Nassauische Allgemeine Zeitung.
M 165» Samstag den LL Juli 18419»
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und KurfürstentkumS Hessen, der Laudgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Berwaltungsgebietes 8 fl. lu kr. — Jnsera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die Russen in Oesterreich.
Deutschland. Dillenburg (Die Pensionirungen und DiensteSentlas- sungen). — Karlsruhe (Die Belagerung von Rastatt). — E g l i s au und Schaffhausen (Die letzten Reste der badischen Jnsurektionstruppen).
— Wien (Das Lager bei Komorn. Vom Kriegsschauplätze in Ungarn). Ungarn. Hauptquartier Igmand (Die gegenwärtige Unthâtigkeit der russisch-österreichischen Armee).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Italien. Treviso (Die Belagerung von Venedig).
Nachschrift.
K Die Russen in Oesterreich.
Obgleich wir eS im Allgemeinen für ein Glück halten, daß die Russen in Ungarn ihre volle Beschäftigung erhalten und dadurch von einem unmittelbaren, entscheidenden Eingreifen in die Angelegenheiten Deutschlands abgehalten werden, so wollen wir doch auf die ungeheuere Gefahr aufmerksam machen, welche Oesterreich und Deutschland durch diese nachbarliche Hilfe laufett, durch deren Herbeiziehung, statt deutscher Heere, das Ministerium Schwarzenberg den Gang der österreichischen Geschichte vollkommen verkannt hat. Wir entnehmen das Folgende aus Gustav Höfken's 1842 erschienener Schrift „Erweiterung des deutschen Handels und Einflusses" S. 42—46.
Während des Zeitraums, da Deutschlands äußere Macht abnahm, entwickelte Rußland die seinige und dehnte sie bis hart an unsere Marken aus; was um so gefährlicher erscheint, als eS von vorne herein einen, dem deutschen Entwicklungsgänge schnurstracks entgegengesetzten eingeschlagen hat; es trachtet nur nach äußerer Macht und ist seiner ganzen Anlage nach erobernd. Schon hat Rußland dem deutschen Einflüsse Kurland, Liefland, Esthland, Finnland entrissen, die weiten Länder des alten Polens verschlungen, schon ist es bis an die Donau vorgedrungen, schon drückt es auf alle unsere östlichen Provinzen mit unerträglicher Wucht. Es ist in der neuesten Zeit um mehr als 150 Meilen näher auf Wien und Berlin losgcrückt und hat in dem vorgeschobenen Polen von den litthauischen Sümpfen an auf Deutschland zu großartige Festungswerke errichtet, welche das Land im Zaum halten und Preußen und Oesterreich wie mittelst eines mächtigen Ringels trennen.
Prcußen's wichtige Ostseeprovinzen schweben durch die Stellung Rußlands an der Weichsel und die russische Seemacht auf der Ostsee wie in der Luft. — Alle verwundbarsten Seiten Oesterreichs liegen den Russen offen da. Seit den beiden Pariser Frieden ist Oesterreichs schwächste Gränze und größte Gefahr von Bielitz bis zur Bukowina, wo noch unter Maria Theresia seine größte Sicherheit war, welche große Herrscherin wie in Ahnung der Zukunft vor Anbeginn des siebenjährigen Kriegs einen vertraulichen StaatSbrief an die russische Kaiserin Elisabeth unterzeichnete: „Meiner allerliebsten
Frauen Schwester aller,getreueste Freundin, aber mit meinem Willen niemals Nachbarin, Maria Theresia."
Niemandem ist jene Politik (Rußlands) ein Geheimniß, welche sich bemüht, unter uns Deutschen schwächende Spaltung zu bewirken und der Entwickelung unserer Macht Fesseln zu bereiten, welche nicht ansteht, ein Bündniß mit Frankreich ge, gen uns auszubeuten, ihr Gelüste auf preußische Provinzen schon vor 1807 verrieth, wo sie nicht verschmähte, den eigenen Bundesgenossen zu berauben und schon die geübten Finger nach Böhmen bis ins Herz von Deutschland aiisstreckte, welche uns und unsere Salons mit Blumen und Liebkosung überschüttet, und unsern Fürsten die Hand küßt, daß wir nur die erste Pflicht — die Pflicht der Selbsterhaltung vergessen sollen. Lei« der haben sich sogar teutsche Zeitungen dazu hergegeben, die Ungereimtheit aufzustellen, Oesterreich sey kein deutscher Staat mehr, sondern ein slavischer, und wir hätten nur noch Untergrabung unserer Freiheiten von ihm zu erwarten. Aber daS fremde dunkle Getriebe mahnt uns nur um-so dringender an die Nothwendigkeit festen Zusammenhaltens, denn nur getrennt haben Deutschland und Oesterreich keine Sicherheit mehr. Hätte Preußen, wäre Oesterreich slavisch, wirklich noch eine sichere Eristenz?
Nicht einmal die Oderlinie könnte es behaupten, Schlesien wäre zwischen slavischen Staaten wie eine Schraube in der Mutter eingeklemmt, Rußland würde die ersehnten Ostseeprovinzen und Posen, daS slavische Oesterreich aber Schlesien nnb Lausitz an sich nehmen, Preußen wieder durch kleine deutsche Staaten entschädigt werden, und Frankreich würde zu seinem Beuteantheil mindestens die Rheingrenze fordern. Eine Zerrupfung des Gesammtvaterlandes, eine Riedertrelung der heiligsten Rechte, M ed iat isiru n g der meisten deutschen Fürsten, Schmach und Elend, das wären die Folgen einer Entfremdung Oesterreichs von Deutschland, Oesterreichs, das schon seit einem Jahrtausend des Reiches Schutz und Schirm nach Osten und Süden gebildet hat, und durch Abstammung, Bildung und Interessen eins mit uns ist.
Deutschland.
□ Dillenburg, 11. Juli. Wie es scheint, suchen diejenigen StaatSdiener, welchen durch die stattgehabte Pensionirung oder Entlassung endlich ganz freie Muße zur Betreibung ihrer well« beglückenden Plane verschafft worden ist, dadurch sich geltend zu machen, daß sie Adressen an das Ministerium von Seiten einzelner Urwähler oder Wahlmänner ihres Bezirkes veranlassen. Dem Bernehmen nach soll dahier eine solche Adresse zu Gunsten deS pensionirten Präsidenten Raht präparirt worden seyn. Ebenso lesen wir in Rum. 162 der Freien Zeitung eine solche Adresse zu Gunsten des entlassenen Amtsakzessisten Müller, worin auseinandergesetzt ist, daß, da daS Wahlgesetz vom 5. April 1848, um den Staatsdienern die Theilnahme an dem staatsbürgerlichen Rechte der landständischen Repräsentation möglich zu machen, die Verweigerung deS Urlaubs an gewählte StaatSdiener untersage, um so mehr der StaatSregierung daS