Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 178. Montag den 30» Juli 18LN
Dritte Ausgabe.
Uebersicht.
Deutschland. Wiesbaden (KreiSbezirkrathS -Sitzung). — Mainz (Madame Hecker). — Mannheim (Reklamationen wegen des in Ludwigshafen vernichteten schweizerischen Eigenthums). — Berlin (Aus- Uèfernng an Rußland). — Flensburg (Rückmarsch der Reichstruppen).
— Wjxn (Vom ungarischen Kriegsschauplätze).
Frankreich. Straßburg (Die Legitimisten).
Niederlande. Amsterdam (Die Cholera).
Sprechsaal für Stadt und Land.
D e u t s cd l a n d.
0 Wiesbaden, 28. Juli. Hgute Morgen wurde die erste Sitzung des Kreisbezirksrathes gehalten. Herr Kreisamtmann Ferger eröffnete dieselbe mit folgenden Worten:
„Erfreuend und ehrenvoll ist mir der Auftrag, meine Herren, an Ihrer Seite künftig ein Feld zu durchwandern und zu bebauen, daö bei gehöriger Pflege die segensreichsten Früchte zu liefern verspricht.
Wir sollen gemeinschaftlich der Kreisbewohner Bedürfnisse erforschen; Uebelstände, Mängel und Hindernisse in der freien Entwickelung derselben aufsuchen und beseitigen, — Wohlstand fördern, ein lebendiges Gefühl für wahre Bürgertugend erwecken, für das Gesetz Achtung und Gehorsam einflößen, Gesetz und Ordnung handhaben.
Es ist wohl nicht zu verkennen, daß gerade zu jetziger Zeit, wo durch die über Deutschland verbreitete Umwälzung alle bürgerlichen Verhältnisse gestört, Handel und Gewerbe darnieder liegen, Wohlstand geschwunden ist, und die Grundfesten auch unseres Staates in manchen Beziehungen erschüttert; die Bande des Gesetzes und der Ordnung mehr oder weniger gelichtet waren, unsere Aufgabe eine besonders schwierige seyn wird, aber eben deshalb wird sie auch eine besonders ehrenvolle, lohnende und anziehende seyn.
Uns liegt jetzt die schöne Pflicht auf, die gestörten Ge- werbeverhältmsse zu beleben, Handel und Wandel zu heben, den bedrängten Bürgern neue Lebenswege auffinden zu helfen, unsere Gesetze im wahren Geiste der Zeit zur Ausführung und Anwendung zu bringen, Ansehen und Achtung ihnen zu verschaffen, und so durch Erhaltung der Ordnung Wohlstand der Gemeiden, so wie Gedeihen und Glück der Einzelnen zu begründen und zu fördern.
Ja, meine Herren, ich für meine Person begreife den ganzen Umfang der uns auferlegten Pflichten und gestehe offen, ich fühle wohl, daß meine Kräfte allein zur Lösung dieser Aufgabe nicht hinreichen, ich rechne daher auf Sie, auf Ihre kräftige Mitwirkung, lassen Sie unS mit Umsicht, Kraft und Beharrlichkeit der Erfüllung unserer Pflichten die ernsteste Erwägung widmen, aufrichtig und übereinstimmend zusammenwirken, es wird unS dann gelingen Resultate zu erzielen, welche den Bedürfnissen deS Kreises entsprechen, die Lage der Nothleidenden erleichtern und den Druck der schweren Zeit mindern.
Nach gesetzlichen Vorschriften haben wir nunmehr heute
unsere Wirksamkeit zunächst mit Prüfung der Wahlen zu beginnens ich erlaube mir daher Ihnen darüber das Wesentliche vorzutragen."
(Wenckenbach, welcher zugleich hier und in Wehen zum Kreisbezirksrath gewählt worden ist, hat die hiesige Wahl abgelehnt. Es wird daher eine Nachwahl vorgenommen werden müssen).
Mainz, 28. Juli. (M. Z.) Heute Vormittag um 10 Uhr schiffte sich Die Bürgerin Hecker hier ein, um ihrem Gatten nach Amerika zu folgen.
Darmstadt, 27. Juli. (O.-P.-A.-Z.) Die nächsten Asstsen, deren Anfang auf den 1. Oktober unter dem Vorsitz des Oberappellationsrath Weiß festgesetzt ist, werden mit einem Rir- senprozeffe beginnen, der Zerstörung der Eisenbahn bei Weinheim. Es sollen 70 bis 80 Personen als Angeklagte erscheinen.
Dagegen scheint der bekannte Görlitz'sche Fall, obgleich die Untersuchung schon seit 5 Monaten geschlossen ist, wieder ausgesetzt zu bleiben! Wenigstens hat bis jetzt noch nicht der Anklagefenat darüber entschieden. Die Gründe sind unbekannt.
Mannheim. Von hier aus wird der Basler Zeitung geschrieben: Man ist bei Ihnen vielseitig der Meinung, daß der Schaden, welcher durch die Beschießung von Ludwigshafen einzelnen Kaufleuten der Schweiz zugefügt worden ist, von Baden wieder gut gemacht werden dürfte. Man scheint bei dieser Voraussetzung ganz außer Betracht zu lassen, baß zur Zeit jenes Ereignisses die bayerische Pfalz und das G.oßherzogthum Baden durch eine militärische Union eng verbunden waren, und daß für beide Ländcrtheile der Pole Mieroslawski Ge
neralissimus war, so daß, wenn also eine Ersatzpflicht für zu Grund gerichtetes ausländisches Eigenthum behauptet werden will, die bayerische Pfalz und das Großherzogthum Baven als Gesammtschuldner behandelt weiden müßten. Der Haupt- schuldner aber an diesem und so vielem andern Unglück ist der genannte Generalissimus und seine Gehülfen und da sie sammt und sonders sich derzeit in der Schweiz befinden, so dürfte cs am Platze sein, daß die beschädigten Schweizer zunächst nach dem sogenannten „Privatvermögen" dieser Herren fragen würden. Wie wäre es, wenn die 150,000 fl., die jener Generalissimus sich soll haben auszahlen lasten für seine Kommandostelle, l und die er als sein „Privatvermögen" importirt haben soll, jenen 8 Schweizern zu gut kämen, die durch dessen Kommando um ihr | Eigenthum gebracht wurden.
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Das würde, dünkt uns, nicht ungerecht und auch geeigne S fein, derartige Feldherrn für die Zukunft davon cibzuhalteu ' um solcher schönen Verdienste Willen einen schmählichen Ver nichtungSkrieg gegen das Eigenthum zu führen. Es läge ii ' diesem Augenblicke wohl in der Hand der Schweiz, den kow : munistischen Helden der badisch-pfâlzischeu Revolution in diese i Beziehung eine wirksame Lehre zu geben, und sich zugleick so viel wie möglich, für den erlittenen Schaden in der Näk und bei den leibhaftigen Veranlassern des Schadens zu r -q gressiren.