Heiligenschein verdienen wolle, in Debreczin liefen eine Menge ausgezeichneter Hochverrâther herum; man prozesstre und verhöre Zeugen, ob Földvary nicht betrunken gewesen sey, als er Essegg verrieth, ob es nicht Reiselust gewesen, wenn Helassy sich mit der Kasse aus Komorn entfernte; man werde darüber gewissenhafte Untersuchung führen, wie bei Pazmandy'S Prozeß, der bis Januar den Präsidentenstuhl inne hatte und in Pesth mit den Kaiserlichen fraternisirte. Und wenn ihre Schuld klar wäre, wie der Tag, würde man sie auS lauter Menschlichkeit bis zu ihrem seligen Ende mit Mandelmilch und Pom» ranzen füttern. In Frankreich habe man verdiente Generale guillotinirt, in Ungarn erhielten Ungeschickte Titel und Würde. In Frankreich habe es blos eines Verdachtes bedurft, um den Richterspruch zu fällen, und mit Recht, denn die Revolution verlangt gewaltigere Maßregeln, als der laue Frieden. Wären im Oktober 500 Köpfe gefallen, es lebten heute vielleicht 5000 edle Bürger mehr! Das Volk sey kein Futter für die Groß- muth der Regierenden, diese hätten kein Recht, sich »Qm Gefühl bestimmen zu lassen, sie dürften nur für das Bedürfniß des Volkes handeln." Man sieht, an Rothen fehlt es in Ungarn nicht.
DaS Repräsentantenhaus hat Kossuth als Regierungspräsidenten jährlich 200,000 fl. C. M. ausgesetzt. Auch darüber und überhaupt über die „Finanzwirthschaft" beschwert sich die sansculottische Opposition. „Und warum die Regierung die Kriegsberichte verschweige? Ob die Russen angreifen würden? Im Süden an der Donau seyen Schlachten verloren worden, Perczel habe eine Niederlage erlitten, ob man fortwährend ignoriren wolle? Warum die Regierung alle Stellen mit Adeligen besetze? Diese Ra?e sey unverbesserlich und müsse ausgerottct werden, das Ministerium aber endlich aufhören, sich an die Tabla biros zu klammern."
Auch gegen die Religion wird losgezogen. „Man solle alle geistlichen Güter einziehen und, wenn die Geistlichen stürben, keine neuen anstellen und vom Staate besolden, denn sie seyen unnöthig. Jede Religionögesellschaft möge ihre Bischöfe bezahlen, wenn sie Lust habe." Der Kultusminister hat die Mischehen zwischen Christen und Juden unter der Bedingung gestattet, daß die Kinder christlich erzogen werden. „Der 14. April" fragt höhnisch: „will uns der Hr. Minister etwa glauben machen, unsere revolutionär-demokratische Republik sey eine apostolische?"
Preßburg. Kossuth weilte einen Tag in Raab und kehrte dann nach Pesth-Ofen zurück. In der Festung Ofen besuchte er Hentzi's Grab, und als einer aus seiner Begleitung mit den Worten auf den Grabeshügel wies: „Hier liegt der Mann!" entgegnete Kossuth: „Hier liegt der Ehrenmann."
Neusatzer Flüchtlinge erzählen in Belgrad von den Gräueln, welche die Magyaren verübt haben. Während des Rückzugs durch die Stadt zündeten sie Häuser an und ermordeten mehrere Familien. Viele Einwohner, die in ihren Kellern Schutz suchten, sind größtentheils erstickt von Dampf und Rauch gefunden worden. Keine bombardirte Stadt soll jemals so schreck, lich ausgesehen haben, als Neusatz jetzt. An manchen Stellen sieht man vor lauter Schutt nicht, wo die Gasse gewesen, und cs, dürfte gar nicht zu verwundern seyn, wenn die Hauseigenthümer, wenn sie dereinst zurückkehren, nicht angeben könnten, auf welchem Fleck ihre Häuser gestanden.
China.
Wichtig sind die Nachrichten aus China. Der Kaiser hatte, im Namen des Volkes von Canton, den ganzen Vertrag vom 6. April 1847, welcher die Eröffnung der Stadt Canton an demselben Monatstag 1849 versprach, für null und nichtig erklärt. Sofort hatten die Chinesen umfassende Vertheidigungsanstalten getroffen, um den Zugang zu ihrer Stadt den Engländern zu verschließen und Batterieen zu beiden Sei- j ten der Bocca Tigris errichtet , in Canton selbst Barrikaden j gebaut — vielleicht unter Anleitung eines Pariser Professors,— Gefäße mit heißem Wasser auf die Dächer ihrer Häuser ge-' schleppt u. s. w., um die tiefverhaßten Fremdlinge gebührend zu empfangen. Die Engländer hatten bis zum 24. April noch! nichts Feindseliges gegen die widerspänstige Stadt unternom
men, sondern sich auf Remonstrationen, Berufungen auf den Vertrag und Drohungen beschränkt, die aber nichts fruchteten. Dr. Bowring, der neue britische Konsul für Kanton, hatte Mitte Aprils seine Wohnung in den Faktoreien bezogen; er wurde chinesischer Seits ohne die vertragsmäßig bedungenen Ehren empfangen, wonach ein englischer Konsul den Rang eines Mandarinen einnimmt. Ein chinesischer Kaufmann in Kanton, der durch Eingehung eines bezüglichen Handelsvertrags mit England den Traktat von 1847' implizit anerkannt, war von Gerichts wegen todt geprügelt worden. So dürfte die nächste Post wohl die Nachricht von einem neuen Angriff der Engländer auf Canton bringen. (A. Z.)
Nachschrift.
Mannheim, 28. Juni. Das hiesige Journal schreibt: Hierselbst herrscht vollständige Ruhe; was uns von Karlsruhe bekannt wurde, beschränkt sich auf Gerüchte, deren Bürgschaft wir nicht übernehmen wollen. Nach diesen Gerüchten sèy die Festung Rastatt bereits in den Händen der Preußen; in Offenburg, das von würtembergischen Truppen besetzt, seyen die meisten Mitglieder der provisorischen Landesregierung angehalten und gefangen genommen worden. So viel ist sicher^ daß die Brücke bei Kehl französischer Seits auf's schärfste bewacht und Niemand hinüber gelassen wird, der sich nicht gehörig le- gitimiren kann.
Koblenz, 27. Juni. (O.-P.-A.-Z.) Wie wir aus bester Quelle versichert worden, ist am vorgestrigen Nachmittag die Herzogin von Orleans in Begleitung ihrer beiden Äöhne mit dem Dampfboote auf der Reise nach England hier vorbeigefahren.
Die Kriegszufuhren zu der Armee im Oberlande werden immer umfangreicher; außer der Kriegskaffe des 8. ging auch die des 3. Armeekorps, sowie ein ganzes Feldpostpersonal mit eignen Feldschirrmeistern und Postillonen vor einigen Tagen dahin ab und an den beiden letzten Tagen marschirten drei vollständige Munitionskolonnen der 7. Artillcriebrigade mit einigen 70 schwer beladenen Munitionswagen und 400 Pferden hier durch nach Baden, während eine gleiche Anzahl von der 3. Artilleriebri- gade den Weg über Eisenach rc. dahin zieht. Von hier aus sollten die Kolonnen gestern auf's schleunigste mittelst Dampfbooten nach Mannheim befördert werden, was jedoch wegen der großen Anzahl von Wagen, Mannschaften und Pferden nicht zu be, werkstelligen war. — An die hiesige FestungSkommandan, tur ist der Befehl gekommen, sofort alle visponibeln verschließbaren Räume zur Aufnahme von Gefangenen einrichten zu lassen.
Preßburg, 22. Juni. Bei der Rasirung der Ofener Festungswerke wurde ein, wahrscheinlich in den Türkenkriegen gebauter, ganz gut erhaltener unterirdischer Gang gefunden, welcher in der Nähe der neuen Kettenbrücke einmündet und durch den gedeckt man von Ofen nach Pesth gelangen kann. Viele Menschenleben hätten geschont, viele die jetzt in Gefangenschaft schmachten, gerettet werden können, wenn die tapfere kaiserliche Besatzung von diesem unterirdischen Gewölbe Kenntniß gehabt hätte; was der Fall gewesen wäre, wenn militärische Rapporte mit jener Genauigkeit, die Gegenstände höchster Wichtigkeit verdienen, für spätere Jahrhunderte aufbewahrt würden.
Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riehl.
In der L. Schellenberg'schen Hofbuchhandlung in Wiesbaden ist vorrâthig:
Neuer Plan der Stadt Wiesbaden mit Nandansich-
ten der vorzüglichsten Gebäude der Stadt. Preis 1 fl.
Die erste Ausgabe des politischen Blattes wird an jedem Werktage Nachmittags um 3 Uhr, ausgegeben oder kann im Expeditionslokale abgeholt werden.
Die Expedition der Naß. Mg. Leitung.
Druck und Verlag der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.