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Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^L 208. Montag den 3. September 1848
Dritte Ausgabe.
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Uebersicht.
Ein Brief Hecker's.
Deutschland. Ems (Lkdru-Rollin). — Mainz (Die Cholera). — Frankfurt (Die Cholera. Der Prinz von Preußen. Der Reichsverweser. Die Herzogin von Orleans). — Mannheim (Standrechts- urtheile). — Düsseldorf (Gewerbthätigkeit).— Dresden (Münz- verbot. Nächtlicher Transport). — Bremen (Beitritt zum Dreikönigs- bündniß). — Flensburg (Tumult). — Wien (Komorn).
Schweiz. Bern (Fremde Gäste).
Sprechsaal für Stadt und Land.
, Ein Brief Heckers,
den er vor seiner Einschiffung in Havre,an einen seiner Freunde ' „ ür Baselland schrieb, enthält^folgcnde Stelle: „Mit wahrer t Sehnsucht schaue ich hinüber nach dem fernen Westen und meiner Waldeinsamkeit; ekelerfüllt und bitter enttäuscht, seit 1 ich die Erde des altersschwach gewordenen Europa unter mei- neu Füßen fühle. Im Eilfluge legte ich die 6000 englische 5 Meilen zurück, um eine Revolution, der so gewaltige Mittel zu Gebote standen, niederwerfen zu sehen. Aber gerade daß Baden trotz diesem, von allen andern Stämmen im Stiche gelassen, einsam verblutete, gerade der Umstand-, daß alle Häupter der republikanischen Partei zur Verfügung standen, und doch in vier Wochen Alles zu Ende ging, gerade dieses Alles zeigt, daß es der Masse des Volkes an wahrem revolutionärem En- : thusiaSmus und wild-energischer nothwendiger Kraft, den Füh-
, rern an Genialität und jenem eisernen Willen fehlt, mit wel-
, chem man die Begeisterung und Anstrengung zur That hervorruft. Mit bitterem Gefühle nehme ich den umgekehrten Griffel und wische 12 Jahre des redlichen, rastlosen Wirkens und Kämpfens auS den Tafeln meines Lebens, um mit 38 Jahren von Vornen zu beginnen, und in dem kleinen Kreise eines westlichen Bauern zu wirken und zu schaffen. Das Scheiden wird mir aber leichter, wenn ich daS, was ich seit meiner Ankunft auf dem Kontinent erfahren habe, zusammen nehme. Ich selbst, von der Polizei als ein Vagabund behandelt und fortgejagt, und so lange ich geduldet wurde, Nichts hörend als lediglich Anklagen deS Einen gegen den Andern, Jeder den Andern aller Insa- mie, deS VerrathS, der Feigheit, der Schurkerei beschuldigend, bin ich dieses widrig-wüsten Treibens, dieser verkommenen Polizeistaaten so entsetzlich müde, daß ich den Tag glücklich preise, an welchem ich wieder meine Art nehmen und Waldland klären kann. Meine Rechnung mit der alten Welt ist abgeschlossen. , , "'Hi dieses Geschlecht vergangen ist, wird ein vernünftiger yaltbarer Staat nicht erstehen, und kein genialer, kräftiger, ttdllcher Mann das Steuerruder führen, weil, sobald ein solcher austaucht, gleich eine ganze Meute jede seiner Thaten wie seinen redlichen Willen verdächtigt, und so Mißtrauen säet, wo Vertrauen der Energie die Dauer und die Stärkung verleihen soll.- DaS Geschick hat eS wohlwollend mit mir gemeint. Wäre ich in dieser abermals verunglückten Bewegung einer der Leiter gewesen, mein guter Name wäre jetzt eben so tief in den Pfuhl
getreten: denn keine Epoche der Weltgeschichte weist in einer so gewaltig bewegten Zeit einen so offenbaren Bankerott an Genies oder großen Charakteren auf, als die jetzige. Mittelmäßigkeit, Großrednerei, Schwätzerei und Maulhelbenthum aller Ecken, links wie rechts; nur wie eine Oase leuchtet unS Ungarn und Koffuth aus dieser schlammigen Wüste, und der Schlüssel dieser einzigen Größe ist der: Koffuth leitet ein durch Ueberzivilisation und Afterweisheit nicht entnervtes, halbwildes Volk, gewohnt von Jugend auf wilde Rosse zu bändigen und daS krumme Schwert zu tragen und arm und bedürfnißloS, ein Fremdling in der Genußsucht und sinnlicher Verweichlichung, zu jagen über die weiten Steppen der Heimath. Wäre Koffuth in Deutschland aufgetreten, er wäre längst niederge- worfen und niedergenagt."
Deutschland.
Hr. Ledru-Rollin ist am 20. Aug. durch EmS gereist, um sich nach Genf zu begeben, wo ein allgemeiner Kongreß der Revolutionairs aller Länder stattfinden soll.
Mainz, 31. August. (D. Z.) Es sind bis heute keine neuen Cholerafälle vorgekommen; überhaupt glaubt man, daß es,nicht die Cholera, sondern nur die Brechruhr war, die einige Tage hier herrschte. Für etwaige Erkrankungen unter den österreichischen Truppen hat die Lazarethverwaltung dahier bereits eine besondere Kaserne zum Spital umwandeln lassen.
Frankfurt, 31, August. (D. Z.) Es freut uns, ein, wie es scheint, in boshafter Absicht geflissentlich verbreitetes Gerücht vom Ausbruche der Cholera in der Stadt auf das Bestimmteste widerlegen zu können. Von Seite der Behörden ist auf dieses Gerücht hin der Physikus Primarius in daS Hotel gesandt, in welchem zwei Cholerafälle sich angeblich gezeigt haben sollten, und eö hat sich ergeben, daß nicht nur kein Cholerakranker, sondern überhaupt kein einziger Kranker dort gewohnt.
Frankfurt, 1. September. (D. Z.) Heute Vormittag um 9 Uhr begab sich der Prinz von Preußen auf der Eisenbahn nach Mainz, um die dortige preußische Besatzung zu inspiziren. Mittags wird derselbe einer Einladung zur Tafel bei dem Herzoge von Nassau folgen und Abends hierher zurückkehren. Der Prinz gedenkt morgen in der Frühe noch einmal nach Karlsruhe zu gehen, bevor wir ihn während deS WinterS hier sein Hauptquartier werden nehmen sehen.
Zum militärischen Empfang deS Erzherzog ReichSverwe- sers sind von dem Stadtkommandanten, Major Deez, bereits die nöthigen Anordnungen getroffen worden.
Frankfurt, 1. Sept. (O.-P.-A.-Z.) Ihre k. Hoheit die Frau Herzogin von Orleans ist, von ihrem Besuche bei der Familie Könih Ludwig Philipps in England zurückkehrend, nebst ihren beiden Söhnen, dem Grafen von Paris und dem Herzog von Chartres, gestern hier eingetroffen, und wird sich heute nach Eisenach begeben.