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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

â 127. Donnerstag den Li Mai 18419.

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume« rationspreis ist in Wiesbaden S ft., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Berwaltungsgebietes S fl. 40 fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Sollte die konstitutionelle Monarchie in Deutschland in der That nichts taugen?

Deutschland, Frankfurt (Preußen und die Zentralgewalt). Aus der P falz (Die Anarchie in schönster Blüthe. Die Festung Landau.

Die französische Hülfe). München (Ein neuer Kriegsminister. Das Lager bei Donauwörth). Wien (Gin Sturm auf Ofen abgeschlagen.

Görgeh erkrankt. Kaschau soll von den Rnffen besetzt sehn).

Frankreich. Paris (Die Republik von Rußland anerkannt).

Italien. Rom (Verstärkung des französischen Heeres. Die angebliche

Niederlage der Neapolitaner. Die Befestigung der Stadt).

Nachschrift.

Sprechsaal für Stadt und Land.

*** Sollte die konstitutionelle Monarchie in Deutschland in der That nichts taugen?

Wiesbaden, 28. Mai. Ein vorzüglich geschriebener Ar­tikel in der Beilage zu Nr. 145 der Allgemeinen Zeitungder Konstitutionalismus und der Umsturz in Baden," den wir auch der Aufmerksamkeit der Leser der Nass. Allg. Zeitung empfeh­len, weil Manches darin auch auf unsere Zustände paßt, macht die vorstehende Frage selbst nicht in der jetzigen Zeit, in wel­cher die Gewalt der Thatsachen vorerst nur allein den Aus­schlag geben wird, zu keiner ganz müßigen. Wenn man auch im Allgemeinen nachgeben muß, daß keine Staatsform die ab­solut beßte sey, so kann man doch füglich behaupten, daß die konstitutionelle Monarchie die stärkste, die reine Demokratie aber eine einseitige, unvollkommene und in der Regel zur Des­potie übergehende Staatsform ist.

Platon und Aristoteles, Montesquieu, Carl Salomo Za- chariä und Hegel haben die konstitutionelle Monarchie für die beste Staatsform erkannt.

Die Geschichte Englands lehrt, daß seine dermalige, seit Jahrhunderten bestehende Verfassung, die konstitutionelle Monar­chie, die beste Staatsform ist, welche eS jemals gehabt hat. Sie hat ihm Macht, Bildung und Wohlstand gebracht.

Norwegen und Belgien haben sich noch nie so kräftig und glücklich, als unter ihr chefunden. Der gedachte Artikel besagt außer Anderem auch Folgendes:

Um aber ein Volk in wahrhaft konstitutionellem Sinn zu erzielen, muß man schließlich doch auch ein konstitutionelles Wolk haben, und konstitutionell im englischen Sinn ist rm^allgemeinen das deutsche Volk zur Zeit noch wahrhaftig

Daß wir Deutsche in konstitutioneller Bildung den Eng- lândern noch nachstehen, können wir nicht lâugnen. Das ist aber auch ganz natürlich. Die Engländer haben den Kvnsti- tutionaliSmus schon Jahrhunderte kultivirt und wir Deutschen Probiren unS erst einige Dezennien darin. Die verfassungs­mäßige Monarchie ist zwar auf germanischer Erde entsprossen und mit der altsächsischen Verfassung auf Albions Boden ver­

pflanzt worden; die Feudalmonarchie hatte sie jedoch in ganz Deutschland überwachsen und niedergedrückt. Erst im Anfänge dieses Jahrhunderts sproßten die konstitutionellen Monarchien in Deutschland wieder üppig auf und die Konstitutionen wur, den von dem deutschen Volke mit dem größten Jubel begrüßt und längere Zeit mit Eifer gepflegt.

Weniger politischer Unverstand, als böser Wille von Sei- ten der größeren deutschen Regierungen unterdrückte jedoch ihren naturgemäßen Wuchs und so konnte man nur in wenigen deutschen Ländern und in diesen auch nicht in dem reichlichen Maße die Früchte genießen, welche Englands Konstitutionalis­mus seinen freien Söhnen bot und dermalen noch bietet.

Der März des vorigen Jahres klopfte bei allen deutschen Regierungen so ungestüm an, daß Sie zu Allem, was man von ihnen nur billiger Weise verlangen konnte, bereitwillig die Hände boten. Statt die dargebotene Hand zu ergreifen und mit vereinten Kräften zu bauen und fortzupflanzen, stießen viele deutsche Volksabgeordnete solche zurück und stellten in unerhörter Verblendung politische Forderungen auf, welche die Regierungen nicht eingehen konnten, wenn sie anders Verfas, jungen für lebensfähige repräsentative Monarchien begründen helfen wollten. Was etwa die Volksabgeordneten an wahn­sinnigen Ansprüchen versäumten, das holte die radikale Presse, der es nicht um das Aufbauen und Fortpflanzen, sondern nur um das Niederreißen und Zerstören zu thun war, nach. Die traurigen Folgen davon blieben nicht auS. Oesterreich und Preußen oktroyirten Verfassungen. Da, wo bereits Verfas­sungen bestanden, griffen die Stände theils aus politischem Unverstände, theils aus bösem Willen in die Exekutive über, setzten^ sich gegen alle Handlungen der Regierung in stete Opposition und machten das Regieren in konstitutionellem Geiste, wenn nicht ganz unmöglich, so doch häufig so schwie- riß-, daß die StaatSmajchinen in die gefährlichsten Stockungen und Schwankungen geriethen und sich dermalen in Deutschland leider zum großen Theile noch darin befinden.

Alle diese traurigen und den Vaterlandsfreund tief betrü­benden Erfahrungen beweisen jedoch noch nicht, daß das deutsche Volk für den KonstitutionaliSmus noch nicht reis sey und keinen konstitutionellen Sinn habe; sie beweisen nur, daß wir Deutschen noch in der Lehre sind, durch Fehler lernen und durch Schaden klug gemacht werden müssen.

Das allgemeine Verlangen in ganz Deutschland nach zeit­gemäßen Institutionen gibt gerade einen prägnanten Beweis dafür ab, daß das deutsche Volk für den KonstitutionaliSmus reif ist und Sinn für ihn hat. Trotz der seitherigen Fehler von beiden Seiten wird der KonstitutionaliSmus in Deutsch­land dennoch gedeihen und zu einem stattlichen Baume empor­wachsen , dessen Früchte Fürsten und Volk erquicken werden und unter dessen Laube der müde Pilger auöruhen kann.

Die Ereignisse in Baden, so traurig und so unerhört sie auch in Deutschland sind, werden auch nicht verfehlen, dem deutschen Volke die heilsamsten Lehren zu geben. Sie und der Ausstand in der Rheinpfalz werden unser gutes Volk belehren, daß das Uebermaaß der Freiheit zur Anarchie und die Anarchie zur Despotie und zur Knechtschaft führt. Sie werden eS be­lehren, daß die Menschen nicht die wahren Apostel der Freiheit