Augsburg, 6. Mai. (Allg. Z.) Auch die heutige Wiener Post (vom 3. Mai) meldet über die Stellung der kaiserlichen Armee von Raab bis Preßburg nichts von Bedeutung. Die bis zu 100,000 Mann angewachsene Jnsurgentenarmee unter Görgey und Dembinski scheint vor kurzem noch den Plan gehegt zu haben, direkt auf Wien zu rücken, und dort durch eine Aenderung des Ministeriums jeder Feindseligkeit gegen Ungarn ein Ziel zu stecken. Jetzt wendet sich das Hauptaugenmerk der Insurgenten gegen die 170,000 Mann stark anrückenden Russen, die ste einzeln, wie sie ankommen, zu schlagen versuchen werden, wahrend zugleich der Aufstand und Krieg nach Galizien und dem königl. Polen getragen werden soll. Dort, oder — wenn einen größern Aufstand dort anzublasen nicht gelingt — in den Theißgegenden wird der Kampf sein Ende finden; aber biS dahin wird noch lange blutige Arbeit nöthig seyn. Für einen Augenblick sehen sich die österreichischen Generäle auf die Defensive beschränkt. Melden überkam von Windisch-Grâtz nicht über 30,000 kampffähige Soldaten; schon aber zählt sein Heer jetzt 60,000 Mann. Der österreichische General Barko wurde zwischen Munkatsch und Alscho Vereltzka von einem überlegenen Jnsurgentenkorps angegriffen und bis Stry in Galizien zurückgedrängt.
Benedek und Vogel sollen sich bei Eperieö vereinigt, dann aber bis Bartfeld — sechs Meilen von Eperies, gegen Galizien — zurückgezogen haben, um den Einmarsch der Russen abzuwarten. Die Losreißung Ungarns ist jetzt offiziell, sie wurde nach der Wiener Zeitung am 14. April beschlossen. Kossulh ist zum regierenden Präsidenten erklärt.
Braunschweig, 4. Mai. Heute Morgen sind mit dem ersten Zuge die hannoverschen Minister Slüve und Beningsen hier durch nach Berlin passirt. ES dürfte wohl keine ungegründete Vermuthung genannt werden, wenn angenommen wird, daß die Reise der Genannten eine Folge der Aufforderung deS preußischen Kabinets, zum Zwecke der Vereinbarung einer Verfassung für Deutschland, Bevollmächtigte nach Berlin zu senden, sey. Stüve also, der deutsche Mann, der Vertrauensmann deS ganzen hannover'schen Volkes vor nicht langer Zeit, ist der erste Minister, welcher sich den Anforderungen deS Preußischen Kabinets fügt. (D. Reichsztg.)
Hannover, 4. Mai. Unsere Truppen schwanken, ob sie die Disziplin höher achten müssen, als die Reichsverfassung, ob sie die Waffen gegen ihre Brüder gebrauchen dürfen. Mehrere höhere Offiziere sollen erklärt haben, daß sie nicht darauf rechnen könnten, daß ihnen die Mannschaften gehorchen würden, wenn es einen Kampf gegen das Volk gelte. So sind denn auf morgen drei Tausend Preußen in der nächsten Umgebung der Stadt angesagt, die auf einem Marsche nach Süddeutschlanv hier einige Ruhetage halten werden.
Berlin, 4. Mai. (D. Z.) Als zuverlässig kann ich Ihnen melden, daß Preußen drei Armeekorps aufstellen wird; zwischen der Gränze von Posen und Krakau, zwischen Halle und Erfurt und in der Nähe von Wetzlar. Jedes dieser Korps wird 50,000 Mann stark seyn.
Heute beriethen dle Minister über eine Aenderung des WahlmoduS. Wie man hört, will das Ministerium nicht nur einen andern WahlmoduS in Preußen einführen, sondern das Ergebniß seiner heutigen Berathung auch den andern Regierungen zur Annahme empfehlen, um so eine gleichmäßige Wahl- art für ganz Deutschland zu erzielen! Sie sehen, daß man dabei beharrt, die deutsche Verfassung, wie sie dermalen ist, nicht anzuerkennen , und daß die Sendung Baffermann'S in dieser Beziehung fruchtlos geblieben.
Auf der andern Seite sind aber Anzeichen vorhanden, daß die Regierung über Alles wünscht, einen förmlichen Bruch mit der Nationalversammlung zu vermeiden und den Weg der Verständigung wieder zu gewinnen. Man fühlt wohl, daß man ein gefährliches Spiel spielt; Aber — Berlin ist ruhig und auch die Nachrichten aus den Provinzen lauten so, daß man etwas glaubt wagen zu können.
.Berlin, 5. Mai. Wie versichert wird, soll bereits in wenigen Tagen ein preußisches Armeekorps, welches bei Görlitz zusammengezogen wird, zur Verfügung der sächsischen Regierung gestellt werden. Auch in der Umgegend von Löbau soll der Geist der sächsischen Bevölkerung sehr aufgeregt seyn.
Wie die Berliner ParlamentSkorrespondenz berichtet, ist
die gesammte preußische Landwehr einberufen. Preußen wird demnach vor Ablauf von acht Tagen eine Truppenmacht von vier bis fünfmalhunderttausendMann mobilhaben.
Wien, 2. Mai. (A. Z.) Von hier nichts neues. Wien ist sehr ruhig und sehr russcnneugierig. Und Deutschland? Auch der Ruhigste fühlt, daß es da draußen wetterleuchtet, wo Preußen, Hannover, Sachsen und Bayern ohne Landtag regieren! Das Hauptquartier kommt übrigens nach Preßburg, und der Haupteinmarsch der Russen geschieht über Krakau; man will sich nicht zersplittern. An 2000 Verwundete und ebensoviel Gefangene wurden schon hieher geschafft. Die Garnison zählt volle 22,000 Mann.
Sowohl Militärs als auch Arbeiter vom Zivilstande sind täglich sehr beschäftigt, in der Nähe Wiens', bei Schwechat und auf dem Marchfelde, verschanzte Lager zu errichten; eS werden tiefe Brunnen gegraben und Backofen gebaut. Mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit werden alle möglichen Kräfte aufgeboten und für den nahen großen Kampf in Bewegung gesetzt, in welchem Ungarns künftiges Schicksal entschieden werden soll. In banger Erwartung und mit tiefbewegtem Gemüthe sind aller Blicke auf diese unglückliche Nach, barprovinz gerichtet, nicht als ob der Ansgang zweifelhaft wäre, sondern im Hinblick auf die unausbleiblichen Folgen, welche selbst nach Jahren noch im ganzen Reiche werden schmerzlich empfunden werden. Seitdem das Unwahrscheinliche zur Gewißheit geworden, daß eine russische Macht in Ungarn in# tervenire, sind hier alle Volksparteien verstummt, eine wehmüthig ernste und trübe Stimmung beschleicht fast alle Gemüther. Jeder weiß und fühlt nur zu gut, daß die Streiche der Russen, gegen die Magyaren geführt, leider auch uns treffen. — Das Dienstpersonal beim Hofstaate wurde bis auf ein Drittel verringert und in Pension versetzt. Unser Hof fängt bedeutend zu sparen an. Gestern Nachmittags kam ein russischer Kourier eilends an. Derselbe soll dem Kriegsmini- sterium den Wunsch des Kaisers überbracht haben: Feldmar, schall Graf Radetzky möchte den Oberbefehl über die russischungarische Armee übernehmen. So geht wenigstens die Sage; ich kann sie auf keine Weise verbürgen.
Frankreich.
□ Paris, 5. Mai. Das große Nationalfest ging, trotz des enormen Gedränges in den elysäischen Feldern, ohne alle Störung vorüber. Seit Menschengedenken erinnert man sich hier keiner ähnlichen Illumination âuf Staatskosten.
Am Abend war große Tafel beim Seinepräfekten Berger. Von Gliedern des diplomatischen Korps sahen wir nur den englischen und dänischen Gesandten beim Feste. Das Journal des Debats verräth uns nicht ohne heimliche Freude, „daß die Privat-Jlluminationen nur durch ihre Seltenheit glänzten." Die Bürgerwehr rief übrigens gestern einstimmig: Es lebe die Republik!
— Bo ichot, Sergentmajor des 7. leichten Infanterie- Regiments und einer der beiden Kandidaten für die nächste Kammer wurde gestern nach der Parade verhaftet, und in das Militärgefängniß abgeführt auf allerhöchsten Spezialbefehl Changarnier's. Man munkelt von einer Art Militärverschwörung.
— Der „Moniteur" wird uns morgen mit einer Liste von Ordensverleihungen beim gestrigen Feste erfreuen. Unter den Bekreuzten befinden sich auch Meyerbe er und der bibelfeste Hebräer Cahen, notirt mit 1500 Franken für literarisch-publizistische Verdienste jährlich.
— Die Wahlpropaganda geht ihren Gang. Es fällt uns täglich eine solche Menge von Glaubensbekenntnissen in die Hände, .daß ihre bloße Erwähnung einen Bogen füllen würde.
— Der von den Ungarn aufgefangene Brief Metternich's an Windisch-Grätz, der aus dem Pesthizirlopi in die Pariser Blätter überging, macht großes Aufsehen. Das „UniverS," sich als Organ der Gesellschaft Jesu getroffen fühlend, erklärt ihn für eine Mystifikation, mittelst der man wohl die dummen Ungarn, aber nicht daS aufgeklärte Frankreich hinter'S Licht führen könne.