilc oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellender g'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Dentschland's Dualismus.
Deutschland. Wiesbaden (Die Geschwornen. Die Biebricher Zweigbahn). — Weilburg (Die Verluste der Stadt). — Fr ankfurt (Die Hinrichtungen in Baden). — Mannheim (Die Cholera). — Berlin (Großfürst Michael). — Wien (Koffuth, Bem und Dembinsky).
Ungarn. Preßburg (Gefangene. Die Waffenruhe vor Komorn. Die Banknotenfrage. Die versprengten Honveds). — Arad (Görgey).
Italien. Venedig (Kollekte für die Flüchtigen. — Monza (Die eiserne Krone).
Türkei. Konstantinopel (Kroatische Blutrache).
Deutschland s Dualismus
I.
8i nos pro nobis, quis contra nos?
f Som nördlichen Tannus, 28. August. Mit den Wo» ten Göthes („das Alte fest und lcbenvoll das Neue") schlossen wir in diesen Blättern kürzlich „einige Artikel über Oesterreich und Ungarn", um damit den Standpunkt anzudeuten, welchen Ungarn, besiegt oder siegend, zu seinem Heile einzunehmen haben würde. Da man aber eben von Ungarn nicht sprechen kann, ohne Oesterreichs zu gedenken, und von Oesterreich nicht, ohne ganz Deutschland vor Augen zu haben, so mußten wir am Schluffe auf den neuen deutschen Bundesstaat und sogar überhaupt auf die kultur-politische Mittel-Stellung aller Ger- manen zwischen den Slawen und den Romanen für die Gegenwart und die Zukunft geführt werden. — Inzwischen
Ungarn weder gesiegt, noch ist eS besiegt worden, son- dern cS hat sich freiwillig ergeben, und zwar zunächst an die Rügen, um, wie es scheint, dieser Ergebung eine fremdartige Beimischung zu benehmen, wenn die Waffen vor Oesterreichern gestreckt würden, den gefürchteten StandrcchtsvoÜstrcckern, namentlich vor F.-M. Haynau, und weil eS vielleicht ein vermittelndes Fürwort deS Czaren für sich hoffte oder gar bedin, gungswcise^schon zugesichert erhielt. Görgey stellt sich selbst als Opfer für sein Vaterland, nachdem er die nach allen Seiten ym hervorlretenbe Zwecklosigkeit eines längeren Kampfes ein« die alte, festverbriefte Stellung Ungarn's, „-^^'""âreich , in der früheren engen Verbindung mit Oester- h»^4 gegen die bedrohliche oktroyirte neue Universalzentrali-
' zu ""eil, nicht ohne zugleich neue, zweckmäßige Re-
M egenwart und Zukunft zu begehren. Denn an obno hängen alle Nationalitäten Ungarn'S bisberia-n^ schled mit gleicher Liebe, und vergessen darüber den the’X^ Sv erfüllt sich Gö-
mV»?. * Karlsbad vor 40 Jahren öffentlich gesprochen auck nn^n ^ feigen österreichischen Kaisers; so wird licheS Verl^i^is"^" sur Ungarn's und Oesterreich'S unauflöS- $ ?ln entsprechender AuSgang bereitet werden. vel-Kri-p-^/^ wohl sagen, unerwartet zeitige Dop- p F de Oesterreichs mit Ungarn und Italien zeigt unS
wieder die felix Austria, das alte Oesterreich, „an Siegen und an Ehren reich," obwohl die Lorbeeren in Ungarn mit dem herbeigerufenen Helfer nur allzureichlich werden getheilt werden müssen, und Siege gegen eigene sogenannte Untertha, nen unter allen Umständen eben nicht zum rechten Glanze ge, hören. Zu gleicher Zeit gibt uns Preußen auf dem neu berufenen Landtage in Berlin eine ausführliche Denkschrift über seinen offenen, unumwundenen, geradeausgehenden, Willen, den beabsichtigten neuen Reichstag zur Vereinbarung deS allersehnten Bundesstaates mit Volksvertretung baldigst zu berufen,. für die österreichische Monarchie aber, welche nicht näher eintreten will und kann, eine feste und unauflösliche Union mit Deutschland zu errichten. Selbst Hr. v. Rado, Witz hat als Kommissär in der deutschen Sache gesprochen, nach Form und Inhalt befriedigend, klar und bestimmt, wie wir an ihm auch schon gewohnt sind, ächt deutsch, selbst dem allen Bundestage gegenüber.
Wenn nun diese Doppelgestaltung , dncn „nähere Bedin, gungen zugleich veröffentlicht uns vorliegen, in den Grund, Unten zu einer deutschen Unionsakte," zu Stande kommen sollte, woran kaum zu zweifeln ist, obschon Oesterreich daS Anerbieten Preußens dafür früher ablehnte, da doch Alles dahin drängt, was Natur und Politik, Vergangenheit und Zukunft, nur immer von Nothwendigkeiten und Ersprießlichkeiten dar, bietet; so zeigt sich, daß „Oesterreich für immer deutsch bleibt," wie wir in einem vorjährigen Artikel unter dieser Ueberschrift darzuthun versuchten, und deutsch bleiben muß, wenn eS nicht dem SlaviSmus oder dem MagyariSmuS widernatürlich verfallen will; aber wir müssen auch zugleich bekennen, obwohl mit Widerstreben und Bedauern, daß dann „Deutschland'- Dualismus" unvermeidlich wird. Treffen wir hier auf die alte Wunde, woraus unser Vaterland lange genug geblutet hat, und finden wir sie unheilbar, sey eS vorübergehend und für jetzt nur, oder für immer; so wird eS nur einigen Trost gewähren, wenn wir sie näher untersuchen.
Den „Einheitsstaat" wollte Niemand für Deutschland, sondern nur den „Bundesstaat mit einheitlicher Exekutivgewalt," um die Mannichfaltigkeit bewahren zu können, welche bisher für alle Entwickelungen so wohlthätig sich bewies. Preußen fordert ein entschiedenes „Entweder — Oder" für den Anschluß an feinen Reichstag, und so werden wir sehen, ob Baiern und Würtemberg auf der südlichen Seite beharrt und die dualistische Tendenz verstärkt. In der Natur erscheint allerdings daS Allgemeine nicht rein, sondern immer nur an und für sich in der Besonderheit, und so wird auch „der Deut« sche" diesen Unterschied mehr oder minder an sich tragen, oft selbst in literarischen Produkten, wie in anderen Ländern ähnliche Erscheinungen sich darbieten.
Daß ein und dasselbe Land, trotz der innigsten Einheit der Sprache und der Stammesabkunft seiner Bewohner, schon durch klimatische Verhältnisse, GebirgSzüge und Flußgebiete mit ihren Produkten und Handelswegen in verschiedenen Inte, reffen verwickelt und sogar durch besonderen Charakter geschieden werden kann, ist eine Wahrheit, welche die alte und die neue Geschichte bis auf den heutigen Tag deutlich und oft genug gezeigt hat.