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Nassauische Allgemeine Zeitung.

^N 133» Donnerstag den 7. Juni L8LS

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume- rationsvreis ist in Wiesbaden S fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogtbumS und KurfüruenthumS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn-und TariSschen Verwaltungsgebietcs 8 fl. 40 fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellens berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Sollen denn dem Volke niemals die Augen geöffnet werden? Ein Urtheil Radetzky's über die Wirksamkeit der deutschen Nationalversammlung.

Deutschland. Wiesbaden (Landtag). Frankfurt (Die Frank­furter Zeitung als amtsliches Organ des Reichsministeriums. Die Ver­haftung Ficklers). Nürnberg (Ein westfränkisches Armeekorps), Dresden (Truppen). Berlin (Die Eindrücke des VerfaffuiigSent- wurfs). Wien (Vom ungarischen Kriegsschauplätze).

Nachschrift.

Sprechsaal für Stadt und Land.

* * Sollen denn dem Volke niemals die Augen geöffnet werden?

Vom Westerwald. Vergleicht man die wirklichen Be­dürfnisse des Volkes mit Dem, was täglich in den Zeitungen und durch die Volksfreunde dafür ausgegeben wird, so muß man billig darüber erstaunen, wie es möglich seyn kann, daß über dieses ewige unpraktische Gerede keine Ermüdung eintritt und keine Stimme laut wird, die Widersprüche zu beleuchten, die in unserer ganzen Richtung so grell und leicht begreiflich hervortreten. Wir wollen frei werden, und berauben uns täglich mehr der Mittel, dieses zu erlangen. Anstatt daß das Volk in der Wahl seiner Vertreter darauf sehen sollte, seine materielle Wohlfahrt zu verbessern und alte Gebrechen, welche dieses verhindern, gründlich zu heilen, läßt es sich von leerem Phrasengeprassel an der Nase herumführen und schenkt immer mehr sein Vertrauen an Menschen, die ihm unausführbare Versprechungen machen und seinem Souveränetätskitzel schmeicheln. Ich finde es zwar natürlich, daß dieses eine zeillang mit Er­folg geschehen und die gutmüthige Leichtgläubigkeit des Volkes auf diese Art zum eignen Nutzen und Frommen der Schmeich­ler mißbraucht werden kann. Diese krankhafte Richtung ist aber immer noch im Zunehmen begriffen, obgleich die bittersten Erfahrungen für Jeden der sehen will vorUegen, ohne daß das Wolk nach der Wahrheit und dem Möglichen zugänglich ist. Ein wahrer Volksfreund, der eS aufrichtig meint und die Mit- tel zur Volkswohlfahrt in reifliche Erwägung gezogen hat, ist noch immer ein Volksfeind und er würde, wenn er es wa­gen wollte, der herrschenden Richtung entgegen zu treten, nur Unangenehmes zu erfahren haben, da er nach den ewigen Gesetzen, welche die menschliche Gesellschaft regieren, nur den möglichsten Grad der Freiheit in einer weisen Gesetz­lichkeit und damit verbundenen sittlichen Arbeitsfleißes bieten kann. Die Arbeit eines Volkes ist aber allein die Quelle sei­nes körperlichen und geistigen Wohlergehens, und sie führt naturgemäß zur Einigkeit in politischen Dingen. Von dieser aber unfehlbar zur Einheit und dann erst zur Freiheit. Nur ein durch seine Arbeit und die Früchte derselben unabhängiger

Mann kann wahrhaft freisinnig und damit frei seyn, und eS ist eine der verkehrtesten Ansichten unserer Zeit, daß die Früchte eines ehrlichen Erwerbs und wenn sie sich auch massenhaft in einzelnen Händen, in s. g. Geldsäcken anhäufen für das Volk nachtheilig wirken sollten. Es sollte im Gegentheil sich jede Nation glücklich preisen, die eine große Masse von Kapi­talien aufzuweisen hat, da es durch sie nur allein möglich wird, die Arbeit der Nation zu befruchten. Es ist dem deut­schen Volke ein unersetzlicher Verlust, daß wegen dieser ver­kehrten Richtung seit Anfang vorigen Jahres der größte Theil seines nationalen Kapitals brach liegt, d. h. daß die Besitzer desselben gezwungen waren, wegen ungeschützter Verwendung desselben ihre Unternehmungen einzustellen oder auf das Noth­dürftigste zu beschränken. Woraus sollen nun die Mittel fließen, um all die sozialen und politischen Träumereien ju verwirklichen?

Sie werden und können nie eine Wahrheit werden, selbst die möglichen nicht, wenn das Volk nicht zur Einsicht gelangt, daß eS mit dem besitzenden und intelligenten Theile der Nation Hand in Hand gehen muß. Denn in diesem Theile deS Volkes, der aber selten dazu gezählt wird, liegen auf der einen Seite die Mittel, das Volkswohl zu beleben, und auf der anderen Seite auch die Mittel, der falschen Richtung auf lange Zeit mit Erfolg entgegen zu wirken. Findet aber in einer gewissen Zeit keine Vereinigung statt, so versiegen auch die Hülfsmittel der besitzenden Klasse und die Nation geht allgemeiner Verar­mung entgegen, die daS sicherste Grab aller Freiheit ist. In Deutschland wird seit dem März v. I. ein Schauspiel aufge, führt, das in seinen wesentlichsten Momenten sich um die Frage dreht: ob die Interessen des Besitzes oder Nichtbesitzes zur Herrschaft gelangen sollen, und alles Andere ist eitel Gerede, das gar keiner Erwägung werth ist. Der besitzende Theil der Nation hat sich deßhalb auch um eine Regierungsform geschaart, die ihm Dauer und Pflege der nationalen Erwerbsquellen ver­spricht; während der ärmere und besitzlose Theil sein Heil in einer Staatsgestaltung zu finden hofft, die ohne alle Garan- tieen des Bestandes und produktiver Entwickelung, seiner Eitel­keit schmeichelt, und ihm Genugthuung für die angebliche Un­bill verspricht, die ihm die andere Klasse angethan haben fast

Seltsamer Weise halten zu diesem Theile des Volkes viele aus den besitzenden Klassen, die entweder in der Volksgunst sich sonnen wollen, oder von der allgemeinen Verwirrung der Be­griffe mitergriffen sind und in ihrer verblendeten wohlmeinen­den Schwärmerei an ihrem eigenen Untergange arbeiten. Auch halten sich dazu die Jugend auS leicht cinzuführenven und schon ost besprochenen Gründen und eine Menge Gleichgültiger oder Angstmcnschen, die ihre Haut bei der demokratischen Par­tei sicherer glauben, alS in ihrem natürlichen Lager. In diesem wimmelte es aber auch leider von Menschen, die vom Volks­wohl keinen Begriff haben und im wahren Sinne des Wortes faule egoistische Gäuche und ein Gräuel für den Vaterlands­freund sind.

In Nassau wie in andern Theilen Deutschlands hat die­ser Kampf eine für das Volkswohl sehr gefährliche Richtung genommen. Wir sehen in der Zeit, wo die Bewegung noch in ihrem ersten und reinsten Stadium war, eine Volkskammer