Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^N 2VÄ. Mittwoch den 29» August 18419»
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränume. rationsprcis ist in Wiesbaden, für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und KurfürstenthumS Hessen, der Landgrafschast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 3 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. IO kr- — Inserate werden die dreisvaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'scheu Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die Lage Europa's.
Deutschland. Oberursel (Firmung). — Hadamar (Die öffentliche
Sicherheit). — F r ankfurt (Plan zu einer neuen Reichsgewalt. Russen nach Voralberg). — Mannheim (Kriegsgericht). — Karlsruhe (Verbot des Beobachters und des Frankfurter Journals). — Freiburg (Badische Pferde von der Schweiz auSgcliefert). — Schleswig (Verlegung des Sitzes der Landesversammlung). — Wien (Die Lage Ungarns, Anhaltender Regen). — I n s b ruck (Uebergabe Venedigs).
Großbritannien. London (Eindruck der ungarischen Nachrichten. Goethefeier in Manchester).
** Die Lage Curopa's
Seit unseren „politischen Fastcnbetrachtungen," die in Nr. 76, 77 u. 78 dieser Blätter abgedruckt sind, haben wir — da unS vorzüglich die Entwickelung unserer eigenen Angelegenheiten am Herzen liegt — keine Zeit und Lust gehabt, ein Gebiet zu betreten, das während dieser Zeil der Schauplatz der traurigsten Verirrungen gewesen ist und unsere Befürchtungen nur zu sehr gerechtfertigt hat.
Wir haben damals die Angelegenheiten Deutschlands mit Oesterreich besprochen, die bisher in der Schwebe gehalten, nach erfolgter Besiegung der Ungarn, nunmehr in eine andere Phase getreten sind.
Durch die Betheiligung Rußlands an diesem merkwürdigen Kampfe, der uns Bewunderung abzwingt für ein verirrtes aber heldenmüthigeö Volk, das im ungleichen aber edlen Streite um seine vermeintliche Freiheit gerungen, ist uns zugleich der russische Einfluß auf die Entwickelung der deutschen Angelegenheiten um ein Bedeutendes näher gerückt. Rußland ist aus der Rolle eines Zuschauers getreten und hat sich bei dem Drama betheiligt, das seit dem Februar v. I. in Europa aufgeführt wird. Wird Rußland, dessen Rolle Deutschland spielen mußte, wenn es sein wahres Interesse verstand und die Freiheiten der Ungarn retten wollte, seine Armeen aus Ungarn zurückziehen und wieder den Zuschauer machen, oder wird es dem natürlichen Triebe des Siegers nachgeben und die errungenen Vortheile noch weiter verfolgen? Wir wünschten das Erstere, glauben aber das Letztere.
WaS wird nun Oesterreich, das tief erschütterte aber überall siegreiche Oesterreich thun? Wir glauben, daß es alle Anstrengungen machen wird, sein gesunkenes Ansehen in Europa wieder herzustellen und daß es zur Erreichung dieses höchsten Zweckes vor keinem Opfer zurückbebt. Wo hat aber Oesterreich sein Ansehen vorzüglich wieder herzustellen? Wir sagen in Deutschland und ganz besonders in Deutschland, das alle historischen und natürlichen Sympathieen verleugnet und Oesterreich seinem Schicksale preisgegeben hat: das mit Verkennung seiner nächsten Interessen und einer beispiellosen Verblendung auf die Zerstörung von Oesterreich hoffte *). Wenn auch
*) Und welches war denn Oesterreichs Stellung zur deutschen Politik?! War sic etwa geeignet, bei uns Sympathien für Oesterreich zu wecken?
Anmerk, der Red.
Oesterreich hierbei nicht der Drang nach gerechter Vergeltung leitet, so muß cs doch jedem Denkenven einleuchten , daß eS danach trachten muß, einen wenigstens sehr zweideutigen Freund, wo nicht offenbaren Feind unschädlich zu machen und ihn zu entkräften.
Das ist aber nicht einmal nothwendig, denn die Stellung von Bayern und Würtemberg sichert die Durchführung seiner in Deutschland zu nehmenden Maßregeln allein; wenn auch nicht noch viele der übrigen deutschen Staaten eine ungemeine Thätigkeit entwickelten, keine größere Einheit und Einigkeit zu Stande kommen zu lassen.
Man braucht sich gerade keinen tiefen Blick in die Zukunft zuzutrauen, um einzusehen, daß es für die Staaten, welche nicht mit Oesterreich gehen wollen und eine kleinere Einheit keiner vorziehen, die höchste Zeit ist, darauf zu dringen, daß diese kleine Einheit eine Wahrheit und möglichst schnell verwirklicht werde. Dieses kann aber nur durch Beitritt zum preußischen Bund geschehen, wobei die einzige Bedingung der schnellstmöglichste Zusammentritt eines neuen Reichstags wäre. Wir bezweifeln indessen sehr, daß wir diesem Ziele schon >o nahe stehen, als eS von Vielen geglaubt werden mag und wenn eS auch Preußen, woran wir nicht zweifeln, noch auf, richtiger meint, als-es den äußern Anschein hat.
Preußen ist aber durch die deutschen Verwickelungen und den höchst unpolitischen Krieg mit Dänemark ebenfalls in eine isolirte und keineswegs erquickliche Stellung gekommen, die unter Umständen in eine sehr bedenkliche umschlagen kann. Denn trotz der Bereitwilligkeit, womit verschiedene deutsche Staaten sich Preußen angeschlosscn haben, meint eS doch fast keiner (?) ehrlich mit ihm. Alles räth Preußen eine kühne Politik an, sieht sich aber zugleich nach einem Zufluchtsorte um, wenn diese Politik fehlschlagen sollte. Es ist daher diesem Staate nicht zu verargen, wenn er mit der größten Vorsicht zu Werke geht und nicht gemeint ist, alle im übrigen Deutschland populären Zwiste auf eigne Faust auszufechten und dem Tagesgeschrei zu fröhnen.
Wir müssen bedenken, daß Preußen, da es einmal als europäische Großmacht da ist, und sein Beruf als solche in Ansehung Deutschlands ein hoher und wichtiger ist, seine Kräfte Zusammenhalten muß, um in den schweren Zeiten, die uns noch bevorstehen, sein Wort und Schwert in die Waagschale legen zu können, die zwischen Ost und West zu schwanken beginnt.
Aus den in unseren politischen Fastenbetrachtungen entwickelten Gründen, die wir hier nicht wiederholen wollen, kann fast keine Rebe mehr davon seyn, ein großes einiges Deutschland schaffen zu wollen. Wir müssen uns mit dem begnügen, was möglich ist. Aber dieses Mögliche ist nicht wenig, sondern viel, sehr viel, da in Oesterreich, wenn wir und dieses die Konjunkturen weise zu benutzen verstehen, ein neues deutsches Reich erstehen wird, das der Ausbreitung deö deutschen Elements in Europa mehr Vorschub leisten wird, als ein aus widerstrebenden Theilen künstlich zusammengeschmiedetes großes Deutschland. Es ist daher nichts ernstlicher zu wünschen, als daß Preußen aus seiner gezwungen isolirten Lage wieder heraustreten und Oester, reich zu einer friedlichen Ausgleichung,chezüglich der beiderseitigen in Deutschland liegenden Interessen die Hand bieten