Nassauische
Allgemeine Zeitung.
Ji 17L Samstag den 21 Juli 18419»
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prânume- rativnspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fL 1O fr. — Jnserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die Aristokratie des Genius.
Deutschland. Wiesbaden (Landtag). — Höchst (Die Kreisbezirksrathswahlen). — Mainz (Dr. Zitz).— Frankfurt (Korrespondenz des ReichskriegSministerS mit dem Prinzen von Preußen). — Bad en- Baden und Kuppenheim (Die Belagerung von Rastatt). — München (Die Nürnberger Bürgerwehr). — Berlin (Der Waffenstillstand. Wahlagitation. Bakunin. Die Einverleibung der hohenzollerschen Fürstenthümer). — Sw innemünde (Fünf Küstenfahrer von den Dänen gekapert.) — W ien (Vom ungarischen Kriegsschauplätze).
Nachschrift.
* Die Aristokratie des Genins.
Sie möchten gern große Männer verehren, Wenn diese nur auch zugleich Lumpen wären.
G or tff c.
In den Fürbitten fast der gestimmten deutschen Presse für den unglücklichen Dichter Kinkel liegt ein bedeutsames Moment, ein Moment, welches man leider seit einem ganzen Jahre ignorirt und dadurch nicht wenig zum Mißlingen der deutschen Bewegung bei, getragen hat: ich meine die Anerkennung der Aristokratie des Genius. Oder warum erhoben sich für den Einen Mann tausende von Stimmen und für so viele vielleicht weil mehr entschuldbare Unglücksgenossen keine einzige? Es ist der Respekt vor der Aristokratie des Genius, derselbe Respekt, um deßwillen man in den Revolutionsstürmen der neunziger Jahre dem zum Tode verurtheilten Neapolitaner Paisiello den Kopf nicht abschlug, weil er — so schöne Opern komponirt hatte.
Im vergangenen Jahre, wo man alles Hervorragende wegzurasiren trachtete, hat man auch den aristokratischen Stolz des geweihten, des als Autorität anerkannten Talentes ge, flissentlich mit Füßen getreten. Man hat vergessen, daß der Kultus des Genius im tiefsten Wesen der deutschen Nation wurzelt, daß der Deutsche von HauS aus autoritätsgläubig ist, daß der glitzernde Tagesruhm eines Simon und Raveaur ihm die Namen der Großmeister deutschen Wissens, deutscher Poesie und Kunst nicht aufwiegen kann. Indem man dieser Aristokratie des Genius mit Absicht entgegentrat, wurden zugleich die Koryphäen der höheren Bildung und feineren Gesittung, welche vordem nicht wenig dazu beigetragen, die Bewegung einzuleiten, zu Gegnern der Revolution umgewandelt. Es werden wenig Künstler aufzuzählen seyn, die sich gleich Kinkel auf die Barrikade gestellt, fast alle Männer, deren Namen eine künstlerische oder wissenschaftliche Autorität ist, traten auf die konservative Seite. Man brachte Toaste aus auf die „Namenlosen" und vergaß, daß die Namenlosen noch niemals die Weltgeschichte gemacht haben, d.ß sie vielmehr den Impulsen der „Namhaften" folgen, und daß, wenn ein Menschengeschlecht dahin gegangen ist, Die Geschichte ihre Epoche nach den Aristokraten des Genius benennt, nicht nach der namenlosen Masse, welche diesen gefolgt war. Die Reaktion gegen die gefeierten Namen der höheren Gesittung hatte anfangs manche Berechtigung, denn wir waren vor der Märzrevolution
etwas zu weit gegangen in dem Kultus deS künstlerischen Genius, und etwas allzu ästhetisch geworden. Deßwegen war aber doch die Zumuthung etwas zu stark, daß der höhere Gebildete von nun an ausschließlich von lauter Pumpernickel leben sollte.
Die deutsche Nation, welche sich ja so gern eine Nation von Denkern und Künstlern nennen hört, hätte es nicht vergessen dürfen, daß wenn sie eine wirkliche und nachhaltig wirkende Revolution machen will, dies eben auch eine Revolution der Denker und Künstler seyn muß. Sie hätte es nicht übersehen sollen, daß, wenn man auch jegliche Art von Aristokratie wegwischt, doch die Aristokratie des Geistes ewig bleibt , nämlich die Herrschaft des Genialen über den Flachkopf, des Ge- scheidten über den Dummen. Die Masse als solche ist niemals gescheidt, sie wird es erst, wenn sie einen gescheidten Führer hat. An die Führer muß man sich halten; denn die Führer sind der Geist, der die Massen belebt. Wie wollte man nun die ganze höher gebildete Schicht der Gesellschaft dauernd auf die Seite der Revolution bringen, wenn man es mit den Männern verdarb, die bei diesen Kreisen im höchsten Ansehen stehen? Das eben war die Verblendung jener Parvenüs der Revolution, die jetzt in der Schweiz Muße zum Nachdenken haben, daß sie glaubten, ihr Ruhm, den sie täglich beim Schoppenglase verkünden hörten, überstrahle weit jene Namen der Kunst und Wissenschaft, die sich aus dem Getümmel zurückgezogen hatten, aber doch noch immer in stillem Kultus von viel Tausend Gebildeten verehrt wurden.
Wir erblicken in der allgemeinen Fürbitte für ein so seltenes Talent wie Kinkel, der trotz seiner Blousen-Demokratie doch ein Aristokrat des Geistes ist und bleiben wird, die laut ausgesprochene Anerkennung der obigen Sätze, und wenn die gegenwärtigen Machthaber jene dem deutschen Volke tief eingewurzelte Verehrung für die Aristokratie des Genius übersehen würden, dann verfielen sie ganz in denselben Fehler wie wei- land die Demokraten. Denn was dem Franzosen der äußere Ruhm, das ist dem Deutschen der stille Kultus geistiger Be- deutsamkeit, und wer ihn an diesem Flecke antastet,' der hat ihn n tiefster Seele verletzt.
Deutschland.
§ Wiesbaden, 19. Juli. Die Debatten der letzten Kammersitzung gewährten noch manches Interessante. Als am Schluß derselben der Präsident für die nächste Tagesordnung die Zentralverwaltung verkündet hatte, stellte Braun NamenS seiner Partei den Antrag, daß sie die Verfassungsfrage zuerst erledigt wissen wollten. — Ueber die Nothwendigkeit jur Vornahme der Zentralverwaltung waren in der Ausjchuß- sitzung die triftigsten Gründe geltend gemacht worven, doch vergeblich, Herr Braun fand'sich gemüssigt, die Sache noch einmal in der öffentlichen Sitzung recht breit zu treten. — Nichts half die Versicherung des Präsiventen Wintzingerode, daß durch seinen erst kürzlich erfolgten Eintritt ins Ministerium er bis jetzt noch gar nicht in der Lage gewesen sey, sich mit dieser