Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 1141. Dienstag den LS Mai 18419.
Die Nass. Allg. Zeitung erscheint zweimal, die Beiblätter einmal täglich, mit Ausnahme des Sonntags. — Der vierteljährige Prânume- rationspreis ist in Wiesbaden S fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 3 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 3 fl. «> fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden'in der L. Schellen« berg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Amtlicher Theil.
Dienstnachricht.
Nichtamtlicher Theil.
Hinter den Kulissen.
Deutschland. Wiesbaden (Landtag). Mainz (Auszug nach der Pfalz). — Groß b erzogt hum Hessen (Zuzug nach Mheinbapern). Aus der Rheinpfalz (Dufour lehnt den Oberbefehl ab). Der Lan- deSvertheidigungsausschuß). — Heidelberg (Skandal). — Karlsruhe (Eidesleistung der Kammer auf die Reichsverfassung. Volksversammlung in Offenburg). — Düsseldorf (Berichtigung). — Bom Niederrhein (Die Landwehr). — München (Rüstungen). — Hannover (Friedensaussichten). — Aus dem Sundewitt (Aus dem nassauischen Feldlager). — Berlin (Die Provinzen. Die Hülfe Preußens an Sachsen. Angeblicher Plan. Das neue Wahlgesetz). — Breslau (Fortdauer der Ruhe). — Wien (Der Kaiser). — Prag (Unruhen).
Italien. Turin (Romarino zum Tod verurtheilt).
Frankreich. Paris (Tagesbericht).
Nachschrift.
Amtlicher Theil.
Am 28. April ist der Lehrer Schmidt zu Fußingen mit Tod abgegangen. Dem Schulkandidat Paff von Idstein ist die Lehrvikarstelle in Fußingen in provisorischer Eigenschaft übertragen worden.
Nichtamtlicher Theil.
* Hinter den Kulissen
ES ist bisher gar zu ruhig in Nassau gewesen. Diese Dürre, dieser Wassermangel, diese Entbehrung jedweden Krawalls und Spektakels hat unsere Linke in große Verlegenheit versetzt. Es ist ja jetzt der zweite Akt der deutschen Revolution prophezeit und wer sich da nicht rasch in die Höhe macht, der könnte am Ende sitzen bleiben. Aber bei uns geht Alles im geregeltsten Gleise; die Reichsverfassung kann leider nicht einmal den gewünschten Bruch zwischen Volk und Regierung bringen, denn sie fand in Nassau so bereitwillige und nachdrückliche Anerkennung, wie nur menschenmöglich.
Aber man braucht Spektakel! Herr Snell, Herr Lang, Herr Raht rc. möchten gar zu gerne endlich einmal°etwas bedeuten, ich meine etwas Reelles, etwas Inhaltvolleres als ein bloser fruchtlos opponircnder Landtagsabgeordneter, der sich obendrein gar von der Regierungsbank muß Grobheiten sagen lassen , wie Herr Snell, was unstreitig sehr unkonstitutioncll ist, während eö ganz unzweifelhaft konstitutionell ist, wenn Hr. Snell der Regierung zuerst Grobheiten sagt.
Man braucht Spektakel, eine „Krisis," etwas Durcheinander! Es ist eine mijerabele Situation. Krawall überall; nur in Nassau will sich keiner machen lassen.
Ein Ministerium Raht-Snell - Lang wäre wohl so übel nicht? Die „ungeheuere Mehrheit" des Volkes würde dasselbe gewiß mit „Vertrauen" begrüßen! Oder so eine Art von provisorischer Regierung, so etwas Landes-Ausschuß, oder ein bischen Konvent? Der Zenkral-Ausschuß für die Wehr-Organisation, der sich selber dem Volke auf-oktroyirt, auf grob deutsch sagt man, aufdrängt, — bildet bereits den Anfang von alle Dem, nnd ein Blödsichtiger kann die künftigen „Provisorischen" ohne Brille auS den Unterschriften des Bewaffnungs-Aufrufes herauslesen. Aber zu all solchen Dingen braucht man eine Krisis, und weil sie nicht da ist, muß sie mit den Haaren herbeigezogen werden.
Am Samstag glaubte die Linke in der Kammer dieser schöne Augenblick sey gekommen. Schon lange konnte man es I merken, daß die Vereidigungsfrage hauptsächlich in der Weise I gedreht wurde, um dem Ministerium eine Falle zu stellen, und die seitherige Einigkeit der Kammer mit dem Ministerium mit möglichstem Anstand zu brechen. Als sich nun Letzteres ganz den Beschlüssen des Reichstages und den Verfügungen der Reichsgewalt gemäß verhielt, und diese höher anschlug, als einen bloßen Beschluß unserer Kammer, glaubte die Linke ihren Trumpf auschielen zu können. Das Ministerium hätte den Kammerbeschluß vollziehen sollen trotz der Reichsgewalt, re, bellirend gegen die Reichsgewalt, gegen dieselbe Reichsgewalt, der es laut K a m m er b e sch l uß kaum eine Woche vorher die ganze Macht Nassaus zur unbedingten Verfügung gestellt! Auf diese widersinnige Folgerung glaubt die Linke ein Mißtrauensvotum begründen zu können! Sie hätte so ganz kopflos gewiß nichtverfahren, wenn sie nicht ein Mißtrau ens- Votum so dringend nöthig hätte — nicht für sich nämlich, sondern für das Ministerium. Aber das war doch zu plump. „Man merkt die Absicht," sagt Göthe, „und man ist verstimmt." Die Kammer war in der That verstiinmt, d. h. sie stimmte nicht, wie es die Linke um alter und neuer Freundschaften willen gewünscht hatte. Dafür ward denn auch der Abg. Heyl, als er für den Großmann'schen Antrag stimmte, von der linken Seite her mit ungezogenem Gelächter begrüßt. Doch als der Abg. v. Gödecke, mißmuthig über den verunglückten Kammerputsch, auS der erwählten Kommission treten zu wollen, erklärte, rief ihm Reinecke FuchS — ich wollte sagen, der Adg. Raht — zu: „Nur den Muth nicht sinken lassen!" Noch ist also Polen nicht verloren.
Es ist jammerschade, daß inzwischen der Reichstag einen Beschluß gefaßt hat, der wahrscheinlich dieser Vereidigungsagitation ihre Wurzel abschneiden wird.
Man muß sich also wohl wieder nach einem neuen Hebel umsehen, um daS bewußte bringens nöthige Durcheinander im nassauischen Staate dennoch herbeizuführen. Wie wir hören, sollen denn auch sofort bereits andere Mittel in Bewegung gesetzt worden seyn, um einen Sturz des Ministeriums anzubahnen.
Welche Mittel aber überhaupt jetzt angewandt werden, um die „Unruhe um jeden Preis" herzustellen, möge