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Nassauische

Allgemeine Zeitung

M 203

Dienstag den 28. August

1819

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter e inmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Prânume. rationspreis ist in Wiesbaden , für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Taris scheu Verwaltungsgebietes 8 fl. IO kr- Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die politische Bedeutung Ser Gocthefeier.

Eine neue heilige Allianz.

Ein Ministerium Gerlach.

Deutschland. Frankfurt (Das Reichskorps in Baden). Koblenz

(Brand). Wien (Brand in Brody. Die Verbindung mit Pesth her- gestellt. Die Uebergabe von Venedig erwartet. Der Großfürst wieder abgereist. Der Rest der ungarischen Streitmacht. Die Kapitulation

Görgey'S). *

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Italien. (Hinrichtung).

* Die politische Bedeutung der Goethefeier.

Die Theilnahme an der Feier des hundertjährigen Geburts­tages unsers großen Dichterfürsten macht sich über alles Er­warten in ganz Deutschland bemerkbar. Wo keine besonderen Festlichkeiten stattfinden, da glaubt man wenigstens in der Auf. führung Goethe'scher Stücke, in Prologen u. dgl. des Tages gedenken zu müssen. Zahlreiche Schriften und Broschüren, durch ven günstigen Zeitpunkt des Festes hervorgerufen, gruppiren sich zu einer kleinen Goethe-Literatur, als erste Vorboten des wieder erwachten künstlerischen Interesses nach den rauhen Revolutionstagen. Das Goechefest ist darum gerade jetzt viel bedeutungsvoller, als wenn eS in eine ruhige Zeit gefallen wäre, wo man vielleicht mehr äußeren Prunk in Begehung derselben zur Schau getragen hätte. Es ist das erste Anzeichen, daß Deutschland über der politischen und sozialen Umwälzung jene große Revolution im Gebiete des Geistes, die bei uns der ersten französischen Revolution zur Seite steht, nicht ganz vergessen hat. Die Begeisterung für Kunst und Wissenschaft, welche sich seit länger als Jahresfrist ganz verstecken mußte, oder doch nur schüchtern, weil mißachtet und unverstanden, hervorlugen durfte, findet jetzt mit einemmale einen Sammel­punkt , einen erwünschten Anlaß, wiederum an das Licht der Oeffentlichkeit zu treten.

Und gerade der Mann, welchen die bilvungsfeindliche demagogische Rohheit einen Aristokraten und Reaktionär schilt, ^und dessen größtes Verdienst doch eben darin bestand, daß er so gründlich die schwüle, dumpfige Atmosphäre des 18. Jahr­hunderts reinigen half, damit die Pflanze des freien Geistes- tebens in neuer, frischer Luft wachsen und gedeihen könnte, gerade derselbe Mann muß den Anlaß zu diesem kühneren Hervortreten der Interessen der höheren Bildung und Gesit- tung geben!

^eimunS bie deutsche Revolution Großes und Gutes lm politischen Leben gebracht hat, dann konnte sie eS nur I

Banner wie Lessing, Göthe, Schiller, Herder in 11110 künstlerischem Wirken die Wege der 'Ichen Reform gebahnt hatten. Sollen wir dieses stolze aufgeben, um etwa ju sagen, nicht diese jcheu Geister, sondern französische Phantasten, wie Proudhon

und L. Blanc seyen es gewesen, die den politischen Umschwung auch in Deutschland vorbereitet?

Und wenn die ganze gebilvete Schichte der deutschen Nation im abgelaufenen Jahre, im Stillen und öffentlich ver demago­gischen Barbarei entgegenarbeitete und dadurch Deutschland vor jenen Gräueln bewahrte, wie sie zum abschreckenden Exem­pel in den Geschichtsbüchern der ersten französischen Revolution zu lesen sind, war eS denn nicht die nie unterbrochene geistige Gemeinschaft ves Gebilveten mit jenen Priestern der Schön­heit und des Maßes, die uns ein solches Maßhalten möglich gemacht hat? Darum blickt aber auch der schlechte Bodensatz nicht der edlere Theil ver Demokratie jetzt mit verstohlenem Grimme auf dieses Goethefest. Und sie haben Recht, wenn sie in ihrer Weise viese Feier darstellen als den umfassenden Ver­such, die Nation auf'S Neue einzulullen in literarische und poe­tische Träumereien. Nur mit dem Unterschiede, daß wir in der Thal da ein Aufwachen sehen, wo Jene ein Einlullen erblicken.

Die Folge wird lehren, daß vom 28. August eine neue Ermannung ves literarischen und künstlerischen Strebens in Deutschlanv datirt. So wollen wir. Freunde der höheren Bil- vung, diese Goethefeier begrüßen als die erste Taube, welche mit dem Oelzweige zurückkehrt.

Goethe hat sein Leben lang heldenmüthig gestritten für Gesittung und edleS Maß. Und so erscheint er uns, wenn wir die Bedeutung seines Ehrentages ermessen, heute gleich dem Cid der spanischen Heldensage, indem er, obgleich längst todt und begraben, auch im Grabe noch die erste Schlacht der Bildung gegen die Barbarei gewinnt, welche in dem neuen Zeitabschnitt nach der Revolution gefochten wird.

Die neue heilige Allianz.

Wir lesen in der Deutschen Zeitung:

London, 23. August?) Die neue heilige Allianz, welche in diesen letzten Tagen von den Gesandten verschiedener Groß- machte in Warschau verabredet worden, wird auf der folgenden Basis hergestellt:

Der ostensible Zweck der neuen Allianz der Großmächte ist die Unterdrückung der revolutionären Tendenzen in ganz Europa.

Die neue heilige Allianz wird gegründet durch ein Offen­siv- und Defensiv-Bündniß zwischen Oesterreich, Rußland, Frank, reich, Bayern, den Päpstlichen Staaten, Neapel und eventuell Sardinien.

Preußen wird der Eintritt angeboten â prendre ou â refuser. Die hohen kontrahirenden Mächte zweifeln indessen

*) Obige Angaben sind uns von dem verehrten Korrespondenten mit der Bemerkung zugegangen, daß er sie unS unter seiner vollen Berant- Wortlichkeit mittbeile. Ueber die Gründe, akiS denen eine solche Ber- öffentlichung râthlich erscheint, dürfen wir ihn selbst reden lassen. Wir glauben die Sache, so abenteuerlich sie lautet, dem Publikum nicht vorenthalten zu dürfen, da sie, auch wenn sie sich nicht, oder nur zum Theil bewahrheiten sollte, doch immer beweist, welcher ungeheuer­lichen Pläne man die Reaktion von 1849 selbst in wohlunterrichteten Londoner Kreisen für fähig hält. (Die Red. d. D. Z.)