Nassauische
Allgemeine Zeitung.
â 207 Samstag den L. September L8LV.
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränume- rationspreis ist in WieSbaveu, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kursürstenthunis Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. IO fr. • — Inseratc werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schelleu- berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Wie der evangelische Pfarrer und Abgeordnete Snell aus Langenbach die Nassauischen Gerichtshöfe beurtheilt. Deutschland. Weilburg (Der Religionsunterricht in den Gelehrten- Schulen). — Frankfurt (Der Prinz von Preußen). — Dresden (Die Aufhebung der Vaterlandsvereine und ihre Folgen). — Berlin (Verlustliste der Operationsarmee am Rhein. Der Reichstag). — Hannover (Konservatives Wahlergebniß). — Hambürg (Beitritt zum DreikönigSbündniß). — Wien (Uebergabe von Komorn).
Ungarn. Arad (Vom Kriegsschauplätze).— Pesth (Die Kapitulation). Großbritannien. London (Die Warschauer Verabredungen).
Nachschrift.
%* Wie der evangelische Pfarrer und Abg. Snell von Langenbach die Nassauischen Gerichtshöfe beurtheilt.
Und was deines Amts nicht ist, da laß deinen
Vorwitz. Jesus Sirach III., 24.
Wiesbaden, 29. Aug. In Nro. 199 dieser Blätter hatten wir versprochen, die Rede des Abg. Snell, soweit sie dessen Ausspruch über die nassauischen Gerichtshöfe betreffe, als eine in der parlamentarischen Geschichte bis jetzt unerhörtes Norkommniß unverkürzt mitzutheilen. Sie lautet wörtlich:
„Ich muß zuerst der Regierung einen Dank abstatten, „daß sie die vorhin verlesenen Gutachten unserer Gerichts- „Höfe eingeholt hat. Ueber den Werth oder Unwerth dieser „Gesetzgebung ist von dem Hrn. Abg. Braun vorhin auf „das schlagendste nachgewiesen worden, daß eS reiner „Unwerth ist. Ich kann diese Gutachten nicht anders „ansehen, als daß die Gerichtshöfe sich damit ein wahres „ArmuthSzeugniß ausgestellt haben. Es zeigt sich darin „eine Befangenheit in den alten Vorurtheilen, welche wie- „der auf das schlagendste bewiesen hat, wie nothwendig die „Schwurgerichte sind, und weil die Regierung zu dieser wie« „derholtcn Nachweise Gelegenheit gegeben hat, deßhalb meinen „Dank."
Wir müssen offen bekennen, daß diese Rede deS Herrn Snell auf unsern Geist einen Eindruck gemacht hat, der dem körperlichen Gefühle gleichkommt, welches Jemand empfindet, wenn ihm eiskaltes Wasser über den Rücken gegossen wird. Wir haben uns in tiefster Seele geschämt, daß solche Dinge m unserer Abgeordneten-Versammlung und noch obendrein von einem s. g. studirten Manne gesprochen worden sind. Selbst, wenn man annehmen wollte, Herr Snell habe ertemporisirt; so durfte man von einem Prediger ein besseres Stückchen Arbeit verlangen.
Die Armuth dieser Rede in grammatischer, rhetorischer und logischer Beziehung nachzuweisen, liegt nicht in dem Zwecke dieser Zeilen; wir können sie getrost der eigenen Beurtheilung der Leser überlassen. Sie sollen nur dem gesunden Sinne des Volkes darthun, wie die geistige Armuth und die Anmaßlich,
seit einzelner Mitglieder unserer Abgeordnetenkammer dieselbe trotz ihrer guten Bestandtheile, die sie auf beiden Seiten hat, in der Achtung deS urtheilsfähigen Publikums herabsetzt, und die Verdienste schmälert, die sie offenbar hat und ihr nicht abgesprochen werden können, wenn man die Zeitverhältnisse, unter welchen sie tagte, nicht gänzlich verkennen will. Die Deutsche Zeitung hat vor ein paar Tagen gesagt: „Die nass. Kammer sey besser, als ihr Ruf." Wir stimmen damit nicht nur voll, kommen überein, sondern behaupten, und sind bereit, es gegen Jeder männiglich zu vertheidigen, daß noch keine nass. Kammer bestanden hat, in welcher neben schwerem Ballast, so viele Jn- telligenz vorhanden gewesen ist, und daß wir mit unseren In, stitutionen sehr weit, ja fertig seyn könnten, wenn nicht der politische Schwindel und die politische Kurzsichtigkeit Einzelner leider zu oft den Geist der Lüge und des Widerspruches in diese und jene Verhandlungen gebracht haben würde.
Die nass. Kammerverhandlungen in den Jahren 1848 und 1849 verdienen aus mehr als einem Grunde eine ausführliche Beurtheilung in legislatorischer und politischer Beziehung, und diese soll ihnen denn auch nach ihrem Ende werden!
Die Widerlegung der Gutachten unserer drei Gerichtshöfe über die Nichtverabreichung von Diäten an unsere Geschwornen hat der Abgeordnete Braun zwar versucht, es ist ihm aber dabei weiter nichts gelungen, als darzustellen, daß das eine Motiv des OberaPpeUationsgerichts, welches allerdings schwach war, nämlich das, daß durch die Diäten der Geschwornen die Staatsausgaben vermehrt würden, unhaltbar sey. Man braucht nur den Bericht des Abg. Braun und seine demselben beige, fügten Worte oberflächlich zu lesen, so wird man finden, daß die fragliche Widerlegung die schwächste Partie seines Vortrages gewesen ist, den übrigens die Freie Zeitung in Nro. 201 nicht so vollständig gegeben, wie ihn Braun gehalten hat. Wer die Rede dieses Abgeordneten selber gehört hat, der muß zugestehen, daß derselbe die Gutachten der Gerichtshöfe auf eine würdige Weise bekämpft Hak, und gefühlt zu haben schien, daß die Gerichtshöfe die Sonne und das Licht der Wissen, schaft und der Erfahrung auf ihrer Seite hätten, also die Waffen ungleich seyen. Und nun, nachdem Braun, ein eben so guter Redner als Sachkenner, gesprochen hatte, kommt der Herr Abgeordnete Snell, der zwar bei gelegentlicher Durch, blâkterung des Rotteck-Welcker'schen StaatSlerikonS einmal von dem konstitutionellen A-B-C etwas gelesen haben mag, abpr wahrlich von den Schwurgerichten so wenig versteht, wie seine Langenbacher Pfarrkinder von der Astronomie, und behauptet ohne alle Fach- und Sachkenntniß: die drei Gerichtshöfe hätten sich ein ArmuthSzeugniß ausgestellt.
Wir finden in der That keinen Ausdruck, der scharf genug wäre, ein solches Verfahren zu geißeln. Jedoch ein Theil unserer Demokraten in Deutschland (wir sagen ein Theil; denn eö gibt unter ihnen auch tüchtige Leute) hat das Recht sich angemaßt, gerade über das am seefesten abzusprechen, wovon sie in der Regel gar nichts verstehen, und eS war in den Blättern ihrer Farbe daS Wort „unfähig" seither pro colorando gâng und gäbe, wenn sie von ihren Gegnern sprachen!
Die Mürzstürme im Jahre des Heils 1848 haben die Wasser bis auf den tiefsten Grund aufgewühlt und vielen