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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

JS 126. Mittwoch den 30. Mai 184«

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume­rationspreis ist in Wiesbaden T fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn-und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die Wühlerei unter den Soldaten.

Deutschland. Dillenburg (Dieeisernen Bürgerwehrkanonen"). Frankfurt (Dec Großherzog von Baden). Kreuznach (Beschlag­nahme von Pulver). Aus Rheinhessen (Die Freiheit). Karls­ruhe (Geständnisse der provisorischen Regierung). Stuttgart (Der König und das Militär). München (Truppenzusammenziehungen). Leipzig (Die preußischen Truppen im Oberland).Berlin (Kongreß der konstitutionellen Vereine Preußens. Die Verhaftung von 17 Demo­kraten). Wien (Ein Sturm auf Ofen abgeschlagen. Die Proklama­tion des Kaisers von Rußland).

Rußland. Petersburg (Flotte nach dem Sund).

Nachschrift.

* Die Wühlerei unter den Soldaten.

Die provisorische Regierung von Baden läßt sich's ange­legen seyn, eine Ansprache an diedeutschen Krieger," welche die offene Aufforderung zu Aufruhr und Treubruch enthält, unter der FirmaDienstsachen"! in die Welt zu schicken.

Auch nach Wiesbaden ist eine gute Portion dieser Flug­blätter gelangt und den Soldaten zugesteckt worden. Welche Wirkung aber dadurch erreicht wurde, möge man aus der am Schluffe dieses Blattes abgedruckten Erklärung der zweiten Kompagnie des ersten Regiments ersehen, die wohl denDe- mokraten ziemlich verständlich seyn wird.

Wir freuen uns, daß gerade durch die frevelhaften Wühle­reien jd er Geist der Treue und Ehrenhaftigkeit in unsern braven Truppen um so lebendiger wird. Die Nassauep wollen nicht zurückbleiben hinter dem preiswürdigen Beispiele der hessischen Soldaten.

Wie sollten aber auch nicht den Soldaten die Schuppen von den Augen fallen? wenn die Wühler so gränzenlos plump manöveriren, wie es z. B. unlängst der Abg. Lang in unserer Kammer gethan, indem er den Fahneneid und den Schwur der Treue gegen den Landesfürsten- cherlich zu machen suchte, und es ganz unerhört fand, daß der Eid für die Reichsverfassung in den Fahneneid einge­schoben worden war, was freilich kurioser Weise in der Reichsverfassung selber gefordert ist. Es waren auch bei dieser Verhöhnung des Fahneneides ganz zufällig ohne Zweifel viele Soldaten aus den Zuhörerbänken. Sie konn­ten sich also persönlich überzeugen, daß der schlechtverhüllte Wunsch der Linken dahin geht, den Soldaten weiß zu machen, durch den Eid auf die Reichsverfassung sey der Fahneneid auf­gehoben. Dann würde sich die badische Wirthschaft ziemlich leicht auch hier vollenden lassen. Und nun hatte die Reichs­verfassung selber durch ihre einfältige Bestimmung diesen Hand­streich auf das Gewissen der Soldaten vereitelt! Unsere Sol, daten wissen aber jetzt, daß sie an dem alten Fahneneid eben so treu festzuhalten haben, wie an dem neuen Eid auf die Reichsverfassung.

Es ist der schönste Beruf des Kriegsmannes, die Macht

des Gesetzes aufrecht zu erhalten. Der Soldat muß aber an sich selber darin vorangehen durch strenge Mannszuchr und un­verbrüchliche Treue gegen seinen Kriegsherrn. Ohne dies ist ein Soldatenkvrps ein zügelloser Haufe, der auch von einem viel schwächeren Gegner leicht in die schimpflichste Flucht ge­schlagen wird. Oder meint Ihr, diese badischen Soldaten, welche jetzt schon zum großen Theile bittere Reue darüber em­pfinden, daß sie ihren Eid gebrochen, würden unverzagt einem Feinde entgegen gehen? diese Soldaten, welche gestern ihre Offiziere ermordet oder fortgejagt, und heute schon selber ein­gestehen, daß die neuen selbstgewählten Offiziere, wohl im Bierhause tüchtig waren, aber im Dienste, wo es die Orga- nistrung eines zügellos gewordenen Heeres gilt, den Kopf ver­lieren? Man sucht die Soldaten zu gewinnen durch Soldzu­lagen und kann auf der andern Seite nicht einmal die schul­digen Einstandsgelder bezahlen! Und das Alles nur zum Schutze der Reichsverfassung! Und wiederum will man blos zum Schutze der Reichsverfassung auch die Truppen anderer verfassungstreuer Staaten zum Meinciv und Zügellosig­keit verleiten!

Da hat doch dieser Tage ein nassauischer Soldat eine weit gesundere Ansicht gehabt: Er schrieb unter den als Plakat an­gehefteten Aufruf der badischen provisorischen Regierung: Wegweiser nach Dietz und Eberbach."

Deutschland.

* Wiesbaden, 29. Mai. Der Artikel: Mainz, 26. Mai, nach welcher in verflossener Nacht 2000 Bayern in Worms eingerückt sind, ist aus sicherster Quelle dahin zu berichtigen, daß Oberst Blenker mit 500 Freischärl ern dort ein­gezogen ist.

P Dillenburg, 24. Mai. In der zweiten Beilage deS Frankfurter Journals vom 22. Mai Nro. 122 lesen wir in einemO Wiesbaden, 21. Mai" datirten Artikel die überra­schende Nachricht, daß die hiesige Stadt, der Hauptstadt voran­eilend, bereits zwei Bürgerwehrkanonen im Preise von 1000 fl. in das Feld gestellt habe. Entfernte Leser dürften leicht zu der Ansicht verleitet werden, daß diese Geschütze bereits wirk­lich, mit Munition versehen, auSgerückt seyen, wohl um den hiesigen Abg. Naht in seinem besonnenen, doch aber etwas fabelhaften und abenteuerlichen Kampfe gegen die Krone Preus, sen zu unterstützen.

Diesem ist jedoch zur Zeit nicht so. Wohl hat am Him­melfahrtstage in einer Volksversammlung, wo zwei Schullehrer, daS Publikum mit ihren Einfällen zu ergötzen, sich wechselseitig überboten, einer dieser Redner auch den Gedanken, die hiesige Stadtkasse zu einer solchen Ausrüstung in Anspruch zu nehmen, ausgesprochen. Abgesehen von sonstigen Hindernissen ist jedoch die Geldebbe in dieser Kaffe so bedeutend und andauernd, daß Bürgermeister und Rath am zweiten Tage nachher den Beschluß verkündigten, daß man zur Bewaffnung einiger unbemittelten Wehrmänner zu einer allgemeinen Hauskollekte zu schreiten ge­nöthigt sey.