Zentralgewalt geschehe, mit Entschiedenheit zu protestrren, und, daß noch gestern Abend ein Kurier mit diesem Beschluße nach J Berlin abgegangen sev. Ich gebe Ihnen diese Nachricht, wie sie mir diesen Vormittag von mehreren Seiten mttgethcilt wurde, ohne sie bis jetzt verbürgen zu können.
Lübeck, 28. Mai. Eine von der „Lübecker Zeitung" mitgetheilte Korrespondenz aus St. Petersburg vom %. d. ist, selbst wenn sie sich nur theilweise bestätigt, zu bedeutend, um ganz mit Stillschweigen übergangen zu werden. Sie lautet: „Die Nacht vom 8. auf den 9. d. war für die höheren Kreise der St. Petersburger Welt eine Schreckensnacht. Ohne Ahnung davon wurden Söhne der angesehensten Familien nächtlich von Polizei und Gensdarmerie überfallen, aus den Armen der Ihrigen gerissen und sind seitdem — verschwunden. Das Gerücht mag die Anzahl der aus die brutalste Weise vorgenommenen Verhaftungen übertreiben, zumal, da es natürlich Niemand wagt, über die Angelegenheiten noch zu sprechen; aber die ängstliche Gewitterschwüle, die seitdem über uns lagert, ist nicht zu ertragen. Als zuverlässig können wir berichten, daß die Anzahl der Verhafteten in St. Petersburg die Zahl 100 überschreite:, Manche geben dieselbe auf 200 und 300 an. Die „Verschwörung," welche dieser Maßregel zu Grunde liegen soll, wird als eine kommunistisch-soziale bezeichnet, jedoch nach den uns zum Theil bekannten Persönlichkeiten, welche von dem Zorne des Selbstherrschers betroffen sind, kann dieselbe nur einen sehr gemäßigt politischen Charakter gehabt haben. Unter den Verhafteten befinden sich namentlich Gardeoffiziere und junge Adelige, welche im Ministerium des Innern und im Departement der Diplomatie angestellt waren.
Berlin, 31. Mai. Die neueste Nummer des „preuß. Staatsanzeigers" verkündet auf Grund des Art. 105 der Ver- faffungsurkunde vom 5. Dezember 1848 das neue Wahlgesetz für die preußischen Kammern und die den Erlaß desselben mo- tivirende Denkschrift des Ministeriums. Nach dem neuen Wahlgesetzentwurf sind die Wahlen indirekt. Jeder selbstständige Preuße, welcher das 24. Lebensjahr vollendet und nicht den Vollbesitz der bürgerlichen Rechte in Fosge rechtskräftigen richterlichen Erkenntnisses verloren hat, ist in der Gemeinde, worin er seit sechs Monaten seinen Wohnsitz oder Aufenthalt hat, stimmberechtigter Urwähler, sofern er nicht aus öffentlichen Mitteln Armenunterstützung erhält. Die Urwähler werden nach Maßgabe der von ihnen zu entrichtenden direkten Staatssteuern (Klassensteuer, Grundsteuer, Gewerbesteuer) in 3 Abtheilungen getheilt, und zwar in der Art, daß auf jede Abtheilung ein Drittheil der Gesammtsumme der Steuerbeträge aller Urwähler fällt. Diese Gesammtsumme wird berechnet: a) gemeindeweise, falls die Gemeinde einen Urwahlbezirk für sich bildet oder in mehrere Urwahlbezirke getheilt ist; b) bezirksweise , falls der Urwahlbezirk aus mehreren Gemeinden zusammengesetzt ist. Die erste Abtheilung besteht aus denjenigen Urwählern, auf welche die höchsten Steuerbeträge bis zum Belaufe eines Drittheils der Gesammtsteuer fallen. Die zweite Abtheilung besteht aus denjenigen Urwählern, auf welche die nächst niedrigeren Steuerbeträge bis zur Gränze des zweiten Drittheils fallen. Die dritte Abtheilung besteht aus den am niedrigsten besteuerten Urwählern, auf welche das dritte Drit- tyeil fällt. In diese Abtheilung gehören auch diejenigen Urwähler, welche keine Steuern zahlen. Jede Abtheilung wählt ein Drittheil der zu wählenden Wahlmänner. Die Wahlmân- ner werden in jeder Abtheilung aus der Zahl der stimmberechtigten Urwähler des Urwahlbezirks ohne Rücksicht auf die Abtheilung gewählt. Zum Abgeordneten ist jeder Preuße wählbar, der das 30. Lebensjahr vollendet, den Vollbesitz der bürgerlichen Rechte in Folge rechtskräftigen richterlichen Erkenntnisses nicht verloren hat und bereits ein Jahr lang dem preußischen Staatsverbande angehört. Die Wahlen der Abgeordneten erfolgen durch Stimmgebung zu Protokoll.
Durch königl. Verordnung vom 30. Mai sind die preußischen Kammern auf den 7. August zusammenbe- rufen. Die Urwähler haben am 17. Juni die Wahlmänner zu wählen.
Wien. (O.-P.-A.-Z.) Es bestätigt sich, daß die k. k. Truppen immer weiter vorgehen, die Magyaren zurückweichen. Unter ihren Reihen scheint Disharmonie zu herrschen. Die Husaren sind nun zur Einsicht gekommen, sie kämpfen nicht mehr für Ferdinand V- Wir haben es vorausgesagt, mit dem
Verschwinden der Krone aus dem Wappen, mit dem Momente, wo die Natursöhne der Republik und den Abfall von ihrem Kaiser inne werden, hat auch ihre Anhänglichkeit an das Regiment Koffuth's ein Ende. Sie reißen haufenweise auS und kehren schwadronenweise nach Hause um; denn im neuen Eibe, den sie schwören sollen, steht nichts vom Kaiser Ferdinand. Kossuth hat sich gezwungen gesehen, mehrere Regimenter nach Debreczin zu verlegen. Auch zwischen den Polen und Magyaren soll Zwietracht herrschen und blutige Händel nichts Seltenes sein. Im Lande zählt die Republik ebenfalls wenig Sympathien.
Ungarn.
In Debreczin trat am 14. Mai in der Hauptkirche die Nationalversammlung zusammen, und Paul Almasy als Präsident des Hauses forderte in einer Rede, in welcher die Volkssouveränetät herausgehoben wurde, den Regierungspräsidenten zur Eidesleistung auf. Als Kossuth geschworen hatte, sprach der Regierungspräsident ein starkes Gelübte aus und ließ durch den Sekretär des Hauses, Stephan Gorove, die Minister beeiden. Der Pefti Hirlap schließt die Beschreibung mit folgenden Worden: Der Feierlichkeit fehlte der Ausbruch der Begeisterung, der sonst bei großen Volksfesten erscheint, aber dafür waren wir ergriffen, was bei Volksfesten fehlt. Wir standen vor Gott, im Hause Gottes, wir brachen nicht in lauten Jubel aus, denn wir beteten für das Vaterland.— In Stuhlweiffenburg ist die Republik proklamirt worden, aber der Pefti Hirlap klagt sehr lüber den gänzlichen Mangel an Begeisterung, mit dem der Akt vorüberging.
Frankreich.
Paris, 30. Mai. Die Ministerkrisis 'nâhert sich ihrem Ende. Diesen Morgen konferirte Falleur lange Zeit im Elysee. Sind wir gut unterrichtet, schreibt die lithographirte Korrespondenz, so erhalten wir ein Ministerium vom reinsten Royalismus, nämlich Bugeaud, Mole, Benoist, Mathieu und Fallour. Die Entschiedenheit, mit der sich in der legislativen Versammlung Rechte und Zentren wie auf einen Wink erhoben, trägt zu diesem Entschlusse nicht wenig bei.
D ä n e m a r k.
Kopenhagen, 27. Mai. Mit der gestrigen Post ist von Berlin die Bestätigung eingelaufen, daß dem General Prittwitz Ordre ertheilt, mit denFeindseligkeiten einzuhalten, und nimmt man an, daß ihm dieselbe am 24. oder 25. d. zugekommen ist.
Nachschrift.
Frankfurt. Die Oberpostamts-Zeitung schreibt: Die rückständigen würtembergischen und badischen Posten sind uns heute auf dem durch die Absperrung der badischen Grenze gebotenen Umwege über Bayern zugegangen. Wie aus den neuesten Nachrichten aus Würtemberg hervorgeht, haben sich die Befürchtungen, welche man auf Grund der Reutlinger Volksversammlung vor dem Ausbruch einer revolutionären Bewegung hatte, nicht verwirklicht; es läßt sich vielmehr mit Gewißheit annehmen, daß das Ministerium Römer, gestützt auf die große Majorität des Volks, nach wie vor jedem erzessiven Andrang einer ungestümen Fraktion mit gewohnter Festigkeit entgegentreten und denselben mit Erfolg bekämpfen wird.
In Baden haben sich die Zustände seit unsern letzten Berichten im Wesentlichen nicht verändert, doch scheint der Wunsch auf eine baldige Erlösung von den gegenwärtigen Verhältnissen in demselben Maße gewachsen zu seyn, als die Aussicht auf eine solche Erlösung näher rückt.
Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riehl.
Druck und Verlag der L. Schellenberg'schen Hof,Buchhandlung in Wiesbaden.