Nassauische
gemeine Zeitung
M 135
Dienstag den S Juli
18419
Uebersicht.
Allgemeine VolkSwehr.
Ein Blick auf das Wirke» unserer Volksschule.
Deutschland. Aus dem Amt Runkel (Rechte und Pflichten). —
Philippsburg (Die rächende Nemesis). — Karlsruhe hDie Kriegs-
Operationen). — Freiburg (Die provisorische Regierung). — Stuttgart (Landtag).— Gotha (Die Organisation der Partei). — Br es lau
(Der russische Gesandte am preußischen Hofe).
Ungarn. Preßburg (Der Sieg an der Waag. Einnahme von Raab). Nachschrift.
** Allgemeine Volkswehr
Vom Westerwalde. Allgemeine Volksbewaffnung war bei der Märzbewegung v. I. eine Hauptforderung, welche an die bestürzten Regierungen gestellt und bereitwillig gewährt wurde. Es halte die ganze deutsche Nation auf einmal ein kriegerischer Geist ergriffen, und man war der festen Ueberzeugung, daß die Wehrhaftigkeit des Volkes das beste Mittel sey, der Nation nach Außen Ansehen zu verschaffen und die errungenen Freiheiten im Innern nachdrücklich zu schirmen. Wie so Vieles. bei der Einführung in's Leben eine ganz andere Gestalt annimmt, als die theoretische Berechnung nachweist, so erging es auch mit der Volkswehr. Kaum ist ein Jahr verflossen und diese große Errungenschaft hat für die übergroße Mehrheit deö Volkes nicht allein keinen Reiz mehr, sondern sie wird von den meisten Wehrmäunern und deren Familien als eine wahre Last angesehen, der man sich mit einem unverkennbaren Widerwillen unterwirft.
Diese Wendung der Ansicht von einem Institute, das unter anderen Umständen Großes leisten könnte, hat zwei Hauptursachen, wovon die eine materieller und die andere geistiger 1 Natur ist. Die materielle Ursache zerfällt in die Schwierigkei- , len, welche ans finanziellen Gründen einer angemessenen Äus-
[ rüstung im Wege standen, die weder aus den Privatbeuteln,
— noch aus dem StaatS,eckel bestritten werben konnte — und in — die Hindernisse, welche einer zweckmäßigen Organisation, wodurch die Volkswehr ein geregelter Truppenkörper hätte werden müssen, wenn sie den gehegten Erwartungen entsprechen sollte, entgegen waren. Die materielle Seite schlage ich indessen nicht I so hoch an, wenn dadurch der Zweck hätte erreicht werden können, denn die Schwierigkeiten ter Bewaffnung und Organifa- — hon waren wohl noch zu besiegen, wenn die zweite Hauptur- tei ln^^. die geistige, nicht gleich von vornherein die lebenskräftige, l^âge Entwickelung des Instituts verkümmert hätte. Sie ist der schroffe Parteigeist, der gleich nach der Märzbewegung, die I seid st noch einen einheitlichen, edlen Charakter hatte, wie ein >vser Damon in die Gemüther fuhr und Deutschland in zwei kindliche Heerlager theilte, wovon das eine nur geben —' sollte und das andere blos nehmen wollte. Dieser emdselige Geist, der unsere Einigkeit und damit unsere Einheit
vereitelte, trat in Stadt und Dorf und sogar in den Familien und zwischen den besten Freunden auf, daß sie einander nicht mehr kannten und in wilder Verblendung anfeindeten. Wie konnte da an ein einmüthiges Zusammenwirken der Bürgerwehr, die, in Ermangelung aller strengeren Disziplin, nur ein hoher, sittlicher Zweck zusammenzuhalten vermag, nur gedacht werden.^ Sie blieb deshalb auch bei allem Eifer, den viele Wehrmänner aus verschiedenen Absichten kunv gaben, nur eine Spielerei, die namentlich dem Wohlstände der arbeitenden Klas, sen gefährlich wurde, aber keinerlei gesunde Keime zur Aufrechthaltung der gesetzlichen Ordnung im Innern oder gar zur Brauchbarkeit gegen einen äußern Feind gezeigt hätte. Wohl aber hat die allgemeine Volksbewaffnung bisher in den Händen der Demagogie ein Werkzeug abgegeben, unseren inneren Frieden zu stören, und die traurige Nothwendigkeit hervorge, rufen, die regelmäßige bewaffnete Macht gegen dieselbe in die Schranken zu rufen und zum größten Nachtheile der Staats- kräfte viel weiter, als es in einem^mderen Falle nöthig geworden wäre, zu vermehren; ganz abgesehen davon, daß dadurch unsere Aussichten auf Erreichung des möglichsten Grades gesetzlicher Freiheit und nationalen Fortschritts merklich getrübt und in die Ferne gerückt worden sind.
Wie eS bei uns in Naffau mit der Bürgerwehr gegangen, brauche ich wohl kaum zu sagen. Das erste Wehrgesetz ist vollständig abgenützt und wie eS dem zweiten gehen wird, steht mchl schwer zu errathen, da es — obwohl eine stärkere Disziplin anstrebend und mehr organischen Zusammenhang zeigend — doch noch keineswegs geeignet erscheint, der VolkSwehr eine dauerhafte Form zu geben und die Zwecke zu sichern, welche mit dem Institute nothwendig verbunden seyn müssen.
Eine haltbare und die Interessen des staatlichen Fortschritts garantirende Einrichtung kann nur aus dem Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht abgeleitet werden, wie sie in Preußen in der Landwehr besteht. Nach diesem Prinzip muß jeder taugliche Staatsbürger sich einige Zeit der regulären Mililär- Pflicht unterwerfen und wird dann ein Wehrmann, der in der militärischen Disziplin geübt, zu jeder Zeit geschickt ist, wieder in einen regelmäßigen Truppenkörper einzutreten. Wird bei uns eine Landwehr der Art aus gewissen Altersklassen der ge, dienten Leute und tauglichen Freiwilligen, oder auch aller vollkommen Dienstfähigen bis zu einem Alter, wo geregelte militärische Hebung noch guten Erfolg verspricht, gebildet, so läßt sich erwarten, daß etwas Brauchbares zu Stande komme — sonst aber nicht.
Durch die bei uns sich fortwährend wiederholenden halben Maßregeln kommen wir nie zu einem festen Abschluß und cs werden der Eifer und die Kräfte des Volkes ohne allen Zweck vergeudet.
Fahren wir mit unserer ganzen Gesetzgebung so fort, wie wir seit einem Jahre angefangen, so wird bald kein Mensch vor lauter Gesetzen mehr wissen, woran er ist und wie er sich verhalten soll. Das ist ein Fluch unserer Zeit, daß man glaubt, durch eine Masse neuer Gesetze liegen sich unsere veralteten Zustände aus einmal umformen; während alle Treu und Glau- den zerrüttet und Jeder nur gemeint ist, diese Gesetze für Andere bindend zu halten, sich selbst aber davon ausnimmt.