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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

M 208» Sonntag den 2. September 18419.

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme deâ Sonntags. Der vierteljährige Prânume- rationSpreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des Herzogthums Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. Kl fr. Inserate werden die dreisvaltige Petitzeile oder Leren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen­der g'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.',

Rede des Herrn von Radowitz in der deutschen Nerfassungs- Angelegenheit.

Deutschland. Wiesbaden (Kamnierbeschlüsse). Darmstadt (Die Cholera). Brandenburg (Gerichtsverhandlung). Schles­wig-Holstein (Die Vertagung der Landesversammlung). Wien (Schreckschüsse. Amnestie. Haynan's Bületin als Antwort auf das- letin Paskewitsch'S. Interessanter RechtSfall. Fürst Paskewitsch).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Polen. Warschau (Großfürst Michael t).

Rede des Herrn von Radowitz in der dent- schen Verfassungs - Angelegenheit.

^ General v. Radowitz hat in der zweiten Berliner Kammer eine Rede gehalten, die wir vollständig miltheilen müssen, weil wir nicht wüßten, welche Stelle, ja! welches Wort wegbleiben könnte, ohne daß die Rede selbst und unsere Leser darunter leiden würden:

Meine Herren! die königl. Regierung hat mich beauftragt, Ihnen Rechenschaft abzulegen über ihre Schritte in der deut­schen Angelegenheit. ES soll dies offen und umwunden ge­schehen. Denn Preußen hat nirgends das Tageslicht zu scheuen. Die Aktenstücke sind in Ihren Händen. Erlauben Sie mir, als Erläuterung, die Gesichtspunkte Ihnen anzuge­ben, von denen die Regierung ausgegangen ist.

Wer der großen politischen Bewegung des vorigen Jahres in allen Phasen aufmerksam gefolgt ist, der wird zur Erkennt­niß gelangt seyn, daß eine Haupttriebfeder ein Element gewe, sen ist, das nationale Element, welches sich am mächtigsten ge­zeigt hat. Ich enthalte mich eines weiteren Eingehens; nur Das tritt klar hervor, daß diese Erscheinung in den meisten europäischen Ländern hervorgetreten. Da, wo ein politischer Körper mehrere Nationalitäten in sich faßte, wurde er gesprengt nach seinen nationalen Bestandtheilen. Die Kämpfe zwischen Dänen und Deutschen rühren daher, ja selbst der Fortbestand der großen österreichischen Monarchie ist durch diese nationale Bewegung in Frage gestellt worden. Wir dürfen von Oester­reich erwarten, in unserm wahren Interesse erwarten, daß es siegreich und glänzend aus diesen Kämpfen hervorgehen werde. Die entgegengesetzte Erscheinung trat hervor, wo ein Volk un­ter mehreren Staaten sich befand. Hier nahm die nationale Kraft eine entgegengesetzte Richtung an. So geschah es in Deutschland, unserm gemeinsamen Vaterlands, wo der Ruf nach nationaler Einigung nach langem Verstummen am lautesten erscholl. Allerdings hatten nicht alle Stimmen gleiche Berechtigung dazu. Wie viel bewußter Irrthum, wie viel un­mögliches Verlangen ging mit den berechtigten Forderungen Hand in Hand! Was zumal die demokratische Partei unter der Einigung Deutschlands verstand, liegt jetzt klar am Tage.

Auch die Forderung der gemeinsamen Sprachabstammung war ein gefährlicher Irrthum , und die Ausscheidung fremder Nationalitäten ist weder möglich noch gerechtfertigt. Aber auch die Männer, welche die Einheit Deutschlands in dessen wirkli­chen Gränzen halten wollten, hielten sich nicht von Unmöglich­keiten fern. Ich darf wohl behaupten, eS hat sich herausge­stellt: Der Einheitsstaat ist in Deutschland nicht zu erreichen. Er ist nicht zu erreichen als einheitliche Monarchie; er wäre auch nicht erreicht worden, wenn die Partei des Umsturzes ge­siegt hätte. Würbe die einheitliche Republik durch eine Schreckensherrschaft zu Stande kommen, sie zerfiele in kurzer Frist.

Wenn nun aber aus all' diesen trüben Bestandtheilen das Unwahre, Verkehrte, Unmögliche abgezogen wird, dann bleibt das Wahre, Berechtigte, Mögliche: Das Verlangen nach na­tionalem Wiedergebornen, der gewaltigste Hebel zur Erhebung des Vaterlandes. Man muß gestehen, Viel, ja fast Alles ist auf diesem Gebiete verabsäumt worden. Erlassen sie mir das Schmerzliche eines geschichtlichen Rückblicks. Die Geschichte von dreiundoreißig Jahren liegt vor uns. Es ist zn bekannt, wie die Nation nach der Abschüttlung der schmählichsten Fremd­herrschaft endlich ihre Verfassung "erhielt; es ist zu bekannt, wie die besten Keime, die in der Bundesverfassung lagen, er­stickt wurden. Die deutsche Bundesversammlung hat hinläng­lich in Luxemburg gezeigt, daß sic nicht nach Außen, in Braun­schweig, daß sie nicht nach Innen hin das Recht zu wahren wußte, und in Schleswig, daß sie vor der nahenden Gefahr die Augen schloß. Die unseligen Kompetenzstreitigkeiten haben dem Schaden noch den Spott hinzugefügt.

Zeigte sich so die Bundesversammlung ihrer nächsten Auf­gabe nicht gewachsen, so erschien sie gänzlich unfähig, wo es galt, positive Schöpfungen ins Leben zu rufen und gemein­nützige Institutionen einzuführen, die in der BundeSakte vor­behalten waren. Meine Herren, es war ein trauriges Schau­spiel. Niemand, der mit der nutz- und würdelosen Thätigkeit der Bundesversammlung, zumal in den letzten Jahren vertraut war, kann sich verhehlen, daß daraus zuletzt Verachtung gegen den Bund überhaupt erwuchs.

Ich wünsche hierbei nach keiner Seite hin Anklagen zu richten; aber nicht blos bei der revolutionären Partei, auch bei den Bestgesinntcn hatte dies Gefühl tiefe Wurzel geschlagen und ist ohne Zweifel eine der größten Ursachen der vorjährigen Erschütterungen. Allerdings war dies in den neuen, kleinen Staaten mehr der Fall, alö in den ältern, größern. Soll und muß daher die Revolution beendet werden, nicht durch die Gegenrevolution, nicht dadurch, daß man die Widerstre­benden niederhält, sondern durch die Befestigung des Rechts­zustandes in Deutschland, durch den Abschluß der Verfassung, so^ ist die Einheit der Nation Die erste oberste Bedingung

Die königl. Regierung hat sich daher diesen Forderungen nicht entziehen können. ES lagen aber hierzu mehrere Wege öor. Der eine bestand in der Umwandlung des Bundestages in einen Bundesstaat durch diktatorische Vorschriften. Dies war der Weg, den die deutsche Nationalversammlung einschlug. Meine Herren! Eine spätere Zeit wird unpartheiischer über