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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

M 288 Freitag den LZ. August L8LS.

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherjogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Franksurt A fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fl. io fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

England's konstitutionelle Verfassung.

Deutschland. Weilburg (Die Wahl der Geschwornen). Mann­heim (Die Cholera. Erschießung. Diätetische Maßregeln gegen die Cholera). Rastatt (Mniewsky). Berlin (Angeblicher Zwiespalt zwischen der österreichischen Regierung und dem Fürsten Paskewitsch). Schleswig (Darstellung des Feldzugs). Wien (Die Belagerung von Temeswar. Die Uebergabe Venedigs).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Ungarn. Preß burg (Vom Kriegsschauplätze).

Italien. Venedig (Die Uebergabe).

Cnglan-'s konstitutionelle Verfassung.

â Vom Taunus. Wir haben in diesen Blättern oft, und zuletztbei der Mittheilung von Pal merst on"s Ansichten über Reformen auf dem Kontinent" aus dessen neuester Rede bei Gelegenheit der Interpellationen über die Zustände Un- garn'S im englischen Parlamente Anlaß gehabt und genom­men, die Nachahmung der französischen Formen in unseren parlamentarischen Versammlungen, als fremd und romanischem Wesen verfallend, als unheilbringend für deutsche Zustände und Bedürfnisse zu bezeichnen, und dagegen die englischen, als urgermanisch, stammverwandt, würdevoll, unserem Wesen entsprechend und in jeder Hinsicht förderlich, zu empfehlen. Das mag pedantischen Schein erweckt, den Beigeschmack alten -Zopfes und steifer Perücken des englischen Wollsackes gehabt und Manchem der Jetzlebenden, besonders der Jüngeren, un# > gewohnt und unbequem geklungen haben, nachdem die Deut- -schen, zumal die südlichen, jener modernen Pariser non-cha- lance sich ergaben und in dem ungenirten Wesen die Bieder­keit und die Freiheit suchten, während doch am Ende nur -Würdelosigkeit, Ungeschliffenheit und Rohheit zum Vorschein kam. Die Paulskirche hat nicht nur Zuschauern und Zuhö­rern, sondern sogar bloßen Lesern Beweise genug hiervon ge- - bracht, und die größeren englischen Blätter haben nicht unter, Waffen, ernste Verwunderung, selbst Rügen darüber auszu- ^sprechen.

. Daß unsere Republikaner dem gallischen Hahne "Lohnen, Hahnenfedern tragen und am Ende wohl gar mit Guillotine französisch und deutsch, mit demrothen Hahne", deutschen Symbole der Feuersbrunst, drohen, darf uns

* JS^"». Die französische Revolution liegt vorzugsweise ^ynnbewohnern örtlich zu nahe, den Weg nach Paris ^""unsere Handwerksburschen zn leicht, der Volksschriften Geschichte sind in Deutschland zu viele, die R.^?'EN selbst haben wir in Deutschland zu oft gesehen, ihre f Sa 'st sEst den niederen Klaffen bei uns zu geläufig, von Anekdoten, Diatriben, Schlag- und Stich­ln»- Gehenden Phrasen werden in allerhand Zeitungen, wenig Witz und viel Behagen", aus franzö- aènn^ ^lerttern übersetzt, kommentirt und repetirt Ursachen

6 von dieser widerwärtigen Nachäfferei des neuesten Fran­

zosenthums, nachdem wir die alteGallomanie" in Wissen­schaft, Kunst und Literatur mit unserer neuen deutschen Na- lional-Literatur glaubten über Bord geworfen zu haben.

Aber die französischen Moden, Manieren, Phrasen, Meublen, Stoffe, Arbeiten, Kleider rc. herrschen bei allen Vor. nehmen in Deutschland fort und fort; dieß wirkt auch auf die Geringeren, und so bleibt der fehlerhafte Zirkel, in d.n wir gebannt sind, wo die Wirkung wieder zur Ursache wird, un­durchbrochen. Die wenigen wahren Deutschen, welche weder zu den Franzosenfressern noch zu den Franzolen-Affen gehören sondern Alles achten, was bei andern Völkern Achtung, und nachahmen, was Nachahmung verdient, aber doch gegen Unge­höriges jeder Art, woher es immer kommen möge, sich zu ver- wahren Huben, sind der Zahl nach viel zu gering', um, beson- derS, m unserer Zeit voll Wirrsal und Leidenschaft, gehört zu

Auf der andern Seite haben oft wieder diejenigen, welche in ihrem Weltschmerze und ihrer Europamüdigkeit nur von Nordamerika und England und ihren Freiheiten sprechen doch von beiden viel zu oberflächliche Kenntniß, und baë erfié Land wird gar oft von Unverständigen blos als ein Paradies betrachtet, wo es keine Fürsten und Zivillisten, keine stehenden Heere und Militärbudgets, am Ende wohl gar keine Polftei- und keine Steuerbeamte gibt, wo alle Arbeit nur auf deutsche Hande wartet. Und doch gibt es dort überfüllte große Städte Konkurrenzen aller Art, Proletarier in Menge, nur ohne deutsche Gemeinde-Armenversorgung, und bei Aufläufen wird sogar wie ui Neu.York noch kürzlich geschah, als die ungeberbigen Massen dem Zureden der Polizei nicht wichen, yon' den dort nicht verlhierten, sondern ächt demokratischen Soldaten auf das Volk scharf geschossen, so daß eS Todte und Verwun, bete gab.

No rdamer ik a,das Land der Zukunft," kann mit dem alten Europa, dessen veraltertes Wesen schon für Napoleon Langweile und Ekel herbeiführte, als er zu viel Widerstand fand, so daß er ausrief: cette vicille Europa mennuie, ganz und gar nicht verglichen werden. Dagegen bleibt England allerdings das Land, wohin der Deutsche blicken sollte, um konstitutionelles Wesen in seiner wahren Gestalt auf vielen Seiten zu sehen. Zuerst der Hof und die Königin, theils ein­fach, theils von Glanz, je nach Umständen, und überall, trotz mancher veralteten mittelalterlichen Form, doch umgeben von allen Zeichen der Anhänglichkeit und unverkennbaren Sym, bolen der Unterthanen-Treue, nicht blos nach der Idee der Souveränität und Majestät des staatlichen Oberhauptes, fon- dern auch nach persönlicher Rücksicht und Kourtoisie. Wir brauchen nur auf den kürzlichen Besuch in Irland zu verweisen. Wie der Katholik bei seinen Geistlichen die Privatperson und den geweiheten Priester genau scheidet, so in England das gesummte Volk, vom höchsten Tory bis zum Bettler, bei seinen Königen. Dafür wahrt aber auch dort der Regent seine Regie- rungSwürde, mischt sich nie in das Parteigetriebe, in welchem die Minister stehen und fallen, und herrscht im wahren und vollen Sinne voll Glorie.

Die Verfassung bestehet in England, und Jeder, mann lebt und stirbt für sie, ohne sie je auf dem Papiere ge-