Nassauische
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Allgemeine Zeitung.
i ^N 172. Sonntag den 22. Juli 18419»
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränume- , rationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft
ä Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 18 st., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes S fl. 1O kr.
—Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- - berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
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Uebersicht.
, Zur Beherzigung.
z Deutschland. Wiesbaden (Die Landtagsverhandlungen über die Vor-
1 nähme des Verfaffungsentwurfs). — Eltville (Mißglückte KreiSbezirkS- , rathswahl). — Hadamar (Die erste Sitzung des Kreisbezirksraths). —
t Darmstadt (Die Zustände in Baden). — Aus Baden (Freiwillige
Anleihe).— Konstanz (Der Wagen des General Sigel). — Mün chen (Prozeß gegen die Märzvereine). — Schleswig (Die Landcsvcrsamm-
. lung). — Wien (Boni ungarischen Kriegsschauplätze).
Nachschrift.
Zur Beherzigung.
5 Wiesbaden, 19. Juli. In der gestrigen Sitzung der Ständeversammlung hat der Abgeordnete Akzèssist Braun den Antrag auf sofortige Berathung der Revision der Nassauischen Landesverfassung unter Zurücksetzung der sonstigen Gesetzesvorlagen gestellt, und damit unbegreiflicher Weise denselben Weg verfolgt, wie damals, wo er die übereilte Vereidigung auf die Reichsverfassung vom 28. März 1849 und die uNbe, dingte Unterwerfung unter die Beschlüsse des Rumpfparlaments betrieb. Doch wir wollen davon schweigen, können aber nicht unterlassen, unsere Ueberraschung darüber auszudrücken, daß die Mitglieder des Landesausschusses zur Vollziehung der Beschlüsse des Landeskongresses zu Idstein, die Herren Naht, Müller, Wenckenbach, Hehner, Snell, Justi und Lang mit der gegenwärtigen Ständeversammlung und mit der Regierung eine Verfassungsurkunde berathen wollen. Der achte Artikel der Beschlüsse des Landeskonaresses zu Idstein lautet: „Da der bestehenden Versammlung der Abgeordneten der Charakter einer verfassunggebenden sowohl von der Regierung als von der Kamm er Majorität bestritten wird, dieselbe auch das ersorderliche Vertrauen des Volkes nicht genießt, so wird die unmittelbare Berufung einer nach dem Prinzip der direkten Wahl zu erwählenden verfassunggebenden Versammlung verlangt."
Diese den Offenburger Beschlüssen nachgebildete Forderung, wonach der Herzog zu einem revolutionären Umsturz der bestehenden Landesverfassung veranlaßt, und natürlich gezwungen werden sollte, haben die bezeichneten Herren zur Ausführung zu bringen übernommen, und verletzen daher auf das Löblichste ,hr Mandat, wenn sie mit der bestehenden Versamm- tung welche nach den Ansichten des Idsteiner Landeskongresses und des Landesausschusses das Land nicht repräsentiren darf, noch fernere Berathungen pflegen. Wir hoffen, daß sie sich als Banner von Wort zeigen, und da nun einmal der fatale Aus> gang der Revolutionen in Baden und in der Rheinpfalz die Umwälzung im Herzoglhum und die Einberufung einer Konstituante unmöglich gemacht hat, ihren übernommenen Auftrag wenigstens so wett es geht, also doch negativ ausführen, dem- nach slch an den Berathungen einer so mißachteten, der sofort!»
dcselngung für werth erachteten Versammlung nicht ferner heiligen. Ist man einmal so weit gegangen, die Durchfüh
rung des achten Beschlusses des Idsteiner Landeskongresses zu übernehmen, und ist man in der Vollziehung des Mandats nicht glücklich gewesen, so gehört doch wahrlich nicht viel dazu, um einzuseheu, daß man sich neben seine Kollegen von der Majorität, welche das erforderliche Vertrauen des Volkes nicht genießen (!?), nicht setzen kann, als wenn gar Nichts vorge- fallcnwäre I —
Deutschland.
Q Wiesbaden, 19. Juli. Da die hier in Wiesbaden erscheinenden Zeitungen die gestern in der Kammer unserer Ab, geordneten vorgekommene Verhandlung über die Behandlung der Versaffungsfrage nur oberflächlich berühien, diese Verhand- lung aber ein Stundenzeiger an der Uhr unserer Volksvertreter ist, so wollen wir hier zum Nutz und Frommen unseres Nassauer Volkes etwas von der Verhandlung erzählen, wie wir eS gehört haben und zwar mit unseren eigenen Ohren.
Herr Wirth wollte als Vorsitzender auf die nächste Tagesordnung die Organisation der höheren Verwaltungsstellen brin- gen. Hiergegen stellte Herr Braun den Antrag, die Berathung dieses Gegenstandes auszusetzen und die der Verfassung an diese Stelle zu nehmen. Er suchte dieses mit mancherlei Gründen zu stützen, die er aus aller Herren Länder zusammen gelesen hatte. Diesem Anträge ließ der Herr Minister- Präsident seine Ansicht folgen und erklärte, die Sache sey für ihn, der noch nicht Zeit gehabt habe, sich mit diesem Gegenstände zu beschäftigen, nicht reif; man sey z. B. nicht einig, ob eine Kammer, oder zwei, und über das Wahlgesetz habe die Regierung noch keinen Entschluß. Ihn suchte der Abg^ Lang zu widerlegen, was ihm nach unserer Ansicht nicht gelungen ist. Die Abgeordneten Fresenius und Keim sprachen gegen den Braun'schen Antrag; jener zeigte, daß man die beste Zeit zum Verfassungswerk habe ungenützt vergehen lassen, und daß jetzt, wo die Verhältnisse schwankend seyen, die rechte Zeit dazu nicht sey; dieser verlangte naturgemäßen Fortbau.in dem Staatsorganismus und keine Sprünge, gebrauchte daS Bild vom Bau eines Hauses, und verglich die Verfassung mit dem Dache, welches den ganzen Bau beschützt. Er beantragte auch den Schluß der Verhandlung, welcher jedoch nicht angenommen wurde. In der Fortsetzung der Verhandlung sprach besonders Herr Braun gegen die Herren Keim und Fresenius, welche er auf eine unpassende Weise zu persifliren suchte. Herr Braun erlaubte sich sogar die Aeußerung, Herr Keim habe den Schluß nur deßhalb beantragt, damit er (Braun) ihm nicht antworten könne. Auf dem Platze, wo der Schreiber saß, er# röthetcn die Zuhörer über diese Art palamenlarischer Debatten und glaubten, daß Herr Braun dem Herrn Keim unmöglich ins Herz sehen könne, da er ihm nicht einmal ins Gesicht sehen konnte. Gleich darauf wurde abgestimmt und Braun's Antrag bei Namensaufruf mit 22 gegen 16 Stimmen verworfen, die Tagesordnung, wie Herr Wirth sie vorgeschlagen, aber angenommen.
Da zog plötzlich Herr Braun ein Papier hervor und verlas eine vorher abgefaßte und von den 16 der Minorität