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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^ 115» Mittwoch den L« Mai 1849»

Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. Der vierteljährige Pränume­rationspreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kurfurstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. »O fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. Jnsera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit S fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellen­der g'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Der nationale Kongreß.

Deutschland. Wiesbaden (Landtag). Frankfurt (Der Aufstand in Baden. Reichstag). Heidelberg (Der Aufstand in Rastatt).

Vom Oberrhein (Mililärtumult). Aus der Pfalz (Wach­sende Aufregung).Soest (Die Natur der Bewegung). Wien (Die Stärke der Russen).

Nachschrift.

* Der nationale Kongreß.

Frankfurt, 14. Mai. Ich beeile mich, über den ersten Tag des Kongresses der nationalen Vereine und seine Ergeb­nisse einen kurzen Bericht zu erstatten. Es waren Vereine vertreten aus den Ländern: Holstein, Hamburg, Hannover, Braunschweig, Kurhessen, Hessendarmstabt, Sachsen, Thüringen, Nassau, Baden und Würtemberg. Die Zahl der bevollmäch­tigten Theilnehmer belief sich auf 6070, von denen jedoch mehrere eine ganze Reihe von Vereinen repräfekitirten. Aus Nassau war der Deutsche Verein zu Wiesbaden vertreten durch die Herren Werren, Lehr und Riehl, der Wiesba­dener Bürgerverein durch die Herren Fresenius und v. Arnoldi, der Deutsche Verein zu Weilburg durch die Herren Treuenfels und Strobel. Auch eine Anzahl Ruchstagsmitglieder hatte sich zur Theilnahme an der Diskussion eingefunden, wurde jedoch durch die höchst wichtigen Verhandlungen, welche sich im Laufe des Tages in der Paulskirche und in den Ausschüssen und Klubbs entwickelten, wieder weggezogen. Am Vormittage erledigte man das Formelle, einigte sich über eine Geschäfts­ordnung u. s. w. und wählte den Prof. v. S ybel aus Mar­burg durch Akklamation zum Vorsitzenden. Die Abgeordneten aus Baden, welche sich bereits Tages vorher eingefunden hat­ten, wurden durch die in den Frühstunden eintreffenden trau­rigen Nachrichten aus ihrer Heimath zur sofortigen Rückkehr nach Hause bewogen, wo ihre Anwesenheit und ihr thatkräf­tiges Einwirken freilich dringender gefordert war.

Da die Eröffnungen, welche man in der Paulskirche er­wartete, nothwendig einen maßgebenden Einfluß auf die Ver­handlungen üben mußten, so begab sich der Kongreß nach Er­ledigung der Formalitäten sofort in die Paulskirche. Doch wurde hier die ziemlich resultatlose Sitzung alsbald auf den Nachmittag vertagt, und der Kongreß konnte, in den Weiden - busch zurückgekehrt, gegen 1 Uhr seine eigentlichen Arbeiten beginnen.

Eine große Reihe von Anträgen lag vor. Nachdem die Versammlung einmüthig ihr treues Festhalten an der Reichs­verfassung als den einigenden Punkt der verschiedenartigen in ihr vertretenen Elemente ausgesprochen, wurde der erste Antrag ohne Diskussion vor Allem angenommen. Er lautet: die Mitglieder der Reichsversammlung zu ersuchen, gegenwär­tig nicht auszutreten, oder wo die Zurücknahme einer bereits gegebenen Austrittserklärung noch möglich sey, dieselbe zurück­

zunehmen. Dieser Beschluß ist um deßwillen von Wichtigkeit, da sich leider ein Mitglied der Rechten nach dem andern nach Hause begibt, was im gegenwärtige» Augenblicke eine wahre Feigheit ist. Wenn es noch einige Tage so fort geht, dann wird die Linke bei jeder Frage die sichere Majorität in der Hand haben.

Als zweiter Antrag stand auf der Tagesordnung: die Nationalversammlung zu ersuchen, sofort eine Exekutivgewalt, nach anderer Fassung einen Diktator zu ernennen :c. Da je­doch dieser Antrag sammt allen sich daran knüpfenden Amen­dements keine Mehrheit erlangen konnte, wurde dieses Thema nach langer Diskussion aufgegeben.

Eine Reihe weiterer Anträge betraf die Volksbewaffnung. Die meisten Stimmen sprachen sich entschieden gegen das Bil­den von Freischaaren aus. Es wurde daher beschlossen, die Vereine möchten dahin wirken, daß die Regierungen die Volks­bewaffnung auf gesetzlichem Wege rasch organisirten. Entschei­dend wirkte bei dieser Debatte namentlich ein Vortrag des Abg. Fresenius von Wiesbaden, welcher die neue Organisation der Volkswehr in Nassau als ein Muster hinstellte, um dadurch den Freunden des Freischaarenwesens eine lebensfähigere Aus­führung der Volksbewaffnung entgegen zu halten.

Endlich kamen verschiedene Anträge zur Verhandlung, die auf einen Anschluß der hier vertretenen Vereine an den März, verein zielten. Hierüber entspann sich ein heftiger Kampf und es traten alsbald die verschiedenen Parteiabstufungen des Kon­gresses in scharfen Umrissen hervor. Eine äußerste Linke (hauptsächlich vertreten durch die Abgeordneten von Fulda und Bingen) wollte völliges Aufgehen der nationalen Vereine in den Zentral-Märzverein als eine bloße Sektion desselben. Bei diesem Anlässe bemerkte Gegen bauer aus Fulda, daß er den nationalen Kongreß keineswegs als einen Kongreß von blos konstitutioneller Vereinen betrachte, sondern daß nach einem im vorigen Jahre zu Kassel gefaßten Beschlusse auch republi, konische Elemente in demselben vertreten seyn könnten und seyen. Es war auch ein Abgeordneter des Märzvcreins von Schotten unter den anwesenden Bevollmächtigten, der für die Mârzver- eine sprach, und unsere Vereine einer eben so scharfen als un­gerechten Kritik unterwarf, worüber sich lebhafter Widerspruch und Unwille äußerte. Jener Antrag auf völliges Aufgehen des nationalen Vereines in den Märzverein wurde mit großer Majorität verworfen. Deßgleichen ein anderer Antrag, welchen ursprünglich Gegenbauer stellte, später aber Arnoldi aus WieS, baden ausgenommen hatte, daß der Vorort des nationalen Vereines dem Vororte des MärzvereineS zu einem gemeinsa­men Handeln die Hand bieten möchte.

Dagegen wurde ein Antrag von Lehnhardt aus Mainz angenommen, daß der nationale Verein mit dem Vorort des ZentralmärzvereinS in mündliche Beziehung treten solle über den Punkt der Durchführung der Reichsverfassung, daß aber das Verhältniß der einzelnen Vereine zu den Märzvereinen völlig dem Ermessen jedes Vereines überlassen bleibe. Zu die­sem Anträge stimmten auch die Abgeordneten des Deutschen Vereines zu Wiesbaden, welche sich jedoch nachdrücklich gegen jede Verschmelzung oder durchgreifende Verbindung der beiden Körperschaften verwahrten, sowie gegen jede den einzelnen Ver-