Nassauische
Allgemeine Zeitung.
JIS ISO Mittwoch den 27. Juni
1849.
gö-50 Wir sehen uns in Stand gesetzt vom 1. Juli d. I. an den vierteljährlichen Pränumerationspreis unseres Blattes für den Umfang des Herzogtums Nassau, der hessischen Länder und der freien Stadt Frankfurt in der Weise zu ermäßigen, daß die Zeitung einschließlich des Postaufschlags im bezeichneten Bezirke von nun an zu demselben Preise abgegeben wird, wie in Wiesbaden, nämlich zu 2 fl. für das Vierteljahr, und in den übrigen Ländern des Thurn- und Taxis'schen Verwaltungsbezirkes zu 2 fl. 10 fr.
Beim Herannahen des neuen Quartals bitten wir die Bestellungen auf unsere Zeitung möglichst frühzeitig machen zu wollen, damit wir im Stande sind, von vornherein vollständige Exemplare zu liefern.
Die Expedition der Naß. Allg. Rettung.
Uebersicht.
Der neue deutsche Reichstag.
Deutschland. Wiesbaden (Die Verwahrung des Präsidenten Naht).
— Frankfurt (Der Verlust der Preußen bei Philippsburg).— D arm- stadt (Vom Kriegsschauplätze). — Erbach (Flüchtige Freischärler). — Heidelberg (Standhaftigkeit eines Pfarrers). — Karlsruhe (Sogegenannte Verräther. Messias Hecker). — Rastatt (Ein nassauischer Offizier). — Marburg (Kräftiges Einschreiten der Regierung). — ' Stuttgart (Mit Gut und Blut). — Berlin (Französische Note).
— W i e u (Vereidigung auf die Verfassung. Die Operationen in Ungarn).
Der neue deutsche Reichstag.
Si non possumus, quod volumus; volumus, quod possumus.
4. Vom nördlichen Taunus, 23. Juni. Soll Germania, wie Penelope, ihr Verfassungsgewebe immer auflösen und endlos unter Thränen wieder von Neuem beginnen? Soll das Hoffen und Harren des deutschen Volkes, des geprüftesten und geduldigsten, nun und nimmer eine Befriedigung erhalten? Soll der tief wurzelnde Gedanke deutscher Einheit und Freiheit, der sich seit hundert Jahren immer fester in Wissenschaft unv Kunst zum Ruhme der Ration über Europa hinaus verbreitete, nur Blüthen, keine Früchte treiben? Soll die uralte Stam- meseisersucht und die neue, aber nicht durchgängige ronfej nette Scheidung in Norden und Süden den ausgebrochenen Bürgerkrieg durch politische Zündstoffe verlängern? Soll ein europäisches Binnenland von 40 Mllionen Einwohnern mit roller Spracheinheit, das an drei Meere feine Grenzen erstreckt, dem nahen und fernen Auslande noch weiter zur Schmach und zur Beute werden, als es schon früher und bls- her geschah? — Solche und ähnliche Fragen richtete still und laut jeder Vaterlandsfreund an sich und seine Landesgenosfen, als die hoffnungsreiche Reichsversammlung, nach kaum vollbrachtem Verfassungswerke, zu frühzeitig und wider ihr Mandat, noch vor Abschluß ihres Geschäftes, den Ort ihrer ge- schlißen Thätigkeit verließ und in allerlei wüste Trummer hierhin und dorthin sich zersplitterte. Solche Fragen wieder, holen sich jetzt besorglicher und anhaltender, wo der Oelzweig des Friedens mit dem blutigen Schwerte vertauscht -st- Strebe- punkte genug, in Ollmütz und Berlin, in München und Karls- ruhe, in Frankfurt und Stuttgart, aber nirgends ein sicherer, fester, allgemeiner Haltpunkt des gesuchten Heiles. Die neue Frankfurter Reichsverfassung schwebt, verstanden und unvcr-
standen, auf aller Lippen, lebt in Vieler Herzen, laut und völlig anerkannt von 30 Volksstämmen, im Vereine mit ihren Fürsten, beschworen zum Theil von Volk, Heer und Beamten; aber sie ist den Einen der letzte HoffnungSanker, den Andern ein Stein des Anstoßes, Vielen ein leeres Phantom, noch Andern der Vorwand unreiner Bestrebungen.
Da kommt uns endlich, nach vielfachem Schweigen und allerlei bedauerlichen Verzögerungen, von Berlin ein neuer Entwurf zur Verfassung des deutschen Reiches , aus dem Lande, welches man in Frankfurt zur Spitze des geeinten Vaterlandes erkoren, ohne welches man Deutschland nicht für Deutschland
erkannt hatte.
Man hatte zwar in der Reichsversammlung von mancher Seite die Erinnerung vergessen, die man doch deutlich genug zu Köln im Sommer 1848 vernahm, daß es noch Fürsten in Deutschland gebe und daß zu Berlin deren Einer wohne; aber man hatte doch endlich mit Weil und Obgleich zur erblichen Wahl des mächtigen Erinnerers sich vereint und entschlossen. Hoffnungsvoll überbrachte man das theure, schwer errungene Geschenk; aber es wurde, nach manchem Zweifel, ob Annehmen oder Ablehnen, nicht für annehmbar erklärt, mochte der glänzende neue Reichsapfel irgendwo wurmstichig scheinen, oder die Hände der Ueberbringer nicht rein genug und vollberechtigt. Der längeren Rede kurzer Sinn war der bekannte Virgilische Vers: Quidquid it est, timeo Danaos, et dona ferentes. (Was es auch sey, ich fürchte die Danaer, selbst wenn Gaben sie bringen.)
Jetzt hat uns die Hand des damals von uns vergeblich Gewählten, aber nunmehr selbstständig Begehrenden und Entgegenkommenden, von Berlin ein Gegengeschenk gesendet. An uns ist eS nun uns zu erklären. Annehmen oder Ablehnen, das ist jetzt die Frage. — Doch nein; „eS gibt ein Drittes!" Auch wir hätten gewünscht, früher zu Berlin, wenn Schwierigkeiten vorlagen, rückhaltlos „ein Drittes" zu hören. Wir wären damit getröstet nach Frankfurt zurückgekehrt. Die Selbstauslösung der Reichsversammlung hätte vermieden werden können, und statt der Versöhnung der im erbitterten Bruderkriege über den Leichen Gefallenen und über verheerten Gefilden und rauchenden Trümmern, die jetzt angestrebt werden muß, wäre eine offene und friedliche Verständigung aller Theile möglich und wahrscheinlich gewesen. Tu las voulu George Dandin.
Wir wollen nicht richten, am wenigsten vorzeitig und ungehört, sondern uns in das Unvermeidliche fügen, obwohl mit Schmerzen; wir wollen unserem pochenden deutschen Herzen zur Beschwichtigung den Homerischen Vers zurufen: „Duld' eS, mein Herz; denn manches noch Schwerere trugst du schon einstens." Aber während wir das Urtheil dem Weltgerichte der Geschichte überlassen, müssen wir uns doch entschließen, der