Nassauische
Allgemeine Zeitung.
J£ L7L. Mittwoch den 2L. Juli L8LS
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prânume- rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisfchen Verwaltungsgebietes S fl. IO kr. — Jnfera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 tr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sche llen« berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Der neue deutsche Reichstag.
Deutschland. Vom Taunus (Der Konflikt zwischen dem Pfarrer von Nicderhöchstadt und seiner Gemeinde). — Limburg (Die KreisbezirkS- rathswahlen). — Karlsruhe (Die Belagerung von Rastatt). — Schleswig-Holstein (Die Verwickelung). — Veile (Einstellung der Feindseligkeiten vor Fridericia). — Wien (Zur Orientirnng in den ungarischen KriegSereigmffen).
Schweiz. Schaffhausen (Gebietsverletzung).
Galizien. Krakau (Russische Truppen. Besetzung der Gränze bei Troppau und Teschen). •
Nachschrift.
Der neue deutsche Reichstag.
III.
Ducunt .volentem Fata, nolentem traliunt.
Sen ec. Trag.
f Vom nördlichen Taunus, 23. Juli. Tag für Tag vergehet, und der vielfach und schmerzlich ersehnte will noch nicht anbrechen, welcher so viele offene und heimliche Wunden des Gesammtvaterlandcs Heilen und die Wünsche der Verzweifelnden nach Möglichkeit beschwichtigen soll. Die Männer des Nachparlamentes zu Gotha haben versprochen, nicht unthätig zu bleiben, und wir haben Ursache ihnen einiges Vertrauen zu schenken. Aber noch ist Nichts verlautet von ihren Planen, Nichts von der Organisation ihrer Partei, selbst nicht in der Deutschen Zeitung, welche ihr besonderes Organ seyn oder werden zu wollen erklärt hat. Ober soll auch das Schweigen bedeutsam seyn? So sprach Cicero einst die gewichtvollen Worte: Quum taceo, clamo — Wir wollen annehmen, daß sie im Stillen wirken, und vielleicht eben deßhalb um so nachhaltiger und ergreifender. Aber gern hörten wir doch auch ein Wort aus ihrer Mitte, und vernähmen einen Trost von ihrer Erfahrung. Auch unser Nassau schließt einige dieser Männer in ftcb, und doch haben wir noch Nichts von ihnen vernommen als, kurz vor dem Zusammentritt in Gotha, „Mar von Ga- gern's" inhaltsreiche „Ansprache an seine Wähler," die wir in diesen Blättern zu verstehen und zu würdigen suchten.
Älitten in dieser Sehnsucht kommt uns eine Mahnung des alten E. M. Arndt von Bonn in Beil. II. von Nr. 196 her Deutschen Zeitung v. 18. Juli überschrieben: „Der deutsche Gedanke." Wohl glauben wir gern dem Guten, daß er jetzt viel und ernsthaft zu bisputiren haben mag mit seinen nahen und fernen ^Freunden , besonders mit übertriebenen und übertreibenden Lchwarz-Weißen. Nach seiner gewohnten schwunghaften und sprunghaften, weiten und breiten, knappen und engen, l'nn* des Herzens Geist und Empfindung," führt der Greis, so gerne seine jüngeren und gleichalterigen Leser in die schöne Zeit früherer wahrhafter „deutscher Einheit" der ^ahre 18>3 und 1815 zurück, wo des Preußenkönigs Ansprache " K die Losung zur reinsten Begeisterung wurde, und laßt die Hoffnung friedlichen Genusses der damals mit theurem und vielem Blute erkämpften neuen Zeit wenigstens
für unsere Enkel nicht schwinden. Auch damals dauerte vielen Gutgesinnten, besonders dem alten Marschall „Vorwärts," Manches zu lang und seinem Unmuthe machte er am Ende wohl Luft durch geniale Flüche gegen „die Mehlwürmer der Soldaten," die Intendanten und Lieferanten, besonders aber gegen die Krieg- und Friedenstörenden „Federfuchser" der Diplo, matie. Mit bitterer Ironie sprach am Schluffe der allgemein nen Beutetheilung auf dem Wiener Kongresse ein Fürst die doppelsinnigen Worte: Je n ai rien gagné, pas une ame.
Möchte die stürmische Ungeduld der Jüngeren an der nim# mer ruhenden Thätigkeit und unverwüstlichen Hoffnungsfreudigkeit des,Alten von Bonn ein Beispiel sich nehmen; möchte sie besonders das Wort bet sich gelten und wirken lassen, was er so eben hervorhebend betonte: „Wahr bleibt der älteste Spruch der Westen: Was gedacht wird und immer wieder und wieder gedacht wirb, das wird endlich wirklich. Denkst du immer Quark, so gewinnst du Nichts als Quark, und wirst am Ende selbst zu Quark." Das erinnert stark an ein vielbesprochenes und von Unkundigen verkanntes und gar verdrehetes Wort Hegels, wie M. Carriere (Die philosophische Weltanschauung der Reformationszeit in ihren Beziehungen zur ®^^n^^^L 1847. S. 748) richtig bemerkt, für die Natur schlechthin gilt, für die Geschichte einer Erläuterung bedarf. Sprechen wir daher unbedenklich, aber deutlicher: „Was vernünftig ist, das wird endlich wirklich;" so stehet uns für diese Wahrheit Die ganze Geschichte der Menschheit ein, von Erschaffung Der Erde bis auf den heutigen Tag, in ihren alten und in ihren neuen Theilen. Wir dürfen aber nicht ungeduldig werden. Denn, wie Hegel gleichfalls sagt: „Der. Weltgeist hat Zeit." Und so scheint auch in der Gegenwart der Wcltgeist sich nicht zu übereilen, sondern sich immer noch mehr Zeit'zu nehmen, alS das ungeduldige Geschlecht der Lebenden vertragen mag. Wir Eintagsfliegen, Schatten's Traum, wie Pindar spricht, wir zählen nach Jahren. Der Weltgeist aber zählt nach Jahrhunderten und Jahrtausenden. Wer Bäume pflanzt, kann selten noch die Früchte seiner Pflanzung crndten, nach Dem alten Dichterworte: Serit arbores, quae alteri saeculo prosint.
Aber denken können und sollen und müssen wir alle, wenn wir nicht aufhören wollen, Menschen zu seyn, und wirklich denken heißt eben nur Vernünftiges denken. Denken können und sollen und müssen wir bei Betrachtung dessen, was vor uns geschah, und wie cs geschah: denken in Hoffnung dessen, waS nach uns geschehen wird. Dabei werden wir nicht ohne freudigen Trost darüber gelassen werden, was um uns noch bei unseren Lebzeiten geschieht, denn kein Jahrhundert bleibt je ohne Gewinn und ohne Fortschritt. Nur müssen wir uns hüten vor Ungeduld und Uebcrstürzung, weil sie leicht zu Handlungen führen, die das große Werk deS Weltgeistes eher stören und aufhallen, als fördern und zeitigen. Wie lange Geschlech- ter-Reihen hindurch Der Orient in seiner Weise dachte und arbeitete, das haben uns kürzlich die Entdeckungen unseres Landsmannes Lepsius in Aegypten und des Briten Layard in Niniveh mit überraschender Sicherheit bewährt.
Wie lange Griechenland und Rom denken und arbeiten mußte, ehe nur Sokrates den Blick sinnend nach Innen kehren konnte, womit das Prinzip der modernen Zeit eintrat, wissen