Nassauische
Allgemeine Zeitung
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Mittwoch den 23. Mai
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Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags ~ '
rationspreis ist in Wiesbaden 8 ft., für den Umfang des Herzogtums Nassau, des Großherzogthums und .....
Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn-und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 ff. 40 fr — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen- ber g'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Sonntag. - Der vierteljährige Prânume. Kurfurstenthums Hessen, der Landqrafschakt 5 nrtölfßon Norton ff , j A 4s '
Uebersicht.
Soll man das Militär auf die Verfassung beeidigen? Das Zweikammersystem und die Berücksichtigung der Bei- tragspflichtigkeit zu den Staatslasten in der Volksvertretung.
Deutschland. Wiesbaden (Der Herzog. Landtag). — Mannheim (Die Anarchie). — Karlsruhe (Ein oktroyirtes Wahlgesetz. Die Reichskommiffäre). — Kassel (Truppensendung nach Waldeck). — Stuttgart (Aufruf an die Soldaten). — München (Die zweite Kammer).
— Schwerin (Aufregung). — Wien (Aus Ungarn).
Schweiz. Bern (Deutsche Flüchtlinge).
Frankreich. Paris (Resultat der Wahlen).
Großbritannien. London (Friedensvorschläge für den dänischen Krieg).
Amerika. Kanada (Unruhen).
Nachschrift.
%* Soll man das Militär auf die Verfassung beeidigen?*)
Felix, quem faciunt aliena pericula caatum.
Wiesbaden, 18. Mai. Der Soldatenaufstand in Baden, welcher die in der ganzen zivilistrten Welt bisher anerkannte deutsche Treue geschändet, der an Niederträchtigkeit in der deutschen Geschichte nicht seines Gleichen hat, und eine ewige Schande und Schmach für Deutschland und namentlich die Badener bleiben, und von ihren Kindern und Enkeln mit Scham und Wuth über die unerhörte Treulosigkeit ihrer Väter in den strenge richtenden Büchern der Geschichte gelesen werden wird; dieser Soldatenaufstand gibt unserer Frage eine so hohe politische Bedeutung, daß man sie selbst in einer Zeit, worin Vernunftgründe wenig Gehör finden, und nur unersetzlicher Schaden mit der Zeit klug machen wird, der Aufmerksamkeit des politisch-redlichen und nüchternen Publikums zur gründlichen Ueberlegung und zu der besonnensten Erledigung dringend empfehlen muß. Was uns anlangt, so halten wir überhaupt alle Verfassungseide, wenn nicht für politische, demoralisuende Spielereien, wenigstens doch für überflüssig.
In Republiken hat der DerfassungSeid, wenn man die Natur der Dinge nicht verkennen will, ohnehin keinen Sinn. In der konstitutionellen Monarchie sollen die VersaffungSeide eine religiöse Garantie gewähren. Diese Garantie ist jedoch sehr gering; denn der politische Eid ist weiter nichts, als die
*) Damit etwa die „Freie Zeitung" nicht wieder glaubt, in diesem Artikel sehen Tendenzen des Ministeriums ausgesprochen, so bemerken wir zum voraus, daß wir in der Vereidigungsfrage ganz oppositionell gegen das Ministerium stehen. In den schwächsten deutschen Staaten ist die Vereidigung auf eine in sich unvollendete und dermale» gar nicht ausführbare Berfaffung ertrotzt worden. Die heffendarmstädtische Regierung, welche noch einige Kraft und Selbstständigkeit zu besitzen scheint, weist heute diesen Eid, als etwas aus den oben angedeuteten Gründen Widersinniges entschieden zurück. Die Red.
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religiöse Verknüpfung der Gesinnung des ihn ableistenden Individuums mit der Verfassung. Er ist eine ruinartige Verknüpfung des Staates mit der Kirche, und heutigen Tages seine Garantie um deßwillen höchst unsicher, weil ihn die Kirche nicht abnimmt; weil die religiösen Ansichten so unendlich va- riiren und weil endlich die Religiosität stets sich verringert. Jedoch — mundus vult decipi, ergo decipiatur!
Was nun insbesondere vèn Verfassungseid der Soldaren betrifft, so halten wir denselben für einen gegen die konstitutionelle Monarchie geführten Todesstreich. (In der Autokratie kommt er nicht vor.) Er verwirrt die Begriffe der Soldaten über militärischen Gehorsam, ohne welchen kein brauchbares Militär denkbar ist. Er kann sehr leicht den Fahneneid, dessen Verletzung doch wohl jeden Truppenkörper zu einer zuchtlosen Bande herunter würdiget, beeinträchtigen. Die Vereidigung der Soldaten auf die Verfassung kann, wann sie von gewissenlosen Wühlern ausgebeutet wird, die bravsten Truppen in eine zügellose Soldateska, in römische Prätorianer umwandeln, die, wie die Geschichte lehrt, alle bürgerliche Freiheit zernichten und im weitern Verlauf der Dinge Stützen des schrecklichsten Despotismus werden.
Karl Salomo Zachariâ spricht sich über diese Frage da, wo er von der Gefahr, daß sich die konstitutionelle Monarchie in eine Republik verwandle, handelt, folgendermaßen
„Man hat vorgeschlagen, das Heer nicht blos dem Fürsten, sondern auch der Verfassung schwören zu lassen! Aber entweder ist dieser Eid unnütz oder er löst die Bande der Kriegszucht auf."
In dem zweiten Vaterland dieses unsterblichen Weisen hat sich leider sein Ausspruch auf eine Art bestätigt, die jeden Deutschen, in welchem noch ein Funken von Treue und Ehre ist, mit der bittersten Wehmuth erfüllen muß! Kaum hatte die badische Regierung, eine Regierung, die in Volksthümlich- keit und Freisinn allen anderen Regierungen Deutschlands vorausging, die verlangte Vereidigung des Militärs auf die Verfassung nachgegeben und theilweise vollzogen, so empörte sich ein Regiment nach dem andern, verjagte oder ermordete seine Offiziere und verließ feige und schimpflich in aufgelösten Banden seine Fahne. Ist pieß nicht eine praktische Lösuna unserer Frage? 3
Wen solche Erscheinungen nicht nüchtern und wach machen, der schlafe, bis ihn die Balken seines von zügellosen Haufen angezündeten Hauses zerschmettern! Tum tua res agitur, paries cum proximns ardet!
, .Darin, daß die rothen Demokraten die Vereidigung des Militärs auf die Verfassung verlangt und theilweise schon durchgesetzt haben, liegt Konsequenz; sie erreichen damit ihren Zweck, den Umsturz der repräsentativen Monarchie. Daß jedoch Männer, welche eö mit der konstitutionellen Monarchie wohl meinen, solche angestrebt und haben durchführen helfen, ist ein politischer Taumel, den ein Dämon, der sich Obcron's Horn bemächtiget,, angeblasen hat. Invidus hand eadem semper quatit ostia daemon!